3 Südtiroler Fahrradhändler sprechen vom Freud und Leid der aktuellen Lage.<BR /><BR />Wäre der Radweg zwischen Bozen und Meran eine Autobahn, hätte die Verkehrsmeldezentrale letzthin vermutlich öfter gemeldet: „Zähfließender, bisweilen Kolonnenverkehr“. An schönen Tagen und in Ferienzeiten wimmelt es auf den bekannten Radstrecken in Südtirol, insbesondere zwischen den beiden größten Städten. <BR /><BR />Vor einigen Jahren hätte man sich dieses Bild noch gar nicht vorstellen können. Damals nahm der Fahrradboom erst langsam Fahrt auf. Mittlerweile steuert er – Corona sei „Dank“ – auf seinen Höhepunkt zu. Mit allen positiven, aber auch negativen Folgen, die Hersteller, Händler und Kunden zurzeit ziemlich deutlich spüren: Auf der Haben-Seite Rekordumsätze, vor allem mit E-Bikes, neue Gästeschichten und die Motivation der Politik, die Infrastruktur rund um das Zweirad zu verbessern. Auf der Soll-Seite Lieferengpässe bei Rädern und deren Komponenten, in der Folge weniger Auswahl für die Kunden bzw. lange Wartezeiten und saftige Preissteigerungen. <h3> Viel investiert</h3>Wie gehen die Südtiroler Händler mit dieser Situation um? s+ hat bei 3 Unternehmen mit recht unterschiedlichen Realitäten nachgefragt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-54861216_quote" /><BR /><BR /> Alle 3 haben letzthin ihr Geschäft neu eröffnet, vergrößert bzw. verlegt. So bietet der Platzhirsch Sportler der Familie Oberrauch in Bozen Süd seit diesem Frühjahr Fahrräder und Bekleidung auf 4000 Quadratmetern Fläche an. In Meran ist der traditionsreiche Familienbetrieb Flarer – er wurde vor 38 Jahren gegründet – im Mai vom Hinterhof an die Hauptstraße gezogen und hat seine Verkaufsfläche dabei fast verdreifacht. Sichtbarer, weil nun an einer viel befahrenen Route in Schlanders, ist seit 2021 auch das Fachgeschäft Bikeman von Adrian Telser. <BR /><BR />Alle 3 Händler betonen: Covid-19 war nicht der Grund für die Entscheidung zu investieren, zumal es dafür mehrere Jahre Vorlauf brauche. Aber zumindest Sportler-Chef Jakob Oberrauch erklärt: „Corona hat uns noch mehr Mut gegeben, den Schritt zu wagen.“ <h3> Engpässe mit Folgen</h3>Der weltweite Aufschwung in der Fahrradbranche ist zweifelsohne dem Elektrofahrrad und da insbesondere der „Erfindung“ des E-Mountainbikes zu verdanken. Tatsächlich verkauft Sportler derzeit sogar mehr als die Hälfte der Fahrräder mit Batterieantrieb. Auch im Geschäft von Adrian Telser findet das E-Bergrad die meisten Abnehmer. Der Rennradspezialist Flarer führt E-Bikes nur begrenzt, setzt mit gehobenen Marken eher auf ambitionierte Straßenradsportler, deren Zahl laut Christine Flarer aber im allgemeinen Boom ebenfalls zugenommen hat. <BR /><BR />Die erfreulich große Nachfrage hat aber auch ihre Schattenseiten. Die Hersteller von Fahrrädern und Komponenten müssen derzeit nicht nur die Lockdown-Zeiten wettmachen, sondern sollten wegen des Branchenbooms auch noch mehr liefern. Das geht sich offenbar nicht aus und führt zu eklatanten Engpässen. Besonders betroffen sind Radkomponenten, die fast ausschließlich im Fernen Osten hergestellt werden. <BR /><BR />Aber stimmt es wirklich, dass man derzeit – wie vielfach kolportiert – ein Jahr und mehr auf ein bestelltes Bike warten muss? „Das gilt nur für Spezialteile und Sondermodelle“, beruhigen die befragten Händler. Wer einigermaßen flexibel sei, der finde im Lagerbestand ein passendes Modell. Oder er stöbert im Internet. So erzählt Adrian Telser, er habe letzthin sogar ein Fahrrad nach Frankreich geschickt: „Der Kunde hätte auf eine Bestellung ewig warten müssen und hat sein gewünschtes Modell dann auf unserer Website entdeckt.“ <BR /><BR />Angst, Kundschaft zu verlieren, weil Produkte nicht verfügbar sind, haben die Unternehmer nicht. Die meisten Kunden zeigten Verständnis, sagen sie, weil Lieferengpässe praktisch jede Sparte betreffen. Unangenehm werde es nur, wenn eine Frist vereinbart und diese dann immer noch nicht eingehalten wird. Aber das komme selten vor.