<b>Frau Burkhart, Gen Z und Alpha werden oft auf Klischees reduziert. Warum ist das so – obwohl sie die Zukunft der Arbeitswelt sind?</b><BR /><BR />Steffi Burkhart: Weil es bequemer ist, über sie zu reden als mit ihnen. Die Gen Z wird auf TikTok und Vier-Tage-Woche reduziert, Alpha existiert für viele Betriebe noch gar nicht.<BR /><BR /><BR /><b> Wie gewinnt und hält man junge Talente – jenseits von Schlagwörtern?</b><BR /><BR />Burkhart: Zunächst sollte man wissen: Die Wechselbereitschaft steigt – im Schnitt sprechen wir von etwa zwölf Jobwechseln im Laufe eines Berufslebens. Drei Dinge machen den Unterschied.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74395818_quote" /><BR /><BR /><b> Welche?</b><BR /><BR />Burkhart: Erstens: Unternehmen müssen zu „Caring Companies“ werden. Die Gen Z ist nachweislich die einsamste Generation seit Messbeginn. Was sie sucht, ist Zugehörigkeit und ein Umfeld, in dem sie sich gesehen und gehört fühlt. Gerade kleinere Betriebe haben hier einen natürlichen Vorteil – wenn sie ihn bewusst leben.<BR /><BR />Zweitens: Das „Warum“ muss klar kommuniziert werden. Was würde die Region vermissen, wenn es Ihren Betrieb nicht gäbe? Diesen Stolz gilt es sichtbar zu machen – auch über Social Media.<BR /><BR /><BR /><b>Was ist noch wichtig? </b><BR /><BR />Burkhart: Verantwortung früh übertragen. Die Gen Z will Wirkung, ohne unbedingt Chef sein zu müssen. In kleineren Strukturen gelingt das oft schneller als im Konzern.<BR /><BR /><BR /><b>Steckt die Gen Z zwischen alten Strukturen und neuen Erwartungen in einer Art Sandwich-Falle?</b><BR /><BR />Burkhart: Es ist weniger eine Sandwich-Falle als eine Vertrauenskrise. Diese Generation hat ihre prägenden Jahre in einer Abfolge von Krisen erlebt – Pandemie, Inflation, Krieg in Europa. Sie betritt eine Arbeitswelt, deren Versprechen sie nicht mehr glaubt. Gleichzeitig gibt es Anforderungen, die nicht verhandelbar sind: Qualität, Verlässlichkeit, die Bereitschaft zu lernen. Gerade im Handwerk sind Geduld und Präzision zentrale Werte. Für eine Generation, die in einer schnellen, digitalen Welt aufgewachsen ist, ist das eine echte Herausforderung.<BR /><BR /><BR /><b>Bleiben wir kurz beim Thema Dauerkrisen: Stimmt also der Befund, dass die Gen Z auch eine erschöpfte Generation ist?</b><BR /><BR />Burkhart: Ja – und das ist strukturell. Die Gen Z ist die erste Generation ohne stabile Normalität als Referenz. Pandemie, Krieg und wirtschaftliche Unsicherheit prägen ihr Weltbild. Diese Erschöpfung ist keine Empfindlichkeit, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf eine komplexe Realität.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74395819_quote" /><BR /><BR /><b>Auch das Verständnis von Führung habe sich radikal gewandelt, sagen Sie. Inwiefern?</b><BR /><BR />Burkhart: Fachliche Exzellenz allein reicht nicht aus. Heute braucht es „Inspiring Leadership“: Wirkung kommunizieren, emotionale Intelligenz zeigen und selbst Lernbereitschaft vorleben. Gen Z folgt nicht dem Titel, sondern dem Menschen. Ein Chef, der neue Technologien ausprobiert und von jungen Mitarbeitenden lernt, führt oft wirksamer als klassische Hierarchien. Sie müssen auch sehen, dass Arbeit heute Sinn liefern muss – und zwar nicht als Bonus, sondern als Voraussetzung. Es geht nicht darum, die Welt zu retten, sondern den eigenen Beitrag zu verstehen.<BR /><BR /><BR /><b>Das nächste große Thema im Arbeitsleben ist KI – wie wird sie die klassische Karriere verändern?</b><BR /><BR />Burkhart: Die lineare Karriere – Ausbildung, Aufstieg, Ruhestand – löst sich zunehmend auf. Viele Menschen werden mehrere berufliche Identitäten entwickeln. Das ist ja heute schon so.<BR /><BR />KI beschleunigt diese Entwicklung, indem sie klassische Einstiegsaufgaben übernimmt. Gleichzeitig wird praktisches, handwerkliches Können aufgewertet.<BR /><BR /><BR /><b> Könnten Sie noch konkreter werden?</b><BR /><BR />Burkhart: Gerne. Wir erleben eine so genannte Entry-Level-White-Collar-Job-Krise. Generative KI übernimmt Aufgaben, die bisher typische Einstiegsjobs waren – E-Mails formulieren, Marktanalysen erstellen, Präsentationen bauen. Das Leistungsversprechen „Mach Abitur, geh studieren und du hast einen sicheren Job“ greift nicht mehr. <BR /><BR /><embed id="dtext86-74397970_quote" /><BR /><BR />Gleichzeitig beobachten wir ein Technologie-Paradoxon: Gen Z und Alpha sind mehr als 70 Stunden pro Woche online – und sehnen sich trotzdem zunehmend nach der physischen Welt, nach sichtbaren Ergebnissen. Gerade das Handwerk liefert in der neuen Arbeitswelt starke Antworten: lokale Wertschöpfung, sichtbare Ergebnisse, Weitergabe von Wissen über Generationen. Entscheidend ist, diese Geschichte auch zu erzählen.<BR /><BR /><BR /><b>Wird die Arbeitswelt für Gen Z und Alpha also besser – oder vor allem anspruchsvoller?</b><BR /><BR />Burkhart: Sie wird anspruchsvoller. Aber diese Generationen kennen es nicht anders. Gerade darin liegt auch eine Stärke: Gen Z und Alpha starten ohne Illusionen. Für Betriebe bedeutet das, neue Maßstäbe zu entwickeln – gemeinsam mit den jungen Mitarbeitenden.<BR /><BR /><BR /><BR /><i>*Zur Person: Steffi Burkhart ist promovierte Gesundheitspsychologin und Autorin. Sie beschäftigt sich mit den Folgen von Digitalisierung und demografischem Wandel für die Arbeitswelt und berät Unternehmen in Fragen der Führung und Unternehmenskultur. Ihr Fokus: mehr Wertschätzung, emotionale Intelligenz und praxisnahe Lösungen. Das Handwerk sieht sie als stabilen Gegenpol zur digitalen Transformation.</i>