<BR /><b>Herr Luther, bereits vor einigen Jahren haben Sie gewarnt, dass Südtirol bis 2030 rund 30.000 Arbeitskräfte fehlen werden. Ist diese Prognose noch aktuell?</b><BR />Stefan Luther: Ja. Der Arbeitskräftemangel wird in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weiter zunehmen, sodass die vor einigen Jahren genannte Größenordnung von rund 30.000 fehlenden Arbeitskräften aus heutiger Sicht durchaus weiterhin als realistische Größenordnung betrachtet werden kann. <BR /><BR /><b>Das liegt vor allem daran, dass wir vor einer massiven Pensionierungswelle stehen…</b><BR />Luther: Richtig. Wir haben aktuelle Berechnungen zu den bevorstehenden Pensionierungen durchgeführt. Und daraus ergibt sich eine erhebliche demografische Lücke. In den vergangenen fünf Jahren sind insgesamt rund 16.500 Personen aus Altersgründen aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden. In den kommenden fünf Jahren dürfte diese Zahl bereits auf etwa 18.000 steigen und für den Zeitraum 2030 bis 2034 rechnen wir mit rund 24.000 Pensionierungen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1354335_image" /></div> <BR /><BR /><b>Unterm Strich werden damit laut Ihren Prognosen bis 2040 rund 60.000 bis 70.000 Personen in Rente gehen, während es aber in den vergangenen 15 Jahren nur rund 35.000 waren. Aber es beginnen ja auch immer wieder junge Menschen ein Berufsleben ….</b><BR />Luther: Natürlich treten gleichzeitig auch neue Arbeitskräfte in den Südtiroler Arbeitsmarkt ein. Dazu kommen Menschen, die aus anderen Regionen oder aus dem Ausland nach Südtirol zuziehen. Gleichzeitig gibt es aber auch Abwanderung, die berücksichtigt werden muss. Wie groß die tatsächliche Lücke letztlich sein wird, hängt deshalb auch von der zukünftigen Mobilität ab. Die Größenordnung von rund 30.000 fehlenden Arbeitskräften dürfte sich über die kommenden zehn Jahre aber nicht grundlegend verändern. Das bedeutet allerdings nicht, dass tatsächlich eine Lücke von 30.000 Arbeitskräften entstehen muss. Arbeitsmärkte reagieren auf Veränderungen. Und genau hier liegen erhebliche Handlungsmöglichkeiten.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-76160203_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>UVS-Präsident Alexander Rieper sieht ein großes Potenzial in den Frauen. Wenn sie mehr Vollzeit arbeiten würden, könnte man einen Teil der fehlenden Arbeitskräfte auffangen. Wie schätzen Sie das ein?</b><BR />Luther: Es liegt grundsätzlich ein großes Potenzial in einer höheren Erwerbsbeteiligung: der Jungen, der Frauen und der älteren Menschen. Hier müsste es uns gelingen, jene Werte zu erreichen, die heute bereits von gut performenden Regionen in Mitteleuropa erzielt werden. <BR /><BR /><b>Wie viel müssten wir besser werden?</b><BR />Luther: Die Landesregierung hat in ihrer Arbeitsmarktstrategie klare Ziele definiert, um das vorhandene Beschäftigungspotenzial in Südtirol stärker auszuschöpfen. Demnach sollten wir die Jugendbeschäftigungsquote bis 2030 auf 42 Prozent zu steigern; derzeit liegt sie bei etwas unter 30 Prozent. Bei den Frauen soll die Beschäftigungsquote von derzeit 74 auf 78 Prozent steigen. Bei den älteren Beschäftigten soll sie von aktuell 70 auf 76 Prozent erhöht werden. Zudem sollten wir die sogenannte Registerarbeitslosenquote (gemeint sind die tatsächlich in den Arbeitsvermittlungszentren arbeitslos gemeldeten Personen, Anm.d.Red.) von derzeit 6,3 auf 4,5 Prozent reduzieren. Wenn es uns gleichzeitig gelingt, die vorhandenen Arbeitskräfte besser mit den offenen Stellen zusammenzubringen und Qualifikationen und Arbeitsplätze besser zu matchen, könnten wir damit insgesamt einen nicht unbedeutenden Teil der erwarteten Lücke auffangen. <BR /><BR /><b>Wie viele Arbeitskräfte wären das konkret?