<h3> Große Unsicherheit</h3>Die Händler brauchen derzeit auf jeden Fall viel Fingerspitzengefühl, denn eine Marktprognose ist aufgrund der vielen Unsicherheitsfaktoren unmöglich. „Die Situation ist ziemlich absurd“, beschreibt Jakob Oberrauch das aktuelle Geschehen. So habe sein Unternehmen schon in diesem Frühjahr die Order der Fahrräder bei den Großhändlern für das Jahr 2024 aufgegeben und habe bestimmte klassische Komponenten gewissermaßen „ins Blaue“ bestellt, um nicht irgendwann ohne dazustehen: „Jetzt haben wir halt ein riesiges Warenvolumen im Haus und hoffen, dass sich der Markt so entwickelt, wie wir es uns vorstellen. Das ist das Risiko.“ <BR /><BR />Kleinere Betriebe können es sich indessen schwer leisten, große Mengen auf Vorrat einzukaufen. „Andererseits kann ich es mir auch nicht leisten, zu wenig oder die falsche Ware im Haus zu haben“, sagt Adrian Telser. Er sei deshalb ständig am Verhandeln und Kalkulieren. „Im Moment fühle ich mich mehr als Manager“, sagt er. <BR /><BR /><embed id="dtext86-54861219_quote" /><BR /><BR />Der Unternehmerfamilie Flarer in Meran machen Lieferengpässe hingegen noch etwas weniger zu schaffen. „Wir haben unser eigenes Geschäftsmodell“, erklärt Christine Flarer. Man sei darauf spezialisiert, nur Radrahmen und Einzelteile zu bestellen und die Rennräder dann je nach Kundenwunsch selbst zusammenzubauen. Damit sei man flexibler und nicht auf die Fahrradhersteller angewiesen. „Deshalb haben sich auch die Wartezeiten für die Kunden nicht wesentlich geändert, es sei denn, es handelt sich um einen Spezialwunsch.“ Trotzdem sei es keine „normale“ Situation, wie sie vor Corona noch geherrscht hatte.<h3> Preise steigen weiter</h3>Einem können die Radhändler bei allem Geschäftssinn nicht ausweichen: den steigenden Preisen, die auf Rohstoffknappheit, zum Teil Spekulation und hohe Transportkosten zurückzuführen sind. In der Tat werden bei der Herstellung von Fahrrädern vor allem Eisen- und Kunststoffteile verwendet, die laut den führenden Komponentenherstellern 40 bis 60 Prozent teurer sind als in Vorkrisenzeiten. Aluminium kostet angeblich bis zu einem Drittel mehr. Und wie es bei den Treibstoffpreisen aussieht, muss an dieser Stelle gar nicht erwähnt werden. <h3> Unterschiedliche Prognosen</h3>Erste Preissteigerungen bei Fahrrädern gab es schon im vergangenen Herbst. Jetzt rechnen Experten mit weiteren Schüben. Schon bei den nächsten Lieferungen werde es erneute Preissteigerungen von mehr als 10 Prozent geben, vermutet Sportler-Chef Jakob Oberrauch: „Das macht bei einem guten E-Bike schnell ein paar 100 Euro aus.“ Man müsse erst abwarten, wie die Kunden auf diese Preisanstiege reagieren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-54861603_quote" /><BR /><BR />Wie schätzen nun die Händler die künftige Entwicklung ein? Christine Flarer glaubt, dass sich die prekäre Liefersituation noch geraume Zeit hinziehen und der Markt bis auf weiteres wohl nicht mehr das Vorkrisenniveau erreichen wird. Der Ukrainekrieg verschlimmere die Perspektive zusätzlich. Nichtsdestotrotz bleibt die Unternehmerin optimistisch: „Ich glaube dass alle Wirtschaftszweige, die auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausgerichtet sind, langfristig profitieren.“ Allerdings sei es notwendig, die wirtschaftliche Abhängigkeit von Asien, vor allem von China, einzuschränken: „Dazu bräuchte es Produktionsstätten auch in Europa.“ <BR /><BR />Jakob Oberrauch glaubt ebenfalls, dass das Fahrrad künftig nicht nur in der Freizeit, sondern im Sinne einer nachhaltigen Mobilität auch als Transportmittel im Alltag eine immer wichtigere Rolle spielen wird. Adrian Telser hegt hingegen die leise Befürchtung, dass es in absehbarer Zeit auch eine Marktsättigung und in der Folge einen Preiskampf geben könnte, in dem einige, die auf den Zug aufgesprungen sind, auch wieder rausfallen. Es gelte daher, wachsam zu bleiben und den Markt ständig zu beobachten.<BR />