<BR /><b>Herr Tappeiner, Deutschland steckt nicht nur das zweite Jahr in Folge in einer Rezession, sondern jetzt auch politisch in der Krise. Ist das gut für die deutsche Wirtschaft, weil die wenig erfolgreiche Ampelkoalition Geschichte ist, oder schlecht, weil voraussichtlich bis zu den Neuwahlen nicht viel weitergehen wird?</b><BR />Gottfried Tappeiner: Es kann eigentlich nicht schlechter werden, als es in den vergangenen Monaten war. Die Ampel war dermaßen zerstritten, dass überhaupt keine Richtungsentscheidungen mehr möglich waren. Natürlich werden die Monate bis zu den Neuwahlen noch Unsicherheiten mit sich bringen, und eine Minderheitsregierung wird in der Zwischenzeit nicht unbedingt große Entscheidungen treffen können. Aber – wie gesagt – schlechter als im Moment kann es nicht werden. Danach hoffen wir auf eine klare Mehrheit, die eindeutige Entscheidungen treffen kann.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1094196_image" /></div> <BR /><b>Welche Folgen könnte diese Krise für die heimische Wirtschaft haben? Deutschland ist immerhin Südtirols wichtigster Handelspartner.</b><BR />Tappeiner: Das, was in Deutschland passiert, hat natürlich große Auswirkungen auf alle unsere Wirtschaftsbereiche. Wir spüren die schwache deutsche Konjunktur ja jetzt schon sehr deutlich. Die Auswirkungen werden je nach Branche unterschiedlich sein. Im Tourismus beispielsweise ist die Nachfrage kaum von der Konjunktur abhängig. Wenn die Urlauber etwas sparsamer bei den Nebenausgaben sind, ist das zwar unangenehm, aber keine riesige Katastrophe.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-67313086_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und wie sieht es mit landwirtschaftlichen Produkten aus, immerhin einer der größten Exportschlager Südtirols?</b><BR />Tappeiner: Auch sie sind – wie Nahrungsmittel generell – praktisch nicht konjunkturabhängig. Moden und Mitkonkurrenten wie Polen sind hier bedeutsamer als die konjunkturelle Entwicklung. Am stärksten konjunkturabhängig ist grundsätzlich der Bausektor, aber in diesem Bereich sind wir nicht besonders stark im Export tätig. Doch man muss auch sagen: Ein Teil dieser Wirtschaftskrise in Deutschland ist durch Unsicherheit und unklare politische Entscheidungen verursacht worden. Insofern könnte eine neue, stabile Regierung auch konjunkturell einen Aufschwung bringen. Dabei wäre es nicht einmal so wichtig, welche Parteien beteiligt sind.<BR /><BR /><b>Dafür wird die neue Regierung aber auch etwas tun müssen. Wirtschaftsexperten fordern schon länger Investitionen, etwa in Infrastrukturen wie Brücken, Straßen, Eisenbahn, die energetische Gebäudesanierung usw.</b><BR />Tappeiner: Das ist eines der großen Probleme Deutschlands: Es hat über 2 Jahrzehnte seine Infrastruktur vernachlässigt, und da wird man aufholen müssen. Darin sind sich alle einig. Ob das mit der schwarzen Null möglich ist, ist jedoch mehr als fraglich. Selbst konservative Wirtschaftsforscher sind der Meinung, dass man für Investitionen durchaus Schulden machen kann.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-67313294_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was würde sich die Südtiroler Wirtschaft von der deutschen Politik wünschen?</b><BR />Tappeiner: Hier wären die Inhalte gar nicht so entscheidend. Ich glaube, der Wunsch wäre vielmehr, dass Deutschland als bedeutende Macht in Europa in den wichtigsten Bereichen – zum Beispiel bei Klimaneutralität, Mobilität und Verteidigung – eine klare Position bezieht. Es muss gelingen, nicht in einen weltweiten Handelskrieg mit den Amerikanern hineinzugeraten. Denn da sind sich alle Wirtschaftsexperten einig: Ein Wirtschaftskrieg mit Zöllen und Gegenzöllen hinterlässt nur Verlierer. Sollte sich das gegenseitig hochschaukeln, hätten wir tatsächlich ein Szenario, das uns eine längerfristige Konjunkturkrise bescheren könnte.