Wir haben einige Südtiroler Wirtschaftsvertreter gefragt, wie ihre Prognosen für 2023 aussehen. <Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><h3> Giudiceandrea: „Bin leicht optimistisch“</h3>Gestiegene Kosten, Energiekrise, Personalmangel: Südtirols Wirtschaft hatte 2022 einige Probleme zu verdauen – Probleme, die auch heute noch nicht ausgestanden sind. Dennoch besteht für den Chef des Südtiroler Wirtschaftsringes (SWR), Federico Giudiceandrea, kein Grund zu übertriebener Sorge. „Südtirols Wirtschaft hat in Vergangenheit schon mehrmals bewiesen, dass sie resistent ist, auch nach der Coronakrise hat sie sich sehr gut erholt. Deshalb bin ich mit Blick auf 2023 zwar nicht euphorisch, aber leicht optimistisch.“ <BR /><BR />Sofern keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten, etwa dass sich der Ukrainekrieg ausweitet, wird die heimische Wirtschaft nach Einschätzung des SWR-Präsidenten auch heuer weiter wachsen. „Auch wenn wir sicherlich weiterhin mit den üblichen Problemen, in erster Linie dem Arbeitskräftemangel, kämpfen werden.“<BR /><BR />Die gestiegenen Kosten besorgen die Unternehmen hingegen nicht so sehr, weil sie die Preise eben entsprechend anpassen. „Die hohe Inflation belastet daher in erster Linie die Konsumenten, deren Kaufkraft sinkt.“ Aber: „Wenn dadurch der Konsum zurückgeht, könnte das sehr wohl negative Folgen für die Wirtschaft haben und zu einer Rezession führen.“ <BR /><BR /><b>„Lohnerhöhungen werden kommen“</b><BR /><BR />Aber auch, was die Rekordinflation von über 12 Prozent in Südtirol angeht, ist Giudiceandrea zuversichtlich. Er geht davon aus, dass die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank Wirkung zeigen werden. „Zudem hängt die hohe Inflation stark mit der Energiekrise zusammen und da sehen wir auch, dass die Preise langsam wieder sinken.“<BR /><BR />Und für wie realistisch hält der SWR-Präsident Lohnerhöhungen in 2023? „Die werden sicher kommen – die Kaufkraft nimmt ab, deshalb sind Lohnerhöhungen notwendig“, betont Giudiceandrea. Auch wenn natürlich die Gefahr einer sogenannten Lohn-Preisspirale besteht. Sie würde dann eintreten, wenn die Löhne so sehr steigen, dass die Unternehmen wiederum ihre Preise anheben müssen, sodass die Inflation wieder steigt – ein gegenseitiges Aufschaukeln von Lohn- und Preiserhöhungen. <BR /><BR />Und Lohnerhöhungen könnte die heimische Wirtschaft stemmen? Aus Sicht des SWR-Chefs schon. Es gebe zwar Unterschiede je nach Wirtschaftssektor, aber in den meisten Sektoren könnten die Betriebe die gestiegenen Kosten über gestiegene Preise weitergeben, sodass auch höhere Löhne möglich seien. <BR /><BR />Weitaus größere Sorgen bereitet dem SWR-Chef ein anderes Thema: „Der Klimawandel, der auch große wirtschaftliche Folgen haben kann – aber das ist ein langfristiges Problem.“<h3> Achammer: „Vorsichtig, aber auch zuversichtlich</h3>Die wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2023 bringe viele Fragezeichen mit sich, ist Wirtschaftslandesrat Philipp Achammer überzeugt. „Ohne eine schwierige Situation herbeireden zu wollen, glaube ich, dass nicht nur gute Zeiten auf uns zukommen werden.“ Durch die Teuerung lasse der Konsum nach, auch die demographische Entwicklung bringe aufgrund der bevorstehenden Rentenaustritte eine schwierige Situation mit sich, auch werden immer weniger Eintritte in den Arbeitsmarkt verzeichnet. <BR /><BR />„Die zentrale Herausforderung für 2023 sehe ich deshalb beim Fachkräftemangel“, so der Landesrat für Handel- und Dienstleistung, Industrie, Handwerk und Arbeit. Dabei gebe es nicht die eine Lösung, die alles von einem Moment auf den nächsten lösen könne. Man müsse die vorhandenen Ressourcen effizienter nutzen, etwa durch bessere Vereinbarungsmodelle: „So sollten Frauen, die aus der Mutterschaft in die Arbeitswelt zurückkehren möchten, dies auch können, auch sollten wir ältere Personen, mitunter auch Pensionisten, in der Arbeitswelt halten, indem wir die Rückkehr in eine teilweise Tätigkeit begünstigen“, betonte Achammer. Ein weiteres Ziel sei die gezielte qualifizierte Zuwanderung sowie die Förderung praktischer Ausbildungen: „Es braucht eine Kombination aus vielen verschiedenen Ansätzen.