Südtirols Weinwirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten einen sagenhaften Aufstieg hingelegt. Auf diesen wies auch Landwirtschaftslandesrat Luis Walcher in seinen Grußworten hin und bezeichnete heimische Weine „authentische und ehrliche Botschafter des Landes“. <BR /><BR />Für viele ist Südtirol heute gar die wichtigste Weißweinregion in Italien. Wie andere Anbaugebiete bleibt aber auch Südtirol von den allgemeinen Entwicklungen am Weinmarkt nicht vollends verschont. „Die Weinerzeuger in Europa sehen sich zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt“, so Christian Schwörer, Generalsekretär des Deutschen Weinbauverbandes (DVW). Zu diesen zählten etwa die in den letzten Jahren gestiegenen Produktionskosten. <h3> Die Zahlen zum Konsum</h3>Eine der größten sei aber zweifellos der schwindende Weinkonsum. Bis 2017 belief er sich auf knapp unter 250 Millionen Hektoliter weltweit, 2023 lag er bei nur noch 221 Millionen Hektolitern. In 7-Zehntel-Flaschen gemessen, wären dies rund 4 Milliarden weniger. „Von den goldenen Zeiten sind wir mittlerweile weit entfernt.“ Auch in Europa sei der Konsum rückläufig, in Italien, Spanien und Frankreich seit den 1960er-Jahren um durchschnittlich 1,2 Prozent pro Jahr. <BR /><BR />Als eine der größten Gefahren für die Weinwirtschaft sieht Schwörer neben der Demografie die „enorm erstarkte Anti-Alkohol-Lobby“. „Es ist Fakt, dass das Gesundheitsbewusstsein der Menschen steigt. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Wogegen wir uns hingegen stärker wehren müssen, ist die Stigmatisierung unserer Branche.“ <h3> WHO, DGE und Co. positionieren sich klar</h3>Schwörer verweist auf die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), auf Alkohol zu verzichten. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betont inzwischen, dass es keinen risikoarmen Konsum gebe. Und was ist mit dem täglichen Glas Rotwein, das aufgrund der Polyphenole lange als positiv für die Herzgesundheit galt? WHO und DGE argumentieren, dass mögliche Vorteile der enthaltenen Pflanzenstoffe nicht die gesundheitlichen Risiken des Alkohols aufwiegen.<BR /><BR />Laut Schwörer fehlt für den „propagierten, strikten Totalverzicht aber jegliche wissenschaftliche Evidenz“. Kampagnen wie der „Dry January“ und weitere stellten alkoholische Getränke wie Wein in ein Eck, in das sie nicht hingehörten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68481509_quote" /><BR /><BR />„Wein ist ein Genussmittel mit einer langen Tradition, Geschichte und Kultur, das man verantwortungsvoll und moderat konsumieren sollte.“ Darauf weisen die Initiativen der EU-Weinwirtschaft, „Wine in Moderation“ oder „Vitaevino“, hin. Weitere ähnliche Maßnahmen seien nötig. „Uns besorgt nämlich nicht nur, dass der Weinkonsum weiter sinken könnte, sondern auch, dass die Politik auf Basis der Empfehlungen von WHO und DGE lenkend eingreifen könnte. Denkbar wäre dann die Einführung von schon öfter diskutierten Steuererhöhungen, Warnhinweisen auf alkoholischen Getränken oder das Streichen der Absatzförderungen vonseiten der EU. Das gilt es zu verhindern.“ <h3> „Umweltleistungen müssen honoriert werden“</h3>Zu den weiteren Herausforderungen für die Branche zählt er den Klimawandel. „Frost, Starkregen, Hagel und Dürre führen vermehrt zu starken Produktionsschwankungen von einem Jahr aufs andere.“ Die Branche müsse im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit Strategien entwickeln, bei denen zum Beispiel Recyclingtechnik oder der Anbau von pilzwiderstandsfähigen Sorten ein Baustein sein könnten. „Um einen Schritt in Richtung Klimaneutralität zu gehen, muss sich der Erzeuger auch mit Alternativen zu Glasflaschen befassen, die fast 47 Prozent des CO2-Ausstoßes in der Weinproduktion ausmachen“, so der DVW-Generalsekretär. „Aber wir sehen da auch die Politik in der Pflicht. Beim Thema Nachhaltigkeit muss die soziale und insbesondere wirtschaftliche Säule bedacht werden. Konkret fordern wir, dass die Produzenten für Umweltleistungen oder für Leistungen zur Verbesserung der Biodiversität künftig auch ausreichend honoriert werden. Angesichts der angespannten Lage der Erzeuger müsste die Politik in Brüssel schleunigst intervenieren.“ <h3> Expertengruppe eingesetzt</h3>Die EU-Kommission hat mit der High Level Group letztes Jahr ein Gremium eingerichtet, das die strukturellen Probleme der Weinwirtschaft angehen und Empfehlungen formulieren soll. „Neben der Anpassung des Produktionspotenzials samt Rodungsmanagement wird eine Stärkung der Resilienz gegen Markt- und Klimaveränderungen sowie eine Anpassung an Markttrends für nötig gehalten. Wir hoffen, dass die Lösungsvorschläge vor der Umsetzungen der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik 2027 folgen. So lange können unsere Winzer nämlich nicht mehr warten. Wichtig ist eine Kombination aus kurz-, mittel- und längerfristig wirksamen Maßnahmen“, so der Funktionär des Weinverbands. <h3> Das Lagenkonzept</h3>Im Anschluss an den Gastreferenten aus Deutschland informierten am Freitag Kathrin Werth und Michael Wild vom Konsortium Südtirol Wein über das im vergangenen Herbst genehmigte Lagenkonzept. Ab dem Jahrgang 2024 dürfen bekanntlich Lagenweine neben der Bezeichnung „DOC Südtirol“ eine zusätzliche geografische Angabe auf dem Etikett führen. Erkennbar ist ein Lagenwein durch ein Piktogramm. „Nach dem neuen Konzept gibt es südtirolweit 86 Lagen mit jeweils bis zu 5 Rebsorten je Lage. Die gelesenen Mengen können bis zu ein Viertel unter jenen laut DOC-Vorschriften liegen“, teilten sie mit.<h3> Weine am Sekundärmarkt</h3>Wolfgang Klotz von der Kellerei Tramin beleuchtete im Anschluss den Sekundärmarkt für Wein, dem sogenannten „Fine Wine Market“. Weine am Sekundärmarkt werden nicht direkt vom Produzenten verkauft, sondern über Auktionshäuser oder spezialisierte Plattformen gehandelt. Der Sekundärmarkt ermöglicht Sammlern und Investoren, schwer erhältliche Flaschen zu kaufen oder ihre eigenen Bestände gewinnbringend zu veräußern. Generell sind die Preise auf dem Sekundärmarkt in den letzten Jahren gestiegen. Zwischen Anfang 2020 und Ende 2022 verzeichnete der „Liv-ex Fine Wine 100 Index“, der die Preisentwicklung der 100 gefragtesten Weine abbildet, einen Anstieg von 39 Prozent. Ein gutes Beispiel für die Potenziale am Sekundärmarkt gibt der 100-Punkte-Wein „Epokale“ der Kellerei Tramin ab, der Wertanstiege von bis zu 110 Prozent verzeichnete. <BR /><BR />Veranstaltet wurde die „63. Weinbautagung“ in St. Michael/Eppan vom Absolventenverein landwirtschaftlicher Schulen.