</b><BR />Luther: Von den genannten 30.000 könnten auf diese Weise durchaus 10.000 bis 12.000 Arbeitskräfte mobilisiert werden, wir könnten also rund 40 Prozent der erwarteten Lücke schließen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-76160207_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>So weit so gut, die Ziele sind definiert. Nur: Wie kommen wir dahin – und das in vier Jahren?</b><BR />Luther: In vier Jahren vielleicht nicht, aber wenn wir nicht anfangen, sind wir auch in zehn Jahren noch nicht weiter. Dafür braucht es Politik und Sozialpartner. Das ist keine Aufgabe, die die Politik alleine lösen kann. Aber sie kann und muss Rahmenbedingungen schaffen – und zwar sowohl auf Landesebene als auch auf staatlicher Ebene, denn wichtige Bereiche liegen nicht in der Zuständigkeit des Landes. Gerade bei der Beschäftigung älterer Menschen spielen beispielsweise steuerliche Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle sowie die mangelnde Rechtssicherheit, die dazu führt, dass viele in Pension gehen, sobald es irgendwie möglich ist. Gleichzeitig müssen wir aber auch Ausbildung und Berufseinstieg neu denken und uns für Berufe öffnen, in denen eine duale Ausbildung heute vielleicht noch ungewöhnlich erscheint.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1354338_image" /></div> <BR /><b>Wie meinen Sie das, „Ausbildung und Berufseinstieg neu denken“?</b><BR />Luther: Wir haben in zu vielen Bereichen noch immer eine klare Trennung zwischen Ausbildung und Berufsausübung: Zuerst wird mehrere Jahre gelernt und danach beginnt das Berufsleben. Im Handwerk hingegen ist das duale Prinzip längst selbstverständlich und auch im Pflegebereich gibt es erste duale Modelle, bei denen Theorie und praktische Tätigkeit abwechselnd stattfinden. Aber warum sollte eine duale Ausbildung nur im Handwerk funktionieren? Ich glaube, dass wir hier viel weiter denken müssen. Die Schweiz zeigt, dass dieses Prinzip auch in vielen anderen Berufen möglich ist. Ich denke etwa an den Gesundheitsbereich, die Bildung oder technische Berufe – natürlich auch auf universitärer Ebene. Ein konkretes Beispiel wäre die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern. Warum muss eine solche Ausbildung zwingend fünf Jahre dauern? Man könnte überlegen, die Ausbildungszeit auf drei Jahre zu verkürzen und die Ausbildung dual zu organisieren: Die Hälfte findet an der Universität statt, die andere Hälfte bereits im Kindergarten. Die jungen Menschen wären damit früher im Beruf, würden gleichzeitig praktisch und theoretisch ausgebildet, wären als Lehrlinge sozial- und rentenversichert. <BR /><BR /><b>Bei der Beschäftigung von Frauen hingegen ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentraler Punkt.</b><BR />Luther: Hier wissen wir, dass noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Wenn Arbeits- und Betreuungszeiten nicht zusammenpassen, wird Erwerbsarbeit für Eltern unnötig schwierig. Das betrifft nicht nur die Schule, sondern das gesamte Umfeld, also auch den Kindergarten, die Nachmittagsbetreuung und die Ferienzeiten. Wir brauchen hier mehr Verlässlichkeit und eine bessere Abstimmung der Betreuungszeiten. Gleichzeitig können auch die Betriebe mit noch flexibleren Arbeitszeitmodellen ihren Beitrag leisten. Für viele ist die entscheidende Frage: Kann ich meine Arbeitszeit erhöhen, ohne dass die Organisation der Familie daran scheitert? Hier gibt es sicherlich noch Spielraum – auch wenn klar ist, dass jeder Beruf seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten hat.<BR /><BR /><b>Was können die Sozialpartner noch tun?</b><BR />Luther: Die Sozialpartner haben über die Kollektivverträge durchaus Möglichkeiten. Zusätzliche Arbeit muss sich für die Menschen spürbar lohnen. Das kann etwa bedeuten, Überstunden und zusätzliche Arbeitsstunden entsprechend zu honorieren, Teilzeitbeschäftigten attraktive Möglichkeiten zur Aufstockung der Arbeitszeit zu bieten oder stärker mit Produktivitäts- und Leistungsprämien zu arbeiten. Gleichzeitig geht es um die Rahmenbedingungen: Wenn von einem zusätzlichen Euro brutto kaum etwas netto übrig bleibt, ist der Anreiz natürlich begrenzt. Deshalb braucht es hier auch das Zusammenspiel von Kollektivvertrag und Steuerpolitik. Entscheidend ist, dass jemand, der bereit ist, mehr zu arbeiten, am Ende auch einen spürbaren finanziellen Vorteil davon hat. Ein Ansatz wäre beispielsweise, zusätzliche Arbeit steuerlich stärker zu entlasten, als dies heute der Fall ist.