“ Grundsätzlich handle sich die Fachkräftemangel jedoch um ein quantitatives Problem, das nicht so schnell zu lösen sei.<BR /><BR /><b>„Krisenresistentes Südtirol“</b><BR /><BR />Auch bezüglich der Inflation hofft Achammer auf baldige Entspannung, vor allem in den Bereichen Lebensmittel und Energie. Das preisliche Auf und Ab in vielen Bereichen werde sich sicher nicht von alleine lösen. „Deshalb wird versucht, ein erhöhtes Lohnniveau zu erreichen und dort Verhandlungen zu führen, wo der Lohn eindeutig zu niedrig ist“, betont der Wirtschaftslandesrat. <BR /><BR />„Es liegt im Interesse aller, dass sich Leistung lohnt und auszahlt. Denn wenn jemand beruflich stets sein Bestes gibt und dennoch finanziell den Alltag nicht bewältigen kann, dann ist das nicht in Ordnung.“ Dabei gehe es natürlich nicht nur um die Privatwirtschaft, wo schon einiges im Gange sei. „Man muss bei der eigenen Haustür anfangen, also im öffentlichen Dienst.“ Dennoch habe Südtirol bewiesen, wirtschaftlich krisenresistent zu sein, vor allem die kleinen Betriebe hätten trotz allem gut reagiert und durchgehalten, auch in Coronazeiten. „Deshalb will ich jetzt nicht den Pessimismus herausstreichen. Wir blicken sicher vorsichtig, aber auch zuversichtlich ins Jahr 2023.“<h3> Lun: „Bautätigkeit wird zurückgehen“</h3>Das abgelaufene Jahr war ein Jahr des Aufschwungs für die Südtiroler Wirtschaft – und ein Jahr rekordverdächtig hoher Inflationsraten. „2023 rechnen wir damit, dass die Inflation zurückgehen, aber hoch bleiben wird“, so Georg Lun, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO der Handelskammer Bozen in seiner „WIKU“-Prognose fürs laufende Jahr. „Das heißt, dass wir uns von zweistelligen Teuerungsraten verabschieden werden, aber immer noch im Bereich zwischen 4 und 6 Prozent liegen könnten.“ <BR /><BR />Angebotsseitig, also bei den Energiepreisen, habe sich so etwas wie eine Normalisierung eingestellt, nachfrageseitig sei aber von einer Normalisierung noch wenig zu sehen. Beispiel Konsum: „In Zeiten hoher Inflation geht Kaufkraft verloren, was wiederum dazu führt, dass weniger konsumiert wird. In Südtirol konnten wir dies bislang aber nicht beobachten – im Gegenteil. Das Konsumklima ist zwar schlecht, aber es wird noch immer viel Geld für Konsum ausgegeben, wie auch ein Blick auf das starke Weihnachtsgeschäft im Handel zeigt.“ <BR /><BR />Wie kann das sein? Luns Erklärung: „Man hat den Eindruck, als hätten nach Corona und all den vielen Negativschlagzeilen viele Menschen das Gefühl, etwas nachholen zu müssen. Das nötige Kleingeld war da, weil die Ersparnisse aufgrund fehlender Konsummöglichkeiten in Coronazeiten zunahmen. Diese zusätzlichen Ersparnisse scheinen laut Daten der Italienischen Notenbank langsam aufgebraucht zu sein. Die Folgen der hohen Inflation und des Kaufkraftverlusts dürften also erst im Laufe von 2023 spürbar werden“, so Lun. <BR /><BR /><b>Tourismus als stabilisierender Faktor</b><BR /><BR />Was wie eine Schreckensnachricht für den Handel klingt, könnte sich als weniger dramatisch erweisen, als von vielen erwartet: „Der Tourismus erweist sich immer mehr als stabilisierender Faktor für den heimischen Handel. Und dieser dürfte auch 2023 gut laufen, wie es aussieht“, so Lun.