<b>+ von Roland Benedikter</b><BR /><BR />Im heurigen US-Präsidentschaftsrennen setzen alle Kandidaten Künstliche Intelligenz (KI) als mittlerweile wichtigstes Mittel für Beeinflussung und Werbung ein. <BR /><BR />Doch damit nicht genug: Die Chatbot-KI „AI-braham Lincoln“ (Abe 2.0) wird 2028 als eigener US-Präsidentschaftskandidat antreten. Damit reagieren einflussreiche Technikmacher auf die Verdrossenheit der Wähler mit menschlichen Kandidaten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1063944_image" /></div> <BR /><BR />In Großbritannien trat bereits im Juli der Chatbot „Steve“ als „Parteiunabhängiger“ im Bezirk Brighton Pavilion als Parlamentskandidat an. Und in der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wyoming, Cheyenne, ist zwar die Kandidatur von nichtmenschlichen Akteuren für politische Ämter verboten. Dort dreht aber ein Kandidat den Spieß um. <BR /><BR />Er will einen Chatbot unter seinem Namen und mit seiner Identität kandidieren lassen – und erklärt, dass, wenn gewählt, er als Mensch selbst nur das Werkzeug der KI „Virtueller Integrierter Bürger“ (VIC) sein wolle. Der Chatbot solle unter seinem Namen alle politische Arbeit machen und die Entscheidungen treffen, weil er bereits viel ausgewogener und intelligenter als die Menschen sei.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-66214766_listbox" /><BR /><BR /><BR />Das Ganze hat in westlichen Demokratien sowohl ironische wie realistische Untertöne. Es gibt aber auch revolutionäre Ansätze in Autokratien – so in Weißrussland. Dort hat die Opposition auf Basis von ChatGPT 4 den Chatbot „Yas Gaspadar“ für die Parlamentswahlen aufgestellt – und erklärt, er sei viel realistischer und freier als die vom Regime des Diktators Lukaschenko kontrollierten Kandidaten der Scheinwahlen. <BR /><BR />Vor allem: Der KI-Chatbot könne nicht verhaftet werden, wenn er gegen das Regime stimmt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1063947_image" /></div> <BR /><BR />Manche sehen diese konkreten Beispiele als erste Ansätze der „Hybridisierung“ von Politik an – also des Wegs zu einer Mensch-Technik-Demokratie, die ab den 2030er Jahren Realität werden könnte.<h3> KI beeinflusst die politische Meinung </h3>Die äußere Entwicklung zu Technik-Kandidaten ist aber noch nicht alles – und vielleicht auch nicht das Wichtigste. KI-Chatbots verändern die Politik auch viel subtiler, nämlich kapillar von innen heraus.<BR /><BR />So haben Forschungen gezeigt, dass Chatbots mit ihren Informationen zunehmend in der Lage sind, Bürger von Positionen zu Sachfragen zu überzeugen und sie damit politisch zu beeinflussen.<BR /><BR /> Das hat auch damit zu tun, dass Sachbücher kaum noch vollständig gelesen werden, weil es zu viele sind und man sie sich immer öfter von ChatGPT zusammenfassen lässt – sogar im hektischen Wissenschaftsbetrieb. <h3> Ist KI links?</h3>Andererseits zeigen, wie das Magazin „Der Spiegel“ berichtet, wissenschaftliche Erhebungen etwa der Hochschule Otago, dass KI im Schnitt selbst politische Schlagseite hat: Sie gibt öfter „linke“ Antworten. <BR /><BR />Seit der Veröffentlichung dieses Trends wird die Grundfrage diskutiert: Bringen Chatbot-Technologien von sich aus einen politischen Links-Drall mit sich?<h3> KI – eine Gefahr für die Demokratie?</h3>Diese Debatte wird kontrovers geführt, weil es Argumente dafür und dagegen gibt. <BR /><BR />KI ist an sich nicht links oder progressiv, ganz im Gegenteil. Sie ist in Mechanismen und Verfahrensweisen nicht demokratisch, sondern tendiert zur beinharten Wahrscheinlichkeitsberechnung von Entscheidungen nach Erfolgs-Prozenten, nicht zum Dialog von Meinungen. Das rückt sie eher in die nichtdemokratische Ecke – was zum Beispiel autokratische Regime wie China genau so sehen. <BR /><BR />Chinas Präsidentschaftskanzlei erklärte im Sommer, China sei politisch gerade im Technikzeitalter „der Berg, der sich nicht bewegt“ – und eben damit auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft. Denn China müsse nur warten, bis sich KI-Chatbots in den demokratischen Politiksystemen des Westens ausbreiten – dann sei es mit der bisherigen Demokratie dort bald vorbei.