<BR /><BR /><b>Professor Gobbetti, ob Laborfleisch oder genetisch veränderte Lebensmittel: Die Diskussion, wie sich unsere Lebensmittelproduktion weiterentwickeln soll, ist in vollem Gange. Sie arbeiten an solchen Technologien der Zukunft. Wohin geht die Reise? </b><BR />Marco Gobbetti: Wir stehen als Menschheit global gesehen vor der großen Herausforderung, ausreichend Lebensmittel für eine ständig wachsende Bevölkerung bereitzustellen. Allen voran braucht es Eiweißquellen, doch tierisches Eiweiß kann in dieser Hinsicht aufgrund der bekannten ökologischen und ethischen Problematiken nicht die Lösung sein. Deshalb braucht es pflanzliche Alternativen – ob mit Hülsenfrüchten, Pseudogetreide, aber auch Mikroorganismen wie Pilzen und Bakterien, Algen oder Insekten. <BR /><BR /><b>Da wird es für viele Menschen bereits problematisch…</b><BR />Gobbetti: Ja, doch weder Konsumenten noch die Lebensmittelindustrie werden mittelfristig an solchen Alternativen vorbeikommen. Ich möchte jetzt nicht in die Polemik rund um Laborfleisch einsteigen, aber nur ein kleiner Anstoß: Wir alle essen Joghurt, und um Joghurt zu produzieren, braucht es Mikroorganismen, die im Labor gezüchtet werden. Und bei Laborfleisch geht es eben um die Kultivierung tierischer Zellen im Labor. Also, mein Appell als Forscher ist, solche Entwicklungen nicht von vornherein abzulehnen. Denn wir brauchen neue und innovative Lösungen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60712984_quote" /><BR /><BR /><b>Welche Lösungen werden in den Laboren ihrer Micro4Food-Plattform entwickelt? </b><BR />Gobbetti: Wir sind beispielsweise in einem großen EU-Projekt unter dem Titel „Smart Protein for a Changing World“ direkt an der Entwicklung solch alternativer Proteine beteiligt; in einem weiteren großen EU-Projekt geht es um die Produktion von Lebensmitteln auf Basis von Mikroorganismen und die damit verbundene Verbesserung des Nährwerts von Lebensmitteln. Im Mittelpunkt vieler unserer Entwicklungen steht eine traditionelle Technik: die Fermentation, die uns wunderbare Möglichkeiten eröffnet, nachhaltige Lebensmittel und alternative Proteine zu entwickeln. Hier sind wir in der Forschung weltweit führend mit dabei. Und wir sind vor allem bereit, das Wissen in diesem Bereich direkt an die lokale Lebensmittelindustrie weiterzugeben. Und zwar heute schon, und nicht erst in 10 Jahren, wenn diese Entwicklungen sich durchgesetzt haben werden. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60712988_quote" /><BR /><BR /><b>Wie funktioniert dieser Wissenstransfer? </b><BR />Gobbetti: Indem wir bereits heute zahlreiche Kooperationen mit großen wie kleinen Betrieben und Organisationen pflegen. Ab 2024 wird sich diese Zusammenarbeit mit unserem neuen Kompetenzzentrum für Lebensmittelfermentation weiter intensivieren, für das wir bereits 10 Industriepartner gefunden haben; den Großteil davon aus der Region. Diese Zusammenarbeit mit Unternehmen ist essentiell, nicht nur aus Perspektive des Wissenstransfers. Wenn wir beispielsweise Alternativen zu tierischem Eiweiß entwickeln, braucht es auch neue Methoden, um daraus Lebensmittel zu produzieren, die genauso gut schmecken wie die vertrauten Produkte. Hier arbeiten wir beispielsweise mit Unternehmen an einem Projekt, in dem es darum geht, Käse auf Basis von Eiweiß aus Hülsenfrüchten statt aus Milch zu produzieren. Darüber hinaus ermöglichen die Technologien, die wir entwickeln, Unternehmen im Sinne der Kreislaufwirtschaft zur arbeiten. Indem beispielsweise die Reststoffe der Bierproduktion zur Produktion von Backwaren mit besseren Nähwerten als herkömmliches Brot verwendet werden.<BR /><BR /><b>Sie sind auch Mitglied im European Research Council, dem Europäischen Forschungsrat, der entscheidet, welche großen Projekte der Grundlagenforschung in Europa finanziert werden. Was sollte für die Forschung, was für Unternehmen die Priorität sein in den nächsten Jahren?</b><BR />Gobbetti: Ich habe nicht nur die Ehre, für den Bereich Agrar und Lebensmittel in diesem europäischen Forschungsrat zu sitzen. Auf italienischer Ebene bin ich unter anderem Mitglied im „Comitato Nazionale per la Biosicurreza, le Biotecnologie e le Scienze della Vita“, das die Regierung zu eben solchen Zukunftsfragen und bei der Erarbeitung von entsprechenden Richtlinien und Gesetzen berät. In all diesen Aktivitäten, ob in meinem internationalen wie nationalen Netzwerken, oder bei der Forschung hier im NOI Techpark und in der Arbeit mit Unternehmen, sehe ich ganz klare Prioritäten: Wir müssen es gemeinsam schaffen, Nahrungsmittel mit verbessertem Nährwert zu produzieren, und zwar aus neuen und unkonventionellen Rohstoffen. Wir müssen dorthin kommen, in der Lebensmittelproduktion keine Abfälle mehr zu produzieren, sondern alle Reststoffe zu verwerten und daraus neue Inhaltsstoffe und Lebensmittel herzustellen. Und wir sollten einfache traditionelle Techniken wie eben die Fermentation wiederentdecken und weiterentwickeln, aber gleichzeitig offen für Innovationen bleiben. <BR /><BR />