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-76160963_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Das klingt alles nach einem langen Weg. Werden wir hier tatsächlich bis 2030 Ergebnisse sehen, ist das realistisch?</b><BR />Luther: Jeder Weg beginnt mit kleinen Schritten. Wenn der Druck groß genug wird, werden sich auch die notwendigen Veränderungen einstellen. Dass diese Ziele aber grundsätzlich erreichbar sind, zeigt der Blick auf andere Regionen, die bereits heute vergleichbare oder sogar höhere Beschäftigungsquoten aufweisen.<BR /><BR /><b>Aber auch wenn Südtirol seine Ziele erreicht, fehlt immer noch massiv Personal…</b><BR />Luther: Ja, selbst wenn wir das gesamte vorhandene Beschäftigungspotenzial ausschöpfen, ist damit im besten Fall nur etwa die Hälfte der Herausforderung gelöst. Die andere Hälfte wird über eine höhere Produktivität bewältigt werden müssen. Das bedeutet mehr Innovation, effizientere Arbeitsabläufe und möglicherweise auch den Verzicht auf Tätigkeiten, Dienste oder Dinge, die wir bisher als selbstverständlich betrachtet haben. Gerade arbeitsintensive Dienstleistungen werden durch den zunehmenden Mangel an Arbeitskräften unter Druck geraten. Das zwingt uns dazu, neue Lösungen zu entwickeln: Was muss weiterhin von Menschen erledigt werden? Was kann automatisiert oder digitalisiert werden? Welche Tätigkeiten können wir anders organisieren? Was können wir weglassen? Der Arbeitskräftemangel ist damit nicht ausschließlich ein Problem, sondern kann – richtig gestaltet – auch ein Impuls für Veränderung und Innovation sein. Sehen wir Veränderungen nicht immer nur als etwas Negatives, sondern auch als Chance. Entscheidend wird sein, die notwendigen Übergänge so zu gestalten, dass Unternehmen, Beschäftigte und letztlich die gesamte Gesellschaft mit den neuen Rahmenbedingungen zurechtkommen.<h3> Zum Thema: Wenn die starken Jahrgänge in Rente gehen ...</h3>Der demografische Wandel stellt Arbeitsmärkte weltweit vor große Herausforderungen. Auch in Südtirol verabschieden sich die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre in die Rente – und reißen auf dem Arbeitsmarkt eine Lücke auf. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1354341_image" /></div> <BR /><BR />Die Alterspyramide, die die Verteilung der Altersgruppen in der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt darstellt (siehe Grafik), zeigt es deutlich: Die heute in Südtirol lebenden Jahrgänge der zwischen 1963 und 1973 Geborenen umfassen jeweils noch mehr als 8.000 Personen. Die jüngeren Jahrgänge sind dagegen deutlich schwächer besetzt, so kommen die 2000er-Jahrgänge zum Beispiel auf weniger als 6000 Personen. <BR /><BR />Von der einst echten Pyramidenform (breit unten, spitz oben), weil die Bevölkerung aus vielen Kindern und Jugendlichen, aber wenige alten Menschen bestand, ist heute nicht mehr viel zu sehen. <BR />Die Folge: Während Unternehmen heute schauen müssen, wie sie jährlich etwa 3.000 Pensionierungen ersetzen können, werden es in fünf Jahren etwa 4.000 und in zehn Jahren etwa 5.000 Pensionierungen sein, wie das Landesamt für Arbeitsmarktbeobachtung in einer Studie aus 2025 prognostiziert. <BR /><BR />Diese Zahl wird dann laut den Arbeitsmarktexperten für mindestens einige Jahre mehr oder weniger gleich bleiben, bevor sie zu sinken beginnt. Insgesamt werden laut Berechnungen in den nächsten 15 Jahren zwischen 60.000 und 70.000 Arbeitnehmer in den Ruhestand gehen, während es in den letzten 15 Jahren etwa 35.000 waren.