Mittwoch, 28. August 2019

Der Südtiroler Traum vom Eigenheim – ein Problem?

Lieber 20 Jahre Schulden zurückzahlen als 20 Jahre Miete überweisen: Die Südtiroler wollen im Eigenheim leben und nehmen zu dessen Finanzierung immer mehr Darlehen auf. Ein Grund zur Sorge? Der „WIKU“ hat sich umgehört.

Viele Südtiroler träumen vom Eigenheim (Symbolfoto).
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Viele Südtiroler träumen vom Eigenheim (Symbolfoto). - Foto: © shutterstock

Eines gleich vorweg: Die steigende private Verschuldung ist den Experten zufolge hierzulande  kein Problem. „Die wirtschaftliche Situation in Südtirol ist sehr gut. Die Nachfrage nach Krediten für den Kauf des Eigenheims ist gestiegen. Das ist ein Indikator dafür, dass der Wohlstand der Südtiroler zunimmt“, erklärt etwa Claudia Curi, Assistenzprofessorin an der Freien Universität Bozen, gegenüber dem „WIKU“. Der Wert der Immobilien steige. Auch das sei eine positive Entwicklung.

Ähnlich formuliert es der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo) der Handelskammer Bozen, Georg Lun. „Die Hausbaudarlehen sind zwar gestiegen, aber gleichzeitig sind die Konsumkredite – also solche für Autos oder Urlaube – gesunken. Auch die Sofferenzen sind konstant weniger geworden: Die Südtiroler Familien zahlen ihre Kredite also konstant zurück.“

Dennoch, eines ist auch klar:  Ein Darlehen birgt immer auch ein gewisses Risiko: „Die Unwägbarkeiten im Leben – Familiensituation, Arbeitssituation – sind schwer abzuschätzen“, betont Lun. „Wenn ich eine große Summe von der Bank brauche, muss ich mir ausrechnen, ob es realistisch ist, dass ich diese Summe finanzieren kann – gerade, wenn Bindungen von 20 Jahren drauf sind.“

Stefan Perini vom Arbeitsförderungsinstitut (Afi) weiß: „In Südtirol ist der Traum vom Eigenheim sehr stark verankert. Außerdem ist das Zinsniveau historisch niedrig. Wer also heute Geld auf der hohen Kante hat, für den sind die eigenen 4 Wände eine sichere Investition – aus der Sicht des Sparers, der auf sein Erspartes nur niedrige Zinsen bekommt.“

Gleiches gilt für die zu zahlenden Zinsen auf geliehenes Geld. Und so sieht das Phänomen aus der Sicht der Banken folgendermaßen aus, wie Perini vorrechnet: 68 Prozent des von Südtiroler Banken eingeräumten Kreditvolumens (Stand: 30. April 2019) gehen an Unternehmen, 27 Prozent an Privatpersonen und 5 Prozent an andere. Vor 10 Jahren belief sich das Privatpersonen eingeräumte Kreditvolumen noch auf 20 Prozent: „Das heißt, es gibt einen Run auf Immobilien.“

Folgt auf Bauboom die Ernüchterung?

Um die große Nachfrage nach Immobilien zu decken, wird gebaut: Mancher Bankeninsider sieht den Boom im Bauwesen nicht nur positiv. Es gibt die Sorge, dass zu viel gebaut werden könnte – und vorbei am Bedarf. Übersteige das Angebot die Nachfrage, wäre das für den Wert von Immobilienvermögen problematisch.

Bei der Südtiroler Verbraucherzentrale (VZS) sieht man das Phänomen aus der Warte des Käufers: Sinkende Immobilienpreise wären für diesen ein Segen. Denn in den vergangenen Jahren sind die Immobilienpreise und die Mieten in den größeren Zentren drastisch gestiegen, wie VZS-Geschäftsführer Walther Andreaus feststellt: „Familien mit einem niederen oder mittleren Einkommen haben Schwierigkeiten, sich eine Erstwohnung leisten zu können. Das ist allgemein bekannt.“

Für die Wirtschaft könnten sinkende Immobilienpreise hingegen zum Problem werden: Bekommen Bauunternehmen und -träger nicht mehr den Preis, mit dem sie gerechnet haben, könnte ein Teufelskreis entstehen: denn nicht nur Private sind von Banken finanziert, auch Unternehmen sind es.

Georg Lun, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) der Handelskammer Bozen, beruhigt: „Dass die Immobilienpreise ins Bodenlose sinken, ist kaum zu erwarten.“

Mehr dazu lesen Sie im aktuellen „WIKU“, Beilage in der aktuellen Ausgabe des Tagblatts "Dolomiten".

stol