Montag, 03. August 2020

Campingplätze vermissen Senioren

Halb voll oder halb leer? Die Rede ist nicht vom Glas, sondern von Südtirols Campingplätzen. Die Betreiber haben heuer unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die allermeisten vermissen ausländische Stammgäste, einige verzeichnen dafür deutlich mehr Wohnmobile mit italienischem Kennzeichen. Das berichten die „Dolomiten“ am Montag.

Wie die Situation auf Südtirols Campingplätzen ist, haben die „Dolomiten“ in Erfahrung gebracht.
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Wie die Situation auf Südtirols Campingplätzen ist, haben die „Dolomiten“ in Erfahrung gebracht. - Foto: © dpa-tmn / Tobias Hase
Unmittelbar nach der Öffnung der Campingplätze am 25. Mai standen viele Stellplätze leer – erst langsam rollten Wohnwagen und -mobile an. „Es funktioniert, es geht gut – aber morgen?“, fragt sich Alfred Waldner, Betreiber vom Camping zum See in St. Valentin auf der Haide.

Mit dieser Ungewissheit müssen viele seiner Kollegen hierzulande leben und arbeiten. Teilweise klagen die Betreiber derzeit noch über weniger als halb so viele Buchungen als in den vergangenen Jahren.
Obwohl mehr deutsche und niederländische Kennzeichen auf Südtirols Straßen zu sehen sind, hält sich die Begeisterung bei den Campingplatzbetreibern in Grenzen. Der Campingtourismus ist zwar wieder gestartet, aber „so guat a net“, bemerkt Ulrich Pirpamer vom Camping Zögghof in St. Leonhard in Passeier.

Durchreisende fehlen

„Was extrem fehlt, sind die Durchreisenden“, und dies sei laut Pirpamer nicht nur auf Covid-19, sondern auch auf die lange Wintersperre der Timmelsjochstraße (die seit 18. Juli wieder befahrbar ist) und die teilweise gesperrte Jaufenpassstraße zurückzuführen. Nun gehe es nur langsam bergauf: 60 bis 70 Prozent der Stellplätze seien gebucht, davon wiederum 80 Prozent von Deutschen. Die Auslastung liege nicht annähernd bei den Werten der vergangenen Jahre, aber immerhin rechnet Pirpamer im August mit einem Anstieg auf 80 bis 90 Prozent der Buchungen der vergangenen Jahre.

Er wisse von Kollegen in Deutschland, die völlig ausgelastet seien, weil viele Deutsche heuer Urlaub im eigenen Land machten.
Dies bestätigt auch Thomas Rinner, Betreiber vom Camping Latsch an der Etsch: „Einer Studie zufolge fahren normalerweise 70 Prozent der Deutschen ins Ausland zum Campen, 30 Prozent bleiben in Deutschland. Heuer ist es genau umgekehrt.“ Darüber hinaus fehlten auch viele Holländer und Dänen.
Auf Mittsommerfeiertag hin meist gut gebucht
Familie Steinkasserer vom Pustertaler Camping Ansitz Wildberg in St. Lorenzen musste seit der Öffnung am 3. Juni nicht nur feststellen, dass die Auslastung im Vergleich zu den Vorjahren um 90 Prozent zurückgegangen war: „Sonst hatten wir auch viele Holländer, im Moment sind es aber nur 3.“ Immerhin sei heuer eine andere Nationalität stärker vertreten: „Ab 7./8. August sind wir dann ausgebucht – mit Italienern.“

Dem kann Andreas Happacher, Betreiber des Caravan Park Sexten, nur zustimmen: „Wir haben 25 Prozent mehr Italiener, aber auch die Hälfte der Gäste aus den Niederlanden und 46 Prozent weniger Schweizer.“ Ein Blick in die Statistiken des Campings verrät den holprigen Start im Corona-Jahr 2020: „Vom 1. bis 20. Juli hatten wir letztes Jahr 7600 Nächtigungen aus Deutschland – heuer waren es im selben Zeitraum 4800“ und damit über ein Drittel weniger.

Doch nach dem schwachen Monat Juni (mit 20 Prozent Auslastung), verdreifachte sich dieser Wert im Juli – „läuft also nicht ganz schlecht“, meint der Campingplatzbetreiber. Das Interesse sei da, doch spüre man auch immer noch die Angst: „Die Leute stornieren sehr kurzfristig“, muss Happacher zugeben. Besonders ängstlich zeige sich verständlicherweise die Risikogruppe der Senioren.

Leute verbinden Menschenansammlungen mit Angst


„Es gibt noch sehr viele Absagen. Wir haben Stammgäste, die seit 20, 30 Jahren herkommen. Sie sind jetzt 70 oder 80 Jahre alt. Es ist aber keineswegs die Angst vor Südtirol, sondern vor dem Tourismus“, sagt Sabine Turker, Marketing-Leiterin vom Camping Moosbauer in Bozen. Wobei es mit dem Tourismus der Vor-Covid-Zeit vorbei ist: Die Leute verbinden damit Menschenansammlungen, die Angst komme daher, dass man nicht wisse, neben wem man stehe, wo jemand herkomme und was er mitnehme.

Doch Sprache schlägt Brücken: „Auch die Sprache gibt Sicherheit. Die Gäste lesen die ,Dolomiten‘, um zu wissen, was hier passiert. Deutsche und Österreicher fahren bis zum Gardasee, weil dort noch Deutsch gesprochen wird“, so Turker.

Weniger erfreuliche Lage im Unterland

Auch mit Englisch kommt man gut zurecht: Kim und William van de Rakt sind mit ihren 3 Kindern per Wohnmobil aus den Niederlanden zuerst nach Deutschland, dann in die Schweiz und schließlich nach Südtirol gefahren. „In der Schweiz waren auf dem Campingplatz fast ausschließlich Einheimische“, berichtet Kim und bestätigt somit den Trend des Urlaubs innerhalb der eigenen Staatsgrenzen.

Die Familie habe keine Angst vor Corona: „Wir leben in der Nähe eines Epizentrums des Virus, wo es sehr viele Fälle gab“, erklärt die 3-fache Mutter. In ihrem Land müsse man keine Schutzmaske tragen, die hätten sie eigens für den Urlaub gekauft.

Nicht nur Holländer, auch Franzosen und Spanier verbringen zumindest einige Tage im Camping Moosbauer: „Es isch olls do“, freut sich Turker.

Weniger erfreulich scheint die Lage im Unterland zu sein. Gefragt, ob Gäste auch am Camping Markushof in Auer wieder verstärkt angerollt kommen, antwortet Familie Graiff: „Nein. Eine ganz deutliche Antwort: Nein, das ist nicht der Fall. Es ist noch sehr, sehr schwach.“ Ungefähr 70 Prozent weniger Gäste als zur selben Zeit in den vergangenen Jahren habe man am Campingplatz im Unterland – dessen Hauptzielgruppe Rentner sind – verzeichnet.

Auch die Statistik des Campings Steiner in Leifers spricht Klartext: „Durchschnittsalter der Gäste: 45 Jahre. Das ist deutlich niedriger als in Vergangenheit“, weiß Betreiberin Petra Pfeifer und deutet die noch niedrigen Camper-Zahlen in Südtirol auch als Indikator für fehlende Restaurant- und Hotelgäste sowie Kunden im Detailhandel der umliegenden Dörfer und Städte.

mic