Denn unter anderem sei auch das Problem mit der Erderwärmung noch nicht gelöst. <BR /><BR /><b>Herr Oberrauch, die Preise für verschiedene Rohstoffe wie Metalle, aber vor allem für Energie schnellen in die Höhe. Wie sehr trifft das Südtirols Industriebetriebe? </b><BR />Heiner Oberrauch: Das Gute ist, dass wir in Südtirol nicht viele besonders energieintensive Branchen haben. Aber die Energiepreiserhöhungen treffen natürlich alle Unternehmen, weil Energie ja überall gebraucht wird. Immerhin machen die Energiekosten grob gerechnet in jedem produzierenden Unternehmen mindestens 10 bis 20 Prozent der Gesamtkosten aus, das kann aber auch bis zu 70 Prozent gehen. Wenn die Betriebe dann heute dafür 4- bis 5-mal mehr bezahlen als vor einem Jahr, dann spüren sie das natürlich. Dazu kommt, dass wir nicht mehr wettbewerbsfähig gegenüber anderen Regionen sind. Strom ist in Frankreich und Österreich beispielsweise günstiger, weil in Italien der Strompreis stärker vom Gaspreis abhängt. Bei den Rohstoffen hingegen ist eher die Verfügbarkeit das Problem. Stichwort: Mikrochips. <BR /><BR /><b><BR />Die Chipkrise dauert also an?</b><BR />Oberrauch: Ja, die Südtiroler Automobilzulieferer bereiten sich zurzeit darauf vor, dass sie die Produktion zeitweise reduzieren und die Mitarbeiter in Lohnausgleich schicken müssen, weil sie eben ein winziges Teil, das sie für die Produktion benötigen, nicht geliefert bekommen. Das zeigt einmal mehr, dass Europa es versäumt hat, strategisch wichtige Produktionen zu behalten, da sind wir viel zu abhängig von China und Taiwan. <BR /><BR /><b>Sie haben letztes Jahr noch gesagt, wenn wir enkeltauglich wirtschaften wollen, dann müssen Energie und Transporte teurer werden ... </b><BR />Oberrauch: Das stimmt. Aber wenn der Energiepreis auf einen Schlag um das Vier- bis Fünffache steigt, dann schadet das dem Klima. <BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Oberrauch: Weil die Unternehmen dann die Produktion in Billigländer auslagern, in denen keine Umweltauflagen gelten. Abgesehen von den zahlreichen Arbeitsplätzen, die dann bei uns verloren gehen, ist das das große Problem für das Weltklima. Energie muss teurer werden, dann wird auch mehr gespart. Aber bevor sie teurer wird, müssen wir auf andere – erneuerbare – Energiequellen umstellen. Italien hätte zum Beispiel ein riesiges Potenzial im Bereich der Solaranergie, das bislang aufgrund bürokratischer Hindernisse ungenutzt geblieben ist. Da könnte man noch einiges tun. Wenn wir es positiv sehen wollen: So wie die Corona-Pandemie eine massive Beschleunigung der Digitalisierung mit sich gebracht hat, so könnte der Ukraine-Krieg dazu führen, dass notwendige Investitionen in Energiewende schneller durchgeführt werden. <BR /><BR /><b>Confindustria-Präsident Carlo Bonomi hat kürzlich von einem Sturm gesprochen, der die Wirtschaft erfasst hat… </b><BR />Oberrauch: Eigentlich haben wir ja derzeit 3 Krisen gleichzeitig zu bewältigen: Wir kommen gerade aus der Covid-Pandemie heraus, das ist mittlerweile die kleinste Krise, sehen uns jetzt mit der Material- und Energiekrise konfrontiert und haben zudem noch die wichtigste Krise zu bewältigen, die Erderwärmung – und die tritt in den Hintergrund, obwohl wir wissen, dass es 5 vor 12 ist. Insofern ist die Situation schon sehr schwierig. Zudem befürchte ich, dass es noch eine soziale Krise mit hoher Inflation und neuen Flüchtlingsströmen geben wird. Denn wenn wir daran denken, wie abhängig beispielsweise Ägypten von Weizenimporten aus der Ukraine ist, die wohl wegen des Krieges ausbleiben werden, dann ist zu befürchten, dass es soziale Krisen und eine neue Völkerwanderung geben wird. Das wird ein Problem für Europa.