<b>Herr Luther, Sie haben sich im Sonderteil des Arbeitsmarktberichts ausführlich mit der Abwanderung von jüngeren Südtirolern ins restliche Italien und ins Ausland beschäftigt. Was genau haben Sie herausgefunden?</b><BR />Stefan Luther: Wir haben uns zunächst die Jahrgänge 1983 und 1984, da sprechen wir von rund 10.000 Personen, angesehen und nachgeschaut, wie viele von ihnen bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres Südtirol verlassen haben. Anhand der Daten sieht man, dass 6 Prozent von ihnen ausgewandert sind. Dazu kommen weitere 9 Prozent, die zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr Südtirol verlassen haben. In Summe kommen wir auf 15 Prozent, also rund 1500 Personen, was nur die Jahrgänge 1983 und 1984 betrifft. In einem zweiten Moment haben wir diese Daten mit jenen der Jahrgänge 1993 und 1994 verglichen. <BR /><BR /><b>Welche Tendenz zeigte sich?</b><BR />Luther: Die Tendenz ist ohne zu Übertreiben bedenklich. Aus den 6 Prozent sind 16 Prozent geworden, das heißt die Zahl jener, die Südtirol vor dem 30. Lebensjahr den Rücken kehrten, hat sich innerhalb von 10 Jahren fast verdreifacht. Wenn man davon ausgeht, dass auch der Anteil der Südtiroler der Jahrgänge 1993 und 1994, die zwischen 30 und 40 Jahren auswandern werden, ansteigt, kommen wir auf erschreckend hohe Werte. Es gibt zweifellos einen verstärkten Trend zur Abwanderung. Was man auch sieht, ist, dass Südtirol eher höher qualifizierte Arbeitskräfte verlassen, während wir eher niedriger qualifizierte Arbeitskräfte „importieren“. <BR /><BR /><b>Von den erwähnten Auswanderern dürften aber doch nicht wenige wieder zurückkehren, oder?</b><BR />Luther: An die 20 Prozent, nicht mehr, kehren nach dem Studium wieder zurück. Ich finde diese Zahlen erzählen schon recht viel und leider nicht sehr viel Erfreuliches. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62592405_quote" /><BR /><BR /><b>Wohin zog es die untersuchten Jahrgänge?</b><BR />Luther: 82 Prozent zog es in Richtung Norden, vor allem nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz. 18 Prozent entschieden sich fürs restliche Italien. Auch sehen wir, dass der Anteil der Auswanderer unter der deutschsprachigen Bevölkerung höher ist als unter der italienischsprachigen. <BR /><BR /><b>Woran liegt es, dass der Wunsch auszuwandern größer wird?</b><BR />Luther: Neuste, gesicherte Informationen dazu haben wir noch nicht. Wir arbeiten daran. Es gibt dazu nur etwas ältere Erkenntnisse. Meine persönliche Meinung ist, dass es sicher eine Vielzahl von Faktoren sind, die eine Rolle spielen. Die besseren Karrieremöglichkeiten im Ausland, finanzielle Überlegungen, die Lust, neue Erfahrungen zu sammeln – beruflich und privat. Auch ist die Lebensqualität in den beliebtesten Zielregionen vergleichbar mit Südtirol, da müssen also keine allzu großen Abstriche gemacht werden. <BR /><BR /><b>Kann dies nicht auch mit einer höheren beruflichen Mobilität im Allgemeinen zusammenhängen?</b><BR />Luther: Sicherlich, nur müsste es dann eine Zuwanderung auch Hochqualifizierter in ähnlichem Maße geben. Diese sehen wir aber nicht. Südtirol wies im letzten Halbjahr von Mai bis Oktober zwar einen Beschäftigungszuwachs von 2,1 Prozent auf, der Zuwachs ist jedoch mehrheitlich auf die Zuwanderung von niedriger qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland zurückzuführen. Diese arbeiten eher in Branchen mit einer geringeren Produktivität. <BR /><b><BR />Sie sprechen vom Bau- und Gastgewerbe?</b><BR />Luther: Nicht nur, zum Beispiel auch von Reinigungsdiensten. Wobei es auch im Gastgewerbe – wie überall - unterschiedliche Realitäten gibt. Es gibt besonders im gehobenen Segment Betriebe, die eine hohe Produktivität aufweisen. Interessant ist, dass diese Betriebe offenbar auch für einheimische Arbeitskräfte attraktiver sind. Diesen Zusammenhang konnten wir erkennen. Es sind Betriebe, die verstärkt auf einheimische Arbeitskräfte setzen, ihnen interessante Löhne, Arbeitszeiten und Benefits bieten. <BR /><BR /><b>Das Arbeitskräfteproblem ist also keineswegs in jedem Betrieb gleich groß…</b><BR />Luther: Nein. Ein Beispiel dafür ist auch die Firma Alpitronic, die seit Jahresanfang jeden Monat um die 60 neue Mitarbeiter angestellt hat. Bei den Neuanstellungen handelt es sich mehrheitlich um Südtiroler.<BR /><BR /><b>Und woher nimmt Alpitronic diese hohe Zahl an neuen Mitarbeitern?</b><BR />Luther: Zu einem wesentlichen Teil sind es Mitarbeiter, die von anderen Betrieben abgeworben werden. Jeder fünfte Beschäftigte im Großraum Bozen, der den Zusatz „Elektro“ in der Berufsbezeichnung trägt, arbeitet mittlerweile bei Alpitronic. Damit meine ich Elektrotechniker, Elektroingenieure usw. <BR /><BR /><b>Diese Abwerbe-Praxis war in Südtirol lange Zeit verpönt, es gab eine Art „Gentlemen´s Agreement“ unter den Betrieben…</b><BR />Luther: Richtig, doch diese Zeiten sind vorbei. Ich finde das nicht unbedingt schlecht, weil es den Wettbewerb beflügelt. Es übt natürlich Druck auf die Arbeitgeber aus, die sich, um konkurrenzfähig zu bleiben, mehr um die Bewerber bemühen müssen. Erst recht in einer Situation, in der es ein immer geringeres Angebot an Bewerbern für ein Überangebot an Arbeitsplätzen geben wird. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62592406_quote" /><BR /><BR /><b>Daten des Astat vom dritten Quartal zeigen, dass Südtirol so gut wie keine Arbeitslosen hat: Im dritten Quartal waren es nur 1,6 Prozent.</b><BR />Luther: Es stimmt, dass die Situation in Südtirol insgesamt positiv ist, aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Neben den erwähnten Punkten betrifft dies auch die Arbeitslosen. Weil wir in unserer Berechnung alle Registerarbeitslosen miteinbeziehen, kommen wir auf eine Quote von 4,7 Prozent im dritten Quartal und 5,8 Prozent im Halbjahr von Mai bis Oktober. Wir setzen die Gesamtzahl der Arbeitslