Mittwoch, 29. Juli 2020

„Die gesamte Branche wurde unterschätzt“

Der Veranstaltungssektor beklagt einen beinahe Totalausfall – Südtirols größte Veranstaltungsagentur verschiebt alle für heuer geplanten Konzerte auf das nächste Jahr, wie das Tagblatt „Dolomiten“ berichtet.

Die Veranstaltungsbranche leidet besonders unter den Folgen von Corona.
Badge Local
Die Veranstaltungsbranche leidet besonders unter den Folgen von Corona. - Foto: © shutterstock
„Dolomiten“: Herr Barbacovi, wie sind Sie durch die Talsohle der Coronakrise gekommen?

Roland Barbacovi: Die ersten 3 Wochen im Lockdown waren sehr schwierig. Außer die Nachrichtenlage zu verfolgen, habe ich nicht viel tun können. Das hat auch auf mentaler Ebene deutliche Spuren hinterlassen. Zum Glück hat meine Familie – also meine Frau und meine beiden Töchter – mit einem guten Konzept dagegengehalten.

„D“: Inwiefern?

Barbacovi: Die Zubereitung des Mittagessens war plötzlich das Highlight des Tages. Da wurden alle möglichen Speisen aufgetischt, und es erinnerte mich an die Anfangsjahre meiner Ehe vor rund 30 Jahren. Eh klar, dass die Waage bald schon 3 bis 4 Kilo mehr anzeigte. Aber nach 3 Wochen rief wieder die Büroarbeit.

„D“: Dort hieß es wohl: Absagen, Verschieben, Umbuchen ...

Barbacovi: So ist es. Insgesamt mussten wir an die 200 Veranstaltungen auf das Jahr 2021 verschieben. Am 9. Februar traten noch die Kaiser Chiefs in Algund auf, danach gab es nichts mehr. Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr kein einziges Konzert mehr veranstalten werden.

„D“: Und jetzt?

Barbacovi: Derzeit sind wir gerade dabei, mit David Garrett einen Termin für Oktober 2021 zu vereinbaren. Nun arbeiten wir auch mit Hochdruck an den großen Festivals wie dem Maia Music Festival und den Gartennächten in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff, damit bis September das definitive Programm für den kommenden Sommer steht.

„D“: Gibt es Komplikationen mit bereits verkauften Tickets?


Barbacovi: Nein, da für unsere Veranstaltungen der Kartenvorverkauf noch nicht angelaufen war, hatten wir damit keine Probleme.

„D“: Somit fällt für Sie das heurige Jahr fast vollständig ins Wasser. Wie groß sind die Verluste?


Barbacovi: Wir müssen sicherlich mit Umsatzeinbußen von über 90 Prozent rechnen. Klarerweise lässt sich das auch nicht schnell amortisieren, und so wird sich das wohl noch 3 bis 4 Jahre hinziehen. Ich denke nun aber, dass mittlerweile die politischen Entscheidungsträger das Problem erkannt haben.

„D“: Was meinen Sie damit?

Barbacovi: Die Bedeutung der gesamten Veranstaltungsbranche ist unterschätzt worden, vor allem was Mitarbeiter und Umsätze betrifft oder wie viele da mit drinhängen. So hat eine Studie in Deutschland ergeben, dass der Eventbereich mehr Umsatz generiert als etwa die Lufthansa, die ja mit staatlichen Milliardenbeträgen vor der Pleite bewahrt wird. In Italien dürfte sich das auf einem ähnlichen Niveau abspielen. Allein unser Umsatzvolumen beläuft sich im Jahr zwischen 3 und 4 Millionen Euro, und derartige Verluste sind natürlich nicht schnell zu amortisieren.

„D“: Wie ist es um die Mitarbeiter bestellt?

Barbacovi: Wir haben 5 festangestellte Mitarbeiter, sie alle sind seit 1. März im Lohnausgleich und werden es wohl bis Ende des Jahres bleiben. Aber denken wir nur an die großen Konzerte am Pferderennplatz in Meran: Dort sind temporär 150 bis 200 Leute beschäftigt, und all das fällt gerade flach. Wir sind leider die letzten, deren Betrieb wieder anläuft.

Sehr viele Akteure – so wie wir selbst auch – arbeiten ohne öffentliche Zuschüsse und deshalb trifft sie die Coronakrise nun umso heftiger. Gerade deshalb sind wir nun auf die Unterstützung der Politik angewiesen. Ich will gewiss nicht jammern oder als Bittsteller auftreten, sondern es geht um eine sachliche Einschätzung der Lage, um Gehör und angemessene Hilfe. Ich möchte nicht bloß für meinen Betrieb sprechen, sondern für die ungeheuer vielen Leute in diesem Sektor.

„D“: Ein Sektor, der trotz der vielen Scheinwerfer und Lautsprecherboxen im Gegensatz zu a nderen Branchen unterbeleuchtet geblieben ist. Warum?

Barbacovi: Ja, mehr Lobbyarbeit wäre wichtig. Diesbezüglich war die landesweite Initiative Night of Light sicherlich eine tolle Aktion. All die Ton-, und Lichtfirmen, die Zeltbauer und die vielen Selbständigen haben großteils Totalausfälle zu beklagen. Aber ich denke auch an die Gastronomie und Hotellerie, wo Veranstaltungen aller Art eine immer größere Rolle spielen.

„D“: Nun werden große Events vielfach auf das kommende Jahr verschoben. Was macht Sie zuversichtlich, dass bis dahin derartige Veranstaltungen wieder möglich sein werden?

Barbacovi: Zunächst einmal bin ich von Natur aus ein positiv denkender Mensch. Ich bin überzeugt, dass im Frühling die Restriktionen fallen werden, weil wir das Virus besser im Griff haben werden. Bis dahin wird sich auch vom medizinischen Standpunkt vieles getan haben. Bereits jetzt wird in Deutschland bei Großveranstaltungen vorsichtig geschaut, was machbar ist. Es braucht Geduld und natürlich müssen wir mit unserem Verhalten alle dazu beitragen.

Interview: Alex Zingerle

az