<BR /><BR /><b>In anderen Regionen haben einige Betriebe aus besonders energieintensiven Bereichen, Papier- und Keramikhersteller zum Beispiel, angekündigt, angesichts dieser Energiepreise nicht weiter produzieren zu können…</b><BR />Oberrauch: In Südtirol sind mir solche Fälle nicht bekannt. Aber in der Lombardei haben deswegen einige Betriebe schon vorläufig geschlossen – weil sie eben nicht mit Verlust weiterproduzieren wollen. Doch was ist die Folge? Dann werden Lieferketten unterbrochen und das bringt wieder andere Betriebe in Schwierigkeiten. Deshalb sage ich, da hat der Unternehmer auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Auch wenn es für den Einzelnen vielleicht einfacher wäre, die Produktion einzustellen, kommt dann ein Rattenschwanz an Problemen hinterher. <BR /><BR /><b>Die Preiserhöhungen teilweise an die Endkonsumenten weiterzugeben, ist nicht möglich?</b><BR />Oberrauch: Bislang hat die Industrie die Preissteigerungen größtenteils nicht weitergeben, jetzt wird man damit anfangen müssen. <BR /><BR /><b>Wenn die Unternehmen die Energiekosten aber an den Konsumenten weitergeben, wird die Inflation weiter steigen…</b><BR />Oberrauch: Das ist das nächste große Thema. Wenn die Inflationsrate gegen 8 Prozent geht, werden das die Lohnabhängigen spüren. Das wird man zwar mit Lohnerhöhungen ausgleichen können, aber wichtig wäre eine Lohnpolitik, die den Arbeitnehmern mehr Netto vom Brutto lässt. <BR /><BR /><b>Was kann bzw. muss die Politik jetzt tun?</b><BR />Oberrauch: Die Steuer auf Arbeit streichen. Europa muss strategisch wichtige Produktionen heimholen, es muss die Industrie wiederentdecken. Denn eine reine Dienstleistungsgesellschaft macht sich abhängig. Doch damit die Produktion nach Europa zurückkehren kann, müssen die Steuern auf Arbeit weg, sonst ist man nicht konkurrenzfähig. <BR /><BR /><b>Der Präsident des Bankenverbandes Abi, Antonio Patuelli, sagte kürzlich, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Krieges werden schlimmer sein als jene der Coronakrise. Deswegen sollte Italien die Covid-Hilfen verlängern bzw. neu auflegen: zum Beispiel unbürokratische Kreditstundungen und Staatsgarantien für Kredite und die Sonder-Lohnausgleichskasse. </b><BR />Oberrauch: Wenn der Krieg weitergeht, wird es Maßnahmen brauchen. Aber ich warne davor – wie ich es auch in der Coronakrise getan habe –, zu großzügig zu sein. Denn irgendjemand muss das zurückzahlen und wir verschulden unsere Kinder und Kindeskinder. Damit die Wirtschaft arbeiten kann, braucht es in erster Linie schlanke Haushalte. <BR /><BR /><b>Wie sieht Ihre Prognose für die kommenden Monate aus?</b><BR />Oberrauch: Das werden herausfordernde Monate werden. Wir werden auch bedingt durch die Coronakrise in der Wirtschaft noch Langzeitfolgen sehen, dazu kommt der Krieg, der zu Absatzschwierigkeiten und sozialen Problemen führen kann, sollte er noch länger dauern. Wenn der Krieg nicht bald zu Ende ist, sehe ich die gesamteuropäische Situation schlecht. Südtirol steht aber im Verhältnis gut da. Das muss man auch sagen. Wir haben viele Betriebe in Familienhand, wodurch schnelle Entscheidungen möglich sind, wir haben kapitalstarke Unternehmen mit Reserven und auch nicht so viele energieintensive Betriebe; zudem wird der Tourismus wohl halten, weil davon auszugehen ist, dass Urlauber eher die Geborgenheit der Berge suchen als weiter entfernte Länder. Nichtsdestotrotz wird die Krise vereinzelt Betriebe stärker treffen. <BR /><BR /><b>Fürchten Sie auch in Südtirol um den sozialen Frieden? </b><BR />Oberrauch: Der soziale Frieden hat Südtirol seinen Wohlstand gebracht. Sowohl von Gewerkschafts- als auch von Unternehmerseite werden immer die Vernunft und das gute Miteinander siegen, deshalb denke ich, wird man den Ausgleich finden dürfen. <BR /><BR />