„Südtirol gewinnt emotional, verliert aber beruflich“, bringt es Universitätsprofessor Kurt Matzler auf den Punkt. Matzler hat die Studie wissenschaftlich begleitet, die gestern vorgestellt wurde. Durchgeführt und ausgewertet wurde die Befragung von Theresia Mair im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Innsbruck. 341 Mitglieder des Netzwerks Südstern aus 25 Ländern haben daran teilgenommen. Die Studie knüpft an frühere Erhebungen aus den Jahren 2014 und 2021 an. <h3> Warum viele gehen und bleiben</h3>„Viele Südtiroler gehen zunächst wegen des Studiums oder wegen internationaler Erfahrungen ins Ausland“, sagte Matzler. Dort blieben sie dann aber häufig, weil die beruflichen Möglichkeiten besser seien. 70 Prozent der Befragten geben an, Südtirol ursprünglich wegen der Ausbildung verlassen zu haben. 44 Prozent nennen das Interesse am Ausland und an Internationalität, 25 Prozent berufliche Gründe.<BR /><BR />Geblieben sind viele dann vor allem wegen der Arbeit. 83 Prozent verweisen auf bessere berufliche Möglichkeiten, 61 Prozent auf höhere Löhne oder bessere Arbeitsverträge. „Die größte Verschiebung im Vergleich zur Studie von 2021 gab es tatsächlich bei den Löhnen“, sagte Mair auf Nachfrage. Damals lag der Anteil noch bei 47 Prozent. Fast jeder Zweite nennt zudem persönliche Weiterentwicklung und ein internationales Umfeld als Gründe.<BR /><BR />Laut Studie leben 80 Prozent der Südsterne weiterhin im Ausland. Nur jeder fünfte ist zurückgekehrt. Weniger als die Hälfte hat konkrete Rückkehrpläne. „Und wenn es Rückkehrabsichten gibt, sind sie oft vage: Viele denken langfristig daran, aber ohne festen Plan“, sagte Matzler.<h3> Was die Rückkehr bremst</h3>Was aber bremst die Rückkehr? Die Gründe liegen vor allem im Arbeitsmarkt. Wer eine Rückkehr ablehnt, tue das vor allem aus beruflichen Gründen, sagt Matzler. 67 Prozent nennen diesen Punkt, 50 Prozent verweisen auf ein zu niedriges Lohnniveau, 40 Prozent auf einen unattraktiven Arbeitsmarkt. Hinzu kommen persönliche Lebensumstände im Ausland, Familie, fehlende Internationalität und der Wohnungsmarkt. In den offenen Antworten tauchen zudem Themen wie intransparente Stellenvergaben und fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf.<BR /><BR />Auch bei der Bewertung Südtirols als Arbeits- und Lebensort zeigt sich eine klare Zweiteilung. Sport- und Freizeitangebot sowie Lebensqualität werden von 93 beziehungsweise 92 Prozent als attraktiv bewertet. Deutlich schwächer schneiden Löhne, Arbeitsmarkt und Wohnungsangebot ab. 76 Prozent halten das Lohnniveau für weniger oder gar nicht attraktiv, 67 Prozent den Arbeitsmarkt, 58 Prozent das Wohnungsangebot.<h3> Heimat bleibt Heimat</h3>Von Entfremdung kann bei den Abgewanderten dennoch keine Rede sein. „Die emotionale Bindung an Südtirol ist sehr stark“, sagt Matzler. 84 Prozent der Befragten fühlen sich ihrer Heimat eher stark oder sehr stark verbunden. Fast die Hälfte kommt mehr als fünfmal im Jahr nach Südtirol, weitere 45 Prozent zwei- bis fünfmal. Auch das Identitätsgefühl bleibt: 61 Prozent beschreiben sich primär als Südtiroler oder Südtirolerin, 42 Prozent zugleich als Europäer oder Europäerin.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74877803_quote" /><BR /><BR />Im Grunde bestätigt die Studie also ein Spannungsfeld, das in Südtirol seit Jahren bekannt ist. „Südtirol hat als Lebensort enorme Stärken“, sagte Matzler. „Aber diese Stärken gleichen nicht automatisch aus, was am Arbeitsmarkt fehlt.“ <h3> Ein Warnsignal für den Standort</h3>Für den Wirtschaftsstandort ist das ein weiteres Warnsignal. Handelskammerpräsident Michl Ebner sprach von einer „besorgniserregenden Entwicklung“. Die Studie sei ein wichtiger Markstein, um Entscheidungsträger und Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren. Die Handelskammer Bozen hatte bereits 2019 über ihr WIFO eine ähnliche Untersuchung durchgeführt und damit eine Debatte über Abwanderung angestoßen.<h3> „Brain Gain“ statt „Body Gain“</h3>Gleichzeitig steckt in der Erhebung auch eine Chance. Denn viele Südsterne wollen sich weiterhin einbringen. 70 Prozent können sich vorstellen, einen Beitrag zur Entwicklung Südtirols zu leisten, weitere 14 Prozent tun dies nach eigenen Angaben bereits. Für Studienautorin Mair liegt genau darin ein zentraler Ansatzpunkt. Das Potenzial der Südtiroler im Ausland lasse sich auch über eine bessere Vernetzung aktivieren. „Es geht nicht immer um Brain Gain im Sinne eines Body Gain“, ergänzte Thomas Mur, Mitgründer und Vorstand von Südstern. Entscheidend sei also nicht nur, ob jemand wieder in Südtirol arbeitet und lebt, sondern auch, ob diese Person ihr Know-how für Südtirol einbringt. Genau das sei von Anfang an eine Kernidee von Südstern gewesen.<h3> Rolle der öffentlichen Hand „begrenzt“</h3> Und was kann die öffentliche Hand gegen die Abwanderung tun? „Sie kann die Rahmenbedingungen verbessern, etwa bei Mobilität, Verwaltung, Kinderbetreuung oder Wohnfragen“, erklärte Mair. Im Großen und Ganzen seien die Einflussmöglichkeiten aber eher begrenzt. „Einen wichtigen Teil müssten die Unternehmen leisten.“