Helmenstein, unter anderem Chefökonom der Industriellenvereinigung in Österreich, war Redner beim diesjährigen „Raiffeisen Summer Apéro“ des Raiffeisenverbandes Südtirol. <BR /><BR /><b>Immens verschuldet, wachstumsschwach: Italien galt lange als der Patient Europas. Nun kranken vorwiegend andere, allen voran die größte Volkswirtschaft Europas, Deutschland. Hat sich das Blatt also gewendet?</b><BR />Christian Helmenstein: Sie haben recht mit Ihrer Einschätzung. Italien war lange das große Sorgenkind. Und das völlig zurecht: Zwischen 2000 und 2020 ist das BIP Italiens real nicht gewachsen. Seit 2020 aber rund 5 Prozent stärker als Deutschland und Österreich. Dinge ändern sich eben – nicht von heute auf morgen, aber mit der Zeit. <BR /><BR /><BR /><b>Italien ist zuletzt zwar gewachsen, aber wies im vergangenen Jahr die höchste Neuverschuldung aller EU-Länder auf. Kritiker könnten einwenden, dass es sich so und mit PNRR-Milliarden aus Brüssel im Rücken, leichter wachsen lässt.</b><BR />Helmenstein: Das ist korrekt. Soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Italien einen Paradigmenwechsel vollzogen hat. Und diesen sollte man anerkennen, finde ich. <BR /><BR /><BR /><b>Worin besteht dieser Paradigmenwechsel?</b><BR />Helmenstein: 2 Jahrzehnte hat Italien gebraucht, um zu verinnerlichen, dass man fehlende Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr über den Hebel Währung ausgleichen kann. <BR /><BR /><BR /><b>Seit dem Eintritt in die Euro-Zone 1999…</b><BR />Helmenstein: Richtig. Während sich viele aus diesem Grund die Lira lange zurückgewünscht haben, sind dies nun nur noch wenige. Spätestens seit der Regierung Draghi scheint allen klar zu sein, dass kein Weg daran vorbeiführt, selbst wettbewerbsfähiger zu werden. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass verstärkt Geld für Infrastrukturprojekte und Bildung in die Hand genommen wird. Kurzum: Es hat ein Umdenken stattgefunden. <BR /><BR /><BR /><b>Für die nächsten Jahre geht etwa der IWF für Italien wieder von schwächeren Wachstumsraten aus…</b><BR />Helmenstein: Ich teile diese Einschätzung nicht. Weil sie wichtige Rahmenbedingungen für Wachstum nicht ausreichend berücksichtigt. Ich bin überzeugt, dass Italien auch in den nächsten Jahren durchschnittlich kräftiger wachsen wird als Deutschland oder Österreich.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Rahmenbedingungen weist Italien auf, die Sie optimistisch stimmen?</b><BR />Helmenstein: Erstens die Lohnstückkosten: Diese sind in Italien seit 2010 um nur 15 Prozent gestiegen, in Österreich um 53 Prozent. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Zweitens die Energiekosten: Nach dem Vorstoß Russlands in der Ukraine und der darauffolgenden Energiepreis-Explosion hat sich das Land vorbildlich verhalten. Sofort ist man dazu übergegangen, sich in puncto Energie unabhängiger zu machen und nach strategischen Alternativen zu suchen. Mit einer solchen Konsequenz hat dies kaum ein anderes Land in Europa gemacht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-65939317_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>2023 zählte Italien aber noch immer zu den EU-Ländern mit den höchsten Energiepreisen…</b><BR />Helmenstein: Das stimmt. Aber man muss die jüngste Entwicklung beachten. Und diese zeigt in eine andere Richtung. Die Inflation ist seit vielen Monaten stark rückläufig, dies hat maßgeblich mit der Verbilligung des Faktors Energie zu tun. In Italien sind die Preise dafür deutlicher gesunken als in anderen EU-Ländern. Und auch die Kerninflation, also jene ohne Energie und Lebensmittel, liegt weiter unter dem EU-Schnitt. Man mag es kaum glauben, aber Italien ist zu einem Land mit einer hohen Preisstabilität geworden. <BR /><BR /><BR /><b>Was spricht noch für Italien?</b><BR />Helmenstein: Die Arbeitsproduktivität hat in den meisten westeuropäischen Ländern kaum zugenommen oder sie ist sogar zurückgegangen, nicht so in Italien, wo sie seit 2020 um 7,5 Prozent zugelegt hat. Ebenso lobenswert sind die zunehmende F&E-Tätigkeit der Unternehmen sowie die verstärkten Investitionen in Infrastruktur im Stiefelstaat.<BR /><BR /><BR /><b>Ist nicht die Bürokratie ein großer Hemmschuh für die Entwicklung Italiens?</b><BR />Helmenstein: In der öffentlichen Diskussion werden häufig verschiedene Aspekte miteinander vermischt. Eines darf man nämlich nicht vergessen: Die Bürokratie entsteht nicht in Rom, sondern in Brüssel. Italien ist aber in der Handhabung innerhalb enger Grenzen flexibler als andere. Nichtsdestotrotz stimme ich insofern zu, als dass die Bürokratie in Europa generell viel zu hoch ist. Dass dies rasch besser wird, denke ich auch nicht. Jüngst meinte die wiedergewählte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dass die Bürokratie in Europa um 25 Prozent reduziert werden müsse. Daran sieht man, dass das Problembewusstsein auf höchster Ebene völlig fehlt. Es müssten vielmehr 75 Prozent der bürokratischen Belastungen abgebaut werden. <BR /><BR /><BR /><b> Wie soll das gehen?</b><BR />Helmenstein: Das geht, man muss es nur wollen. Doch an der Bereitschaft und am Willen zweifle ich. Jüngstes Beispiel ist für mich das soeben beschlossene Lieferkettengesetz. Da wird ein Problem, das politisch gelöst werden müsste, sprich die Ausbeutung von Arbeitskräften und Kinderarbeit, auf die Unternehmen abgewälzt. Die Politik müsste alles daran setzen, dass derlei Praktiken nicht mehr stattfinden; stattdessen gibt man die Verantwortung an die Wirtschaft weiter, die sich ihrerseits mit einem weiteren Bürokratiemonster konfrontiert sieht. <BR /><BR /><embed id="dtext86-65941321_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Jahrzehntelang war Deutschland die Wachstumslokomotive Europas: Trauen Sie Italien Ähnliches zu?</b><BR />Helmenstein: So weit würde ich nicht gehen. Ich sage aber, dass die Zeichen für Italien günstiger stehen als für andere, auch größere Volkswirtschaften in Europa. Das Land ist auf einem guten Weg. Blickt man über den Tellerrand hinaus, muss man schon feststellen, dass europäische Länder nach und nach an Boden verlieren. Nicht umsonst gibt es den Begriff der „Eurosklerose“, der für starre Arbeitsmärkte, hohe Regulierung und mangelnde Innovationskraft steht. Darunter leiden fast alle Länder in Europa – das eine mehr, das andere weniger. <BR /><BR /><BR /><i>Zur Person: <BR />Christian Helmenstein ist Chefökonom der Industriellenvereinigung und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Privatuniversität Schloss Seeburg/Salzburg sowie Gründer und Leiter des Cognion Forschungsverbundes (u.a. Economica, Research Studios Austria, SportsEconAustria. Derzeit ist er zudem Generalrat der Österreichischen Nationalbank. Seine Forschungsschwerpunkte sind Makro- und Regionalökonomie, wirtschaftlicher Strukturwandel, Finanzwirtschaft und Sportökonomie.</i>