HGV-Präsident Manfred Pinzger im Gespräch über Kritik am Tourismus, über Verkehr, Nachhaltigkeit und über das Landestourismus-Entwicklungskonzept.<BR /><BR /><BR /><b>Herr Pinzger, wenn man sich im Land umgeschaut hat, dann scheint die Sommersaison sehr gut verlaufen zu sein?</b><BR />Manfred Pinzger: Man muss es etwas differenziert sehen, denn zur Sommersaison gehört in Südtirol in vielen Gebieten auch das Frühjahr und das ist ja zum wiederholten Male ins Wasser gefallen. Ab Mitte Juli war die Buchungslage aber gut und ist sie auch jetzt im Oktober noch. Ein Teil der Sommersaison ist also absolut gut verlaufen und es gibt keinen Grund zum Jammern. <BR /><BR /><BR /><b>Die gute Sommersaison hat aber auch Kritik mit sich gebracht, Stichwort: Overtourism und Verkehr.</b><BR />Pinzger: Es gibt immer Übereifrige, die sich dem Thema Tourismus im Negativen verschrieben haben. Natürlich müssen auch wir im Tourismus uns bewusst sein, dass wir mit Besonnenheit vorgehen und auch Korrekturen zulassen müssen. Aber die generelle Verurteilung des Tourismus in Bezug auf Verkehr oder anderen Themen lassen wir uns nicht gefallen. Da gibt es auch andere Faktoren, die man miteinbeziehen muss, nicht nur den Tourismus. <BR /><BR /><embed id="dtext86-51164399_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Pinzger: Nehmen wir den Verkehr her. Der Anteil am hausgemachten Verkehr ist nach wie vor sehr groß und scheint in der Pandemie noch angewachsen zu sein, weil viele Personen wegen der Ansteckungsgefahr nicht die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt haben. Oder denken wir an die ganzen Paketdienste, die während der Pandemie massiv zugenommen und sehr viel neuen Verkehr generiert haben. Und schlussendlich ist es halt so, dass, sei es die Brennerachse, als auch die Achse Reschen-Bozen, immer schon Durchzugsachsen waren. Was mich an der ganzen Kritik am Tourismus in den vergangenen Wochen aber am meisten störte ist, das man gerne weglässt, wie wichtig der Tourismus für die wirtschaftliche Entwicklung der Täler und Dörfer und für die Arbeitsplatzsicherung ist. <BR /><BR /><BR /><b>Sie sagten, dass sich auch die Touristiker bewusst sein müssten, dass man mit Besonnenheit vorgehen müsse. Was tut Südtirols Tourismus in puncto Nachhaltigkeit?</b><BR />Pinzger: Wir begrüßen einerseits die Initiative der Landesregierung, die Erreichbarkeit Südtirols mittels Schiene zu forcieren. Was die Mobilität innerhalb Südtirols anbelangt, so gibt es von unserer Seite bereits seit einiger Zeit die Initiative „Südtirol Transfer“, dass die Urlauber also vom Bahnhof abgeholt und direkt ins Hotel gebracht werden. Wenn wir von nachhaltigem Wirtschaften reden, dann müssen wir auch von Kreislaufwirtschaft reden und diese forcieren. Wir dürfen nicht nur Regionalität predigen, wir müssen diese Regionalität auch leben, denn es macht wenig Sinn, Nachhaltigkeit von oben herab zu verordnen, wenn sie nicht gelebt wird. <BR /><BR /><BR /><b>Sie sprechen davon, dass die heimischen Betriebe mehr auf lokale Produzenten setzen sollen?</b><BR />Pinzger: Nicht nur. Ich rede auch vom Energieverbrauch bis hin zu den Rohstoffen. Wir als Verband sind schon Mitglied des Klimabündnisses, nun muss unser Bemühen sein, dies auch unseren Mitgliedern nahezulegen.<BR /><BR /><BR /><b>Der Winter steht vor der Tür, die Pandemie ist noch nicht zu Ende und in Italien gibt es immer noch das Ampel-System. Sollten die Infektionszahlen, die Krankenhaus- und Intensivstations-Belegungen stark ansteigen und Südtirol wieder zur orangen oder gar zur roten Zone werden, was dann?