Der Brennercom-Geschäftsführer über die Auswirkungen der Pandemie, die Zunahme der Cyberattacken und das nächste Ziel des Unternehmens.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Morandell, die Corona-Pandemie hat der vorher schon gut laufenden IT-Branche zu einem wahren Boom verholfen. Wie viel ist davon heute noch zu spüren?</b><BR />Josef Morandell: Die Pandemie war ganz klar ein enormer Beschleuniger. Ein ganz wesentlicher Faktor dabei war, dass auch Entscheider in den Unternehmen begriffen haben, welche Vorteile die IT und die von dieser angetriebene Digitalisierung ganz konkret bietet. Die Werkzeuge, also entsprechende Anwendungen, Netzwerk- und Cloudlösungen hatten viele schon vorher, nur kamen sie kaum zum Einsatz. Die Pandemie zwang alle, vom Mitarbeiter bis zum Chef, sich mit den Werkzeugen vertraut zu machen. Mittlerweile möchte sie kaum noch jemand missen. <BR /><BR /><b>Hat sich auch die Einstellung in Bezug auf die Digitalisierung geändert?</b><BR />Morandell: Ganz klar. Herrschte vor der Pandemie vielfach eine gewisse Skepsis vor bzw. man zweifelte den unmittelbaren Nutzen noch an. Das macht heute eigentlich niemand mehr. Die Digitalisierung wird als Motor für neues Wachstum und eine höhere Wettbewerbsfähigkeit verstanden. Darum geht es im Prinzip ja auch. Die Digitalisierung ist dermaßen stark und wichtig geworden, dass man sich ihr nicht mehr entziehen kann. Entweder man reitet die Welle oder man wird von ihr verschlungen, so einfach ist das. <BR /><BR /><BR /><b>Lässt sich dieser Corona-„Boost“ für die Digitalisierung in Zahlen abbilden?</b><BR />Morandell: Ein deutlicher Indikator ist der Bandbreitenbedarf. Dieser ist bei unseren Kunden seit Ausbruch der Pandemie um bis zu 20 Prozent angestiegen. Nicht nur im Downloadbereich, sondern verstärkt auch was die Uploadrate betrifft, die man beispielsweise für die Bildübertragung bei Videokonferenzen benötigt. Eine Schattenseite dieser Entwicklung war, dass die Anzahl der Cyberattacken stark zugenommen hat. Nicht alle Klein- und Mittelbetriebe waren entsprechend darauf vorbereitet, sie waren zunächst damit beschäftigt, die digitale Transformation anzustoßen. Dabei lautete eher das Motto: Geschwindigkeit statt Sicherheit. Die Versäumnisse im Bereich der Cybersecurity wurden nach und nach nachgeholt und die Sensibilität für das Thema geschärft, wenngleich manchmal erst nach einem entstanden Schaden.<BR /><BR /><BR /><b>Führten die Sicherheitslücken in Südtirols Unternehmen zu erheblichen Schäden?</b><BR />Morandell: Das kommt immer darauf an, was Sie unter erheblichen Schäden verstehen. Es gab schon Fälle, in denen in die Systeme eingedrungen und Daten gelöscht wurden. Aufgrund vorliegender Backups ging es in der Regel glimpflich aus, ärgerlich und mit Aufwand verbunden war es trotzdem. Backups sind heute aber nicht mehr ausreichend, um Schäden durch Cyberattacken zu minimieren.<BR /><BR /><b><BR />Haben wir im Bereich der Digitalisierung den größten Investitionsschub schon erlebt?</b><BR />Morandell: Nein. Wir stellen fest, dass jetzt, als Konsequenz der Erfahrungen in den letzten gut eineinhalb Jahren, strategisch und stärker als je zuvor in diesen Bereich investiert wird – und zwar nicht nur vonseiten einiger größerer Betriebe, sondern wirklich in der Breite. Mehr Unternehmen investieren mehr. <BR /><BR /><BR /><b>Ist es für die Brennercom in dieser Phase von Vorteil, Teil der italienweit tätigen Retelit-Gruppe zu sein?</b><BR />Morandell: Ich würde es so sagen: Die Brennercom ist als – gemessen an nationalen und internationalen Maßstäben – kleinerer Anbieter immer wieder an Grenzen gestoßen. Grenzen, mit denen sich jeder regionale Anbieter konfrontiert sieht.