Harald Pechlaner Tourismusexperte und Leiter des Center for Advanced Studies an der Eurac, zieht Bilanz und zeigt auf, wo sich in Südtirol einiges ändern muss. <BR /><BR /><BR /><b>Herr Pechlaner, wie oft ist bei dem Workshop der Begriff „Overtourism“ gefallen?</b><BR />Harald Pechlaner: Sehr oft. Overtourism ist weltweit ein Thema und ein ernst zu nehmendes Phänomen. <BR /><BR /><b>Auch in Südtirol wird das Thema sehr kontrovers diskutiert: Einerseits heißt es, das Thema werde überdramatisiert, in Südtirol gebe es ja nicht immer und überall ein Zu viel an Tourismus, andererseits nimmt die Kritik zu – auch an Deutlichkeit, wenn man an die Schriften „Tourists go home“ denkt. Wie heikel ist die Situation wirklich?</b><BR />Pechlaner: Über den Overtourism diskutieren wir in Südtirol ja schon länger. Was man dabei berücksichtigen muss: Wenn der Overtourism kritisiert wird, sind die Menschen nie radikal gegen Tourismus, sie sind nur gegen die Auswüchse des Massentourismus. Dennoch: Mit der Coronapandemie haben alle gehofft, dass sich das Problem danach erledigt hätte, aber es ist noch härter zurückgekommen. Die Diskussionen von heute sind schon starke Signale, dass sich etwas ändern muss. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1065564_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sehen Sie die touristische Entwicklung auch in Südtirol teilweise überhitzt?</b><BR />Pechlaner: Sagen wir so: Wir haben eine hohe Dynamik in der Nachfrage, die vor allem immer internationaler wird. Und wir haben eine zunehmend kritische Diskussion über die Rolle des Tourismus in unserem Land. Die sollte man ernst nehmen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-66276926_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Doch oft fühlen sich die Touristiker oft zu viel und zu Unrecht in die Pflicht genommen. Anderen Wirtschaftssektor schreibt ja auch nicht die Gesellschaft vor, wie sie sich aufstellen sollen…</b><BR />Pechlaner: In diesem Vergleich liegt ein wesentlicher Grundfehler: Die Experten der Tagung waren sich einig, dass wir den Tourismus viel zu viel als Wirtschaftssystem ansehen. <BR /><BR /><b>Als was denn sonst?</b><BR />Pechlaner: Der Tourismus ist ein Gesellschaftssystem. Provokant gesagt, könnte er auch vom Sozialassessorat betreut werden. Tourismus ist Gesellschaft. Das ist ein ganz zentrales Learning aus der Overtourism-Debatte. Die Menschen geht es zu Recht etwas an, was der Tourismus tut. Und der Tourismus kann sich nicht zurückziehen und sagen, wir sind ein Wirtschaftssystem, wir machen unsere Geschäftsmodelle, wie es uns passt. Denn es geht um Wohnraum, um die Verbauung der Landschaft, die Mobilität… - also die Veränderungen der Umwelt durch den Tourismus. Sicher ist, dass das Thema nicht von allein verschwinden wird, sondern erst dann, wenn die betroffenen Gesellschaften bereit sind, ein höheres Niveau an nachhaltigem Lebensstil zu erreichen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-66277051_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie meinen Sie das?</b><BR />Pechlaner: In einer Zeit, in der sich die großen Krisen wie der Klimawandel nicht mehr auflösen werden, stellt sich auch die Frage, welche Rolle der Tourismus da einnimmt. In dem Zusammenhang haben die Experten klar gesagt: Der Tourismus muss zu einem „Agent of Change“ werden, zu einem Leitsektor der Veränderung. Das ist aber heute nicht der Fall. Vielmehr hält sich der Tourismus vornehm zurück und sagt lieber „Wir sind immer der Sündenbock.“ Dabei ginge es darum einzuräumen, dass der Tourismus ein Problem hat im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Und es wäre jetzt seine Hauptaufgabe, eine verantwortungsvolle Rolle in der gesellschaftlichen Transformation zu übernehmen. <BR /><BR /><b>Was könnte er konkret tun?</b><BR />Pechlaner: Es geht um die Frage, wie wir das gesamte Reiseerlebnis für den Gast nachhaltiger gestalten können, von der Reisevorbereitung bis zur Rückkehr nach Hause. Das kann nicht nur die Tourismusorganisation oder der Hotelbetrieb für sich machen, da muss man die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nehmen. Wir sind auch schon auf dem Weg: Es gibt eine Nachhaltigkeitsinitiative und IDM bietet Zertifizierungen für Destinationen und für Betriebe an, aber das muss man noch viel stärker ausbauen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1065567_image" /></div> <BR /><BR /><b>So weit so gut, doch wie hilft das weiter? An gewissen Orten wird es zu gewissen Zeiten wahrscheinlich trotzdem weiterhin voll sein…</b><BR />Pechlaner: Ja, auch in dem Punkt waren sich die Experten einig: Die Menschen werden die großen Attraktionspunkte, zum Beispiel bei uns den Pragser Wildsee und die Dolomiten, immer sehen wollen. Aber man muss ihnen auch eine Idee anbieten, was sie sonst noch tun könnten. Im Grunde genommen müssten wir sie noch viel stärker mit der Lebenswelt vor Ort in Berührung kommen lassen. Das bedeutet auch, wenn wir jetzt zum Beispiel an die Dolomiten als das UNESCO-Weltnaturerbe denken, dass wir den Gästen erklären, welche Verantwortung das für uns aber auch für sie bedeutet. <BR /><BR /><b>Passiert das?