</b><BR />Pinzger: Diesbezüglich gibt es noch einigen Klärungs- und Regelungsbedarf. Daher rufen wir auch unsere Parlamentarier in Rom dazu auf, sich der Sache anzunehmen. Wir als HGV haben uns jedenfalls von Beginn an zum Grünen Pass bekannt, auch wenn wir wissen, dass es in unseren Reihen auch kritische Stimmen dazu gibt. Aber eines muss allen klar sein, auch denjenigen, die dem Grünen Pass kritisch gegenüber stehen: Wichtig ist, dass wir im Winter arbeiten dürfen, denn einen weiteren Ausfall der Wintersaison will und kann sich niemand mehr leisten. <BR /><BR /><b>Man hört bzw. sieht immer wieder, dass der Grüne Pass in den Innenräumen von den Wirten nicht kontrolliert wird, dabei würde man dadurch nicht nur die Gäste schützen, sondern gegebe</b>nenfalls auch den eigenen Betrieb vor einer erneuten Schließung...<BR />Pinzger: Diesbezüglich muss ich meine Kollegen aufrufen, die Kontrollen wirklich ernst zu nehmen. Die Auflagen sind zu respektieren, denn nur dann können wir das Infektionsgeschehen unter Kontrolle halten. Aber ich glaube nicht, dass es im Tourismus im Verhältnis zu anderen Sektoren größeren Auswüchse gibt. Aber Fakt ist, im Kontakt mit unseren Gästen müssen wir eben noch sorgsamer umgehen und müssen noch vorsichtiger sein. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-51167300_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Die Green-Pass-Pflicht in den Innenräumen von Gastbetrieben gilt schon seit einiger Zeit, nicht aber, wenn man am Tresen etwas konsumiert. Tourismus-Landesrat Schuler will das ändern. Was sagen Sie dazu?</b><BR />Pinzger: Grundsätzlich muss ich sagen: Je verständlicher die Regeln für den Gast und den Wirt, umso besser. Im vorigen Jahr war es so, dass man sagte, am Budel muss man vorsichtiger und genauer sein, als an den Tischen. Heuer ist es umgekehrt. Wir wissen, dass die Konsumation am Budel in Mailand maximal 2 Minuten dauert, während die Konsumation am Budel im hintersten Ulten- oder Passeiertal abendfüllend sein kann. Daher sagen wir, wenn es nicht anders geht, dann muss man dementsprechend handeln und die Green-Pass-Pflicht auch am Budel einführen. <BR /><BR /><b>Das neue Landestourismus-Entwicklungskonzept soll im November verabschiedet werden. Wie steht der HGV zu diesem Konzept?</b><BR />Pinzger: Ich schicke voraus, dass man dringend die Voraussetzung dafür schaffen muss, dass qualitative Erweiterungen zugelassen werden, auch qualitative Investitionen, die mit der Erweiterung der Fläche zusammenhängen. Investitionen in die Qualität müssen begrüßt werden, im ganzen Land, daher besteht hier dringender Handlungsbedarf. Zum anderen ist es so, dass es jetzt eine 160-seitige Expertise als Diskussionsbasis gibt. In dieser Erhebung sieht man, dass man in bestimmten Gebieten eine Decke erreicht hat, das ist Fakt. Sinnvoll ist es daher, dass man eine Weiterentwicklung nur im Einklang mit der Bevölkerung in der jeweiligen Talschaft diskutiert. Des Weiteren will man weggehen von der Dreiteilung in strukturstarke Gebiete, mittelmäßig entwickelte Gebiete und strukturschwache Gebiete. Man will Südtirol künftig nur noch in 2 Strukturstärken einteilen. Diesbezüglich gilt es zu schauen, welche Kriterien für die jeweilige Einteilung vorgesehen sind. Denn es gibt in Südtirol immer noch Orte, in denen man froh wäre, wenn man Tourismus und damit Arbeitsplätze schafft.