<BR /><BR /><BR /><b>Können Sie ein Beispiel nennen?</b><BR />Morandell: Die IT-Welt ist eine globale Branche, die dominiert wird von Tech-Konzernen. In der Praxis macht es einfach einen Unterschied, ob man als Brennercom mit Microsoft, Amazon und Co. in Kontakt tritt oder ob man es mit Unterstützung einer starken Gruppe wie Retelit macht. Die Verhandlungsposition und auch der Zugang zu den Netzwerk- und Cloudlösungen ist ein völlig anderer. Größe und Volumen sind ohne Frage wichtige Faktoren, auch wenn Retelit explizit nicht ausschließlich nach diesen Maximen arbeitet, ansonsten wäre ein Interesse an dieser engen Kooperation mit Brennercom wohl nicht so groß gewesen. Die strategische Allianz kam nämlich zustande, gerade weil wir einen stark regionalen Fokus haben, den Markt auf der Brennerachse sehr gut kennen. Wir wissen, welche Bedürfnisse die Kunden hier haben. Retelit ist stark im Carrier-to-Carrier-Bereich und bei nationalen und internationalen Infrastrukturprojekten, wir ergänzen diese mit unserer Kenntnis des lokalen Marktes. So gesehen ist die Allianz eine Win-Win-Situation, wir werden zum Ansprechpartner für sämtliche Fragen der Digitalisierung – vom kleinen Betrieb bis zur international tätigen Unternehmensgruppe. <BR /><BR /><BR /><b>Vor wenigen Tagen haben Sie das Rebranding der Brennercom abgeschlossen, ein Jahr nach der Übernahme. Warum jetzt?</b><BR />Morandell: Wir wollten das schrittweise machen. Seit Juli lag unser Fokus zunächst auf der Ausarbeitung und Implementierung der vorhandenen Synergien zwischen Brennercom und der Retelit-Gruppe, das war eine sehr intensive Zeit. Nun ist die Eingliederung bis auf wenige Teilbereiche im Operativen abgeschlossen. Nun war es Zeit, an den nächsten Schritt zu denken. Im Logo nehmen wir zwar auch Bezug zur Retelit-Gruppe, übernehmen aber zugleich Elemente des früheren Logos. Die Botschaft soll lauten, dass wir in der Retelit-Familie einen starken, international agierenden Partner gefunden haben, aber nach wie vor eine eigenständige Gesellschaft mit regionalem Fokus sind und auch bleiben werden. Wir bleiben unseren Wurzeln treu.<BR /><BR /><BR /><b>Nach dem öffentlichen Übernahmeangebot (OPA) steht ein Eigentümerwechsel bei Retelit und damit auch bei Brennercom ins Haus. Asterion Industrial, ein spanischer Infrastrukturfonds, soll 100 Prozent der Anteile erwerben.</b><BR />Morandell: Ziel von war es, Retelit von der Börse zu holen, um flexibler und unabhängiger von den Finanzmärkten agieren zu können. Das wird nach dem OPA und die Übernahme durch Asterion erreicht. Die Entscheidung wurde bewusst so getroffen, und das obwohl Retelit sehr gut an der Börse lief.<BR /><BR /><BR /><b>Wie sehen Sie die Rolle der Brennercom in den nächsten Jahren?</b><BR />Morandell: Wir begleiten die Betriebe bei der digitalen Transformation. Unser Schwerpunkt liegt auf der Beratung und der Auswahl der richtigen Lösungen für den jeweiligen Bedarf. Wir wollen Orientierung bieten bei der immer größeren Zahl an Technologien am Markt. Es geht uns darum, die zur Verfügung stehenden Technologien an den Menschen anzupassen, nicht umgekehrt.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Wachstumspotenziale sehen Sie speziell für die Brennercom?</b><BR />Morandell: Ein wichtiges Ziel ist es, in der Euregio zu wachsen. In Südtirol gehört der Großteil der umsatzstärksten Betriebe bereits zu unseren Kunden, im Trentino und vor allem im Bundesland Tirol können wir mit der Stärke der Retelit-Gruppe jedoch noch deutliche Zugewinne erzielen, davon bin ich überzeugt.<BR />