Die Natur erwacht früher, die Ernte beginnt früher: In Bozen ist der Klimawandel in der Landwirtschaft längst spürbar. Landwirt Michael Staffler erklärt, was die steigenden Temperaturen für Äpfel, Trauben und Schädlinge bedeuten – und warum Wasser zur entscheidenden Frage wird.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Staffler, welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Landwirtschaft in Bozen?</b><BR /><BR />Michael Staffler: Was man in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten feststellen konnte, ist, dass der Erntezeitpunkt jedes Jahr früher kommt. Ich frage mich schon, wohin das führt. Die Vegetation ist weniger lange in der Ruhephase beziehungsweise in der Winterpause. Die Böden frieren nicht mehr so lange und teilweise überhaupt nicht mehr. Der Winter wird immer kürzer. Spätestens mit Mariä Lichtmess, also Anfang Februar, wenn die Tage wieder länger werden, merkt man, dass die Natur früher zum Leben erwacht, da die Böden nicht mehr oder nicht mehr in der Tiefe gefroren sind. Auch Schnee verschwindet relativ schnell wieder. Die Natur wacht früher auf. Heuer sind wir wieder ungefähr zehn Tage früher dran. Wir haben eigentlich einen relativ fixen Rhythmus, bei dem die Natur immer früher beginnt. Der Klimawandel ist da, daran gibt es keinen Zweifel.<BR /><BR /><b>Wie stark hat sich der Erntebeginn im Vergleich zu vor zehn Jahren verschoben?</b><BR /><BR />Staffler: Es variiert immer etwas, auf einen bestimmten Tag kann man das nicht festlegen. Früher war der Termin bei Ertragsanlagen für die Sorte Gala so um den 20. August, wobei junge Anlagen beispielsweise oft früher dran sind, weil sie noch wenig Äpfel tragen. Heute startet man mit der Ernte von Gala-Äpfeln ab dem 10. August. Das gleiche Prinzip gilt für Weißweinsorten, die ebenfalls früher geerntet werden. Der normale Erntebeginn wäre Ende August oder Anfang September.<BR /><BR /><b>Haben die gestiegenen Temperaturen Auswirkungen auf die Qualität von Äpfeln und Trauben?</b><BR /><BR />Staffler: Heuer sehe ich keine Problematik. Wir hatten zwar bereits im April relativ hohe Temperaturen, aber ich habe schon schlimmere Jahre erlebt, ohne dass ich jetzt konkrete Wetterdaten vorliegen habe. In der Hinsicht kann ich also nichts feststellen. Wichtig ist, dass der Herbst mitspielt, dann kann es ein gutes Jahr werden.<BR /><BR /><b>Welche Auswirkungen hat der heiße Sommer mit mehreren langen<BR /> Hitzeperioden auf die Landwirtschaft in der Stadt?</b><BR /><BR />Staffler: Was den Weinbau betrifft liebt der Lagrein in den Tallagen die Hitze. Für diese Sorte sehe ich zurzeit kein Problem. Was man allerdings sagen kann, ist, dass in den Weinbaugebieten in den Hanglagen in St. Georgen und Magdalena der Vernatsch im Verhältnis mehr leidet. Hohe Temperaturen tagsüber sind eigentlich nicht schlecht. Das Problem ist, dass die Temperaturen nachts oft nicht unter 25 Grad fallen. Wichtig ist, dass die Nacht auf unter 20 Grad abkühlt. Je weniger Tropennächte mit bis zu 25 Grad wir haben, desto besser ist es. Der Weinbau ist im Umbruch: Rotwein wird weniger getrunken, es werden mehr weiße Sorten gesetzt, die es für die Säure gerne ein bisschen frisch haben. Zurzeit kann ich aber nicht sagen, dass wir diesbezüglich Probleme haben. Was in 20 oder 30 Jahren passiert, wenn die Temperaturen weiter steigen, kann ich nicht sagen. In den Obstgütern habe ich keine Probleme gesehen, weil Wasser in den Tallagen vorhanden ist. Durch die Hagelnetze entsteht weniger Sonnenbrand auf den Äpfeln und es ist ein bisschen kühler, wenn man das so sagen kann.<BR /><BR /><b>Hat die steigende Hitze Auswirkungen auf Schädlinge und Krankheiten?</b><BR /><BR />Staffler: Hitze bevorzugt gewisse Schädlinge und andere leiden darunter, aber die werden sich alle anpassen. Der Pflanzenschutz hat natürlich gewisse Limits. Gegen den sogenannten Japankäfer haben wir überhaupt keine Mittel. Irgendwo sind die Bauern dem ausgesetzt und was wir heute am Pflanzenschutz betreiben, ist relativ naturnah. Wir haben sehr begrenzte Möglichkeiten. Was Pilze betrifft: Ein gewisser Pilz mag Hitze, andere weniger. Die Natur ist diesbezüglich sehr eingependelt. Das Schlimme ist eher der Regen. Der Regen fördert Pilze und gibt gewissen Pilzen Futter. Das ist im Prinzip schlimmer.<BR /><BR /><b>Werden aufgrund des Klimawandels widerstandsfähigere Sorten angebaut?</b><BR /><BR />Staffler: Wenn sich ein Bauer dafür entscheidet, dann eher des Pflanzenschutzes wegen, um weniger oft spritzen zu müssen. Das Thema Klima ist da eher sekundär. <BR /><BR /><b>Wird es durch den Klimawandels in 20 oder 30 Jahren in Bozen noch Apfelanbau geben?</b><BR /><BR />Staffler: Wenn sich jemand berufen fühlt, dann wird er den Beruf sicher weitermachen. Ob dann noch Äpfel angebaut werden, das ist sehr schwierig zu sagen. Dass es weniger Schnee gibt, ist meiner Meinung nach das größte Problem. Wenn auf den Bergen weniger Schnee liegt, kommt das Wasser irgendwann nicht mehr in der Talsohle an. Äpfel brauchen sehr viel Wasser. Wir Bauern steuern ja mit der Tropfbewässerung unseren Beitrag dazu bei, so wenig Wasser wie möglich zu verbrauchen. Zudem sind viele Obstwiesen in Zonen, in denen es viel Grundwasser gibt. Der Apfelanbau hängt einfach mit dem Wassermanagement zusammen. Es braucht gewisse Voraussetzungen, um Apfelwirtschaft betreiben zu können.