<BR /><BR />Maßnahmen gegen den Kaufkraftverlust der Südtiroler Arbeitnehmer werden dennoch kommen müssen: „Ich denke aber nicht, dass das über eine signifikante Erhöhung der kollektivvertraglichen Löhne passieren wird. Davon erwarte ich mir nicht viel, zudem dauert das wohl auch zu lange. Viel eher werden die Unternehmen von sich aus aktiv werden und auf die Mitarbeiter zugehen. Wer es sich leisten kann, also ein Unternehmen mit hoher Rentabilität führt, wird die Löhne und Benefits der Mitarbeiter steigern, schon allein um die Mitarbeiter zu halten. Das ist ein Effekt des Arbeitskräftemangels in Südtirol.“<BR /><BR />Was die betrieblichen Investitionen angeht, glaubt Lun nicht an eine Flaute, vielmehr an eine Verlagerung in Richtung erneuerbarer Energien, Automatisierung und anderen Bereichen, die öffentlich besonders gefördert werden. <BR /><BR />Abschwächungspotenzial sieht Lun vor allem in Teilen des Baugewerbes: „Die Kreditzinsen steigen, die Inflation ist noch hoch und gleichzeitig wurde der Superbonus reduziert. Unter diesen Rahmenbedingungen rechne ich schon damit, dass es zu einer Abkühlung der Bautätigkeit kommen wird. Das dürfte vor allem das Bauhandwerk spüren. Der Bereich Tiefbau wird davon weniger spüren, weil zahlreiche Infrastrukturprojekte aus dem gesamtstaatlichen Wiederaufbaufonds PNRR umgesetzt werden dürften.“ <BR /><BR />Unterm Strich dürfte Südtirols Wirtschaft 2023 um 0,5 Prozent wachsen, so Lun.<?Schrift SchriftWeite="100ru"> <h3> Tschenett: „2023 muss es Lohnerhöhungen geben“</h3>Für Tony Tschenett, den Chef des ASGB, ist eines ganz klar: 2023 muss das Jahr der Lohnerhöhungen werden – in der Privatwirtschaft ebenso wie im öffentlichen Dienst. <BR /><BR /><b>„Es kann keine Ausreden mehr geben“</b><BR /><BR />Angesichts der Rekordinflation von zuletzt mehr als 12 Prozent in Südtirol steht für den Gewerkschafter außer Frage, dass zum einen auf gesamtstaatlicher Ebene heuer Verhandlungen zu Kollektivverträgen abgeschlossen werden müssten, und zum anderen in Südtirol über Territorialabkommen sogenannte provinziale Lohnelemente eingeführt werden sollen. In bestimmten Bereichen in Südtirol gebe es sie bereits und sollen nun laut dem ASGB-Chef 2023 auch in anderen Bereichen eingeführt werden. „Die Lebenshaltungskosten in Südtirol sind deutlich höher als im restlichen Italien. Dem muss Rechnung getragen werden“, betont Tschenett. <BR /><BR />Der ASGB will daher demnächst die heimischen Arbeitgeberverbände kontaktieren, um die Verhandlungen zu den Territorialverträgen und den provinzialen Lohnelementen aufzunehmen. „In Österreich wurden Lohnverhandlungen schon abgeschlossen, es ist nicht verständlich, warum sie nicht auch bei uns erfolgen sollten. Es kann keine Ausreden mehr geben“, sagt Tschenett. Sicher habe man Verständnis für die Unternehmen, für die die gestiegenen Kosten eine Belastung seien, dennoch ist für ihn klar: „Es muss heuer eine Erhöhung der Löhne geben, weil die Arbeitnehmer sich schwer tun, mit dem Geld auszukommen.“<BR /><BR />Wie hoch das provinziale Lohnelement ausfallen wird, ist dann freilich noch auszuhandeln und wie viel genau die Gewerkschaften fordern werden, wollte Tschenett noch nicht sagen. Doch nicht für alle Unternehmen kommen Territorialverträge in Frage, was dann? In dem Fall könnten sich die zuständigen Betriebsräte mit der Unternehmensführung über Lohnerhöhungen einigen, eventuell auch über Produktivitätsprämien.<BR /><BR />Im öffentlichen Dienst sieht Tschenett die Landesregierung in der Pflicht. Ebenso wie bei den Renten, wo das Land das System der Mietbeiträge und Wohnungsnebenkosten überarbeiten müsse.<BR /><?_Schrift> <BR />