</b><BR />Pechlaner: Das haben wir bislang versäumt. Wir sind mit dem UNESCO-Weltnaturerbe viel zu schnell mit dem Tourismusmarketing gestartet, ohne den Umgang mit dem Welterbe überhaupt mit der Bevölkerung diskutiert zu haben. Das ist dann sehr touristisch geworden – und ist heute zum Teil auch negativ konnotiert. Da sind wir falsch gestartet.<BR /><BR /><b>Sie sagen, der Tourismus ist auch eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Konflikte. Wie meinen Sie das?</b><BR />Pechlaner: Durch die vielen Krisen verändert sich die Gesellschaft: Sie polarisiert stärker. Diese Polarisierung führt auch dazu, dass man Projektionsflächen sucht, an denen man sich abarbeiten kann. Und der Tourismus ist da schnell eine leichte Beute. Daran entzünden sich schnell gesellschaftliche Konflikte. Ein Grund dafür ist sicherlich das Thema Wohnraum: Mit der Digitalisierung und den neuen Buchungsplattformen haben sich neue Formen von Unterkünften entwickelt – Stichwort Kurzzeitvermietung –, durch die Wohnraum entzogen wird. Der Wohnraum wird aber nicht nur der breiten Bevölkerung entzogen, sondern teilweise auch der im Tourismus arbeitenden Bevölkerung. Das ist das, was man gerade auf den Kanaren erlebt. Die Menschen können sich sozusagen das Arbeiten im Tourismus unter bestimmten Bedingungen gar nicht mehr leisten: Sie haben mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten zu kämpfen und erleiden einen Verlust an Lebensqualität. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1065570_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sehen Sie diese Entwicklung auch bei uns?</b><BR />Pechlaner: Noch nicht so stark. Aber das Wohnungsthema wird auch bei uns ein sozialer Brennpunkt. <BR /><BR /><b>Was kann man gerade in diesem Bereich tun?</b><BR />Pechlaner: Zunächst einmal braucht man objektive Informationen darüber, wie viel Wohnraum tatsächlich vermittelt wird, damit einem Land oder einer Region die touristische Entwicklung nicht entgleitet. Wenn wir dann diese Daten haben, braucht es eine ernsthafte Diskussion und politische Empfehlung, wie man damit umgeht. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-66277057_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Also: Schritt 1 Daten sammeln, parallel dazu Schritt 2 Probleme eingestehen und dann?</b><BR />Pechlaner: Wir brauchen auch eine Vision, eine konkrete Vorstellung davon, wie wir diesen Tourismus transformieren, damit er auch morgen noch den Lebensraum Südtirol maßgeblich mitgestalten kann. Diese Vision muss glaubwürdig, nachvollziehbar und mitreißend sein, damit die Menschen motiviert sind, sie umzusetzen. Es wird darum gehen, einen ganzen Sektor auf diese Reise mitzunehmen. Tatsache ist: Wir können, auch wenn wir jetzt enorm erfolgreich sind, nicht so weitermachen wie bisher. Aber gerade weil wir erfolgreich sind, bleiben wir in der Komfortzone. Doch wie bei der Tagung auch betont wurde: Zukunftsdenken heißt, jenseits der Komfortzone zu denken.<BR /><BR /><b>Und da sehen Sie in Südtirol noch zu wenig Engagement?</b><BR />Pechlaner: Ja. Es ist absolut notwendig, kritischer, aber auch motivierender in eine Diskussion einzusteigen. Es gibt riesige Herausforderungen und angesichts dessen muss sich der Tourismus komplett neu aufstellen, um auch morgen in Südtirol eine Leitindustrie und eine Erfolgsgeschichte zu bleiben. Wenn sich die Gesellschaft, die Wirtschaftssysteme, ja sogar die Politiksysteme verändern, dann kann der Tourismus nicht so tun, als ob er so weitermachen könnte wie bisher. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1065573_image" /></div> <BR /><BR /><b>Aber man muss auch sagen, dass es auch sonst schon Bemühungen gibt: Hotels, für die Nachhaltigkeit wirklich wichtig ist, Initiativen, damit die Urlauber mit dem Zug anreisen und auch am Ort Bus und Bahn benutzen…</b><BR />Pechlaner: Das stimmt, aber wir müssen die Transformation massiv betreiben - viel engagierter und mutiger, als wir das bisher tun. Und die grundsätzlich ist die Frage: Wo ist große Vision für den Tourismus? Wo wollen wir 2040 sein?<BR /><BR /><b>Steht das nicht zumindest bis 2030 im Landestourismusentwicklungskonzept (LTEK)?</b><BR />Pechlaner: In Ansätzen ja, aber das muss auch mal unter die Leute. Auch weil sich vieles schnell ändert. Und das muss man mit vereinten Kräften – IDM, Verbände, Politik, Wissenschaft – viel stärker weiterbringen.