Donnerstag, 03. September 2020

„Die Unsicherheit ist groß“

Die Unsicherheit im Handwerk sei groß, sagt Martin Haller, Präsident des Wirtschaftsverbandes für Handwerk und Dienstleister (lvh), im Interview mit dem Tagblatt „Dolomiten“. Vor allem die Mietwagenunternehmer und Eventdienstleister seien stark von der Krise betroffen. Und die Friseure und Schönheitspfleger könnten mittelfristig große Nachwuchsprobleme bekommen. Im Baugewerbe sei in letzter Zeit hingegen ein Preisverfall zu beobachten, so Haller.

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lvh-Präsident Martin Haller. - Foto: © lvh
„Dolomiten“: Herr Haller, im Frühsommer hatte man befürchtet, dass ab Herbst im Handwerk die Auftragslage einbrechen könnte. Trifft dies zu?

Martin Haller: Es gibt im Handwerk derzeit 3 unterschiedliche Situationen. Zum einen haben wir die Mietwagenunternehmen und den Personentransport, wo die Situation unverändert schlecht ist. Es sind zwar Touristen vor Ort, aber eine Ausflugstätigkeit findet kaum oder überhaupt nicht statt. In dieser Branche gibt es also momentan kaum Arbeit. Zudem ist noch eine weitere Thematik dazugekommen...

„D“: Nämlich?

Haller:
Der Schülertransport. Dort gibt es einen provisorischen Zuschlag für den süditalienischen Anbieter Tundo und nicht für das Konsortium der Südtiroler Mietwagenunternehmer KSM. Das bedeutet für viele der 300 Südtiroler Klein- und Kleinstbetriebe in diesem Bereich, dass sie vor Existenzproblemen stehen.

„D“: Dieser Sektor im Handwerk leidet also am stärksten unter der Corona-Krise?

Haller: Auf jeden Fall. Und es ist kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, es fehlt die Perspektive. Zudem haben diese Betriebe meist geleaste Busse, die in der aktuellen Situation nicht zu verkaufen sind, da die Situation in ganz Europa dieselbe ist.

„D“: Für diesen Sektor gibt es vom Land einen Härtefonds in Höhe von 10 Millionen Euro. Reicht dies nicht aus?

Haller: Diese 10 Millionen Euro sind ein gutes Zeichen, aber sie reichen sicher nicht aus, um allen Betriebe die notwendige Unterstützung zu geben.

„D“: Sie sprachen von 3 unterschiedlichen Situationen im Handwerk...

Haller: Das stimmt. Neben den Mietwagenunternehmern hat die Krise vor allem auch den Bereich der Eventdienstleistung voll getroffen, wo viele Handwerker tätig sind.

„D“: Sie sprechen vor allem vom Bühnenaufbau?

Haller: Vom Bühnenaufbau, aber auch von Malertätigkeiten oder dem Standservice in der Messe Bozen zum Beispiel. Diese Betriebe sind teilweise seit einem halben Jahr ohne Arbeit. Was die Dienstleistungen anbelangt, so bekommen auch die Friseurbetriebe oder Schönheitspfleger die Krise zu spüren.

„D“: Aber diese Betriebe haben seit Mai wieder geöffnet...

Haller: Das stimmt zwar, aber die Leute gehen weniger oft zum Friseur oder zur Schönheitspflege, da die Unsicherheit nach wie vor gegeben ist. Zusammen mit dem Entlassungsverbot bringt diese Situation für viele Betriebe das Problem einer Überkapazitäten mit sich.

„D“: Das bedeutet, dass nach dem Entlassungsverbot viele Mitarbeiter in diesem Sektor gekündigt werden?

Haller: Die große Angst in diesem Sektor ist vor allem, dass viele Lehrstellen wegfallen.

„D“: Es werden künftig also deutlich weniger Lehrlinge eingestellt?

Haller: Davon ist auszugehen. Wenn ein Betrieb Zukunftsangst hat, dann wird er sich 2 Mal überlegen, ob er einen Lehrling einstellt. Es werden wieder wirtschaftlich gute Zeiten kommen und dann fehlen diese Lehrlinge, dann wird es viel zu wenig ausgebildetes Personal geben, was mittelfristig eine Katastrophe wäre.

„D“: Und die dritte Situation im Handwerk?

Haller: Das ist das Bau- und Baunebengewerbe. In diesem Bereich gab es bis jetzt eine relativ gute Auftragslage. Aber nun nimmt man eine immer stärkere Unsicherheit wahr, da einerseits nicht klar ist, ob und wie viel weiterhin investiert wird in Südtirol und andererseits macht sich das neue Raumordnungsgesetz bemerkbar.

„D“: Inwiefern?

Haller: Bei der Preisgestaltung. Die neuen Aufträge werden teilweise unter dem Preis angeboten. Vieles deutet auf einen Preisverfall hin.

„D“: Die Aussichten im Handwerk sind also eher durchwachsen?

Haller: Die Unsicherheit ist groß. Vieles hängt im Handwerk auch von der Entwicklung im Tourismus ab. Wenn die Infektionszahlen eine gute Wintersaison zulassen und auch die Grenzen geöffnet bleiben, dann hoffe ich, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen.

sor