<BR /><BR />Andererseits sind Chatbots ihrer Natur nach kooperativ, weil sie auf metaindividuelle Information angewiesen sind und deshalb kollektivistisch und globalistisch operieren: also im Prinzip doch „links“. <BR /><BR />Die Frage lautet aber, ob die Tendenz von Chatbots zu „links-progressiv“ nur in Demokratien gilt, also wenn ein Chatbot dort angefragt wird – in Autokratien aber ganz andere Antworten kommen, die eher dem dortigen autokratischen Regimestandard entsprechen? Wie werden sich diese teilweise verwirrenden Verhältnisse zwischen öffnenden und abschließenden Tendenzen in den kommenden Jahren entwickeln? Das ist offen. <h3> Tritt 2028 in Südtirol ein KI-Kandidat an? </h3>Ebenso unausgemacht ist, was das für Südtirols delikate und auf Balance und Augenmaß angewiesene politische Landschaft der kommenden Jahre bedeutet. <BR /><BR />Wird es bereits bei den nächsten Landtagswahlen 2028 auch hierzulande KI-Chatbot-Kandidaten geben, dann etwa auf Basis von ChatGPT 5 oder 6 – sei es aus Protest gegen die politischen Parteien oder als ernsthaften „Verbesserungsversuch“ der Prozess- und Entscheidungsqualität? Werden langfristig auch in Südtirol menschliche Kandidaten nach und nach durch Chatbots ergänzt oder „aufgerüstet“? <BR /><BR />Und: Was würde das für die höchst sensible Autonomieregelung mit ihren vielen dynamischen Teilbereichen und Verhandlungskommissionen im Spannungsfeld zwischen staatlichen, lokalen und europäischen Behörden bedeuten?<h3> Je stärker KI eingebunden wird, desto größer der Einfluss</h3>Sicher ist: Auch in Südtirol ist die Unzufriedenheit mit dem Parteiensystem in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Das hat zur Fragmentierung der Politiklandschaft geführt. Je stärker KI mittels umfassender Datenintegration in die politische Entscheidungsvorbereitung eingebunden wird, desto größer wird – schrittweise von unten nach oben – ihr politischer Einfluss.<BR /><BR /> Ein Bürgermeister im Jahr 2030 wird sich sehr gut vorbereiten müssen, um bei der Entscheidung, ob eine Straße gebaut oder Bäume gefällt werden, gegen die KI-Empfehlung zu entscheiden – womit wir faktisch bereits ein gemischtes Mensch-Technik-System hätten.<h3> „KI-isierung“ der Politik ist kritisch zu betrachten</h3>Doch gegen all das gibt es auch starke Gegenindikationen. Bislang weisen KI-Chatbots sogenannte „Halluzinationen“ auf: Sie schließen vom Einzelnen falsch auf Ganzheiten und schlagen in der Folge absurde Entscheidungen vor. Das rechtfertigt die anhaltende Skepsis einer deutlichen Wählermehrheit in Demokratien gegen die politische Bedeutungszunahme von KI-Chatbots. <BR /><BR />In Südtirol könnten autonomiefreundliche Positionen mittels Fütterung der Chatbots durch autonomiefeindliche Positionen untergraben – und insgesamt also eher angreifbarer als sicherer – werden. <BR /><BR />Und wenn Una-May O'Reilly vom Massachusetts Institute of Technology sagt, KI-Sprachmodelle seien auch in Zukunft grundsätzlich ungeeignet dafür, menschliche Intelligenz nachzuahmen, weil sie vor allem eines den „gesunden Menschenverstand“ (common sense) nicht erreichen, dann sollte auch in Südtirol die Entwicklung in Richtung einer „KI-isierung“ von Politik zurückhaltend und kritisch begleitet werden. <BR /><BR />Dies nicht zuletzt, um unsere Autonomie auch in den sicher kommenden Technik-Revolutionen – zu denen neben immer mehr und besseren Chatbots auch der Aufstieg der Dezentralisierungs-Technologie Blockchain gehören wird – vor größeren Brüchen zu schützen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1063950_image" /></div> <BR /><b>Zum Autor</b><BR />Roland Benedikter ist Soziologe und Politikwissenschaftler; seit 2022 hat er den UNESCO-Lehrstuhl für Antizipation & Transformation am Center for Advanced Studies der Eurac inne.