„Noch deutlich schwerer wiegt jedoch ein anderes Phänomen“, wie Verhaltensökonom Mirco Tonin von der Freien Universität Bozen im Gespräch mit s+ erklärt.<BR /><BR /><b>Herr Tonin, für Verhaltensökonomen und Konsumforscher dürften die letzten 2 Jahre wohl hochspannend gewesen sein...</b><BR />Mirco Tonin: Sicherlich, ja. Zunächst erlebten wir die Coronapandemie mit den gravierenden Einschränkungen für den Konsum, dann die Rückkehr des Konsums und nun droht ein erneuter Rückgang, wenngleich unter völlig anderen Umständen. <BR /><BR /><b>In Coronazeiten war Konsum nur eingeschränkt möglich, aktuell ist er möglich...</b><BR />Tonin: Nur verzichtet ein Teil der Bevölkerung darauf, weil er nach den stark gestiegenen Kosten im Energiebereich und bei lebensnotwendigen Gütern tatsächlich Schwierigkeiten hat, über die Runden zu kommen. Dazu zählen die unteren Einkommensschichten. Was den Mittelstand betrifft, ist die Lage etwas anders. Er spürt den Preisschock ebenfalls, aber vielmehr versucht er aktuell vorausschauend zu handeln. Die Sparneigung vieler Menschen ist zuletzt rapide angestiegen, weil man im Herbst und Winter mit dem Worst-Case-Szenario rechnet. Es wird Geld für zukünftige, unter Umständen horrende Energierechnungen auf die Seite gelegt. Dieses Verhalten ist absolut nachvollziehbar. Das heißt, Konsum, der nicht als unbedingt notwendig erachtet wird, wird hinten angestellt. Nur weiß keiner, wie schlimm es tatsächlich werden wird, was wiederum das Schlimmste an der aktuellen Lage ist: die Ungewissheit. <BR /><BR /><b>Können Sie das etwas näher erläutern?</b><BR />Tonin: Die Preise an den Energiebörsen schwanken massiv, so dass es heute unmöglich ist, auch nur annähernd abzuschätzen, was uns Verbraucher im Herbst und Winter erwartet. Es wird sehr wahrscheinlich schmerzhaft werden für die meisten, aber wie schmerzhaft, das weiß keiner. Außer Frage steht, dass diese Unsicherheit noch zusätzlich lähmend wirkt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55778426_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Was nutzt uns, oder sagen wir den politischen Entscheidungsträgern, diese Erkenntnis?</b><BR />Tonin: Auf politischer Seite muss alles unternommen werden, um diese Unsicherheit vor allem im Bereich Energie zu beseitigen. Dadurch gehen die extremen Ausschläge an den Märkten zurück. Natürlich ist da in erster Linie die EU gefragt. Aber nicht nur, auch in Italien braucht es klare Maßnahmen, und zwar nicht erst irgendwann nach den Wahlen, sondern so schnell wie möglich. Man kann in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung sein, aber beim Thema Energie sollte es einen gemeinsamen, lagerübergreifenden Fahrplan geben. Wie realistisch das ist, steht auf einem anderen Blatt.<BR /><BR /><b>Was sollte das Ziel dieser Maßnahmen sein?</b><BR />Tonin: Etwas mehr Planungssicherheit. Ein Haushalt muss wissen, ob er 100, 300, 500 oder 1000 Euro für Energie monatlich zahlen wird müssen. Dementsprechend kann er auch seine Konsumausgaben im Voraus besser planen.<BR /><BR /><b>Welche Form des Konsums leidet unter der höheren Sparneigung besonders?</b><BR />Tonin: Das zieht sich quer durch und betrifft alle Bereiche, die nicht als lebensnotwendig oder eben besonders wichtig für den jeweiligen Haushalt erachtet werden. Eine Einschränkung gibt es bei alledem aber schon.<BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR /> Tonin: Während die unteren Einkommensschichten und der Mittelstand den Konsum eher zurückfahren oder zurückfahren müssen, gibt es auch Gesellschaftsschichten, die sich damit kaum oder gar nicht beschäftigen. Es kann also durchaus sein, dass wir bei Angeboten im gehobenen Segment bzw. bei Luxusartikeln ein stabiles Geschäft sehen, während es in vielen anderen Bereichen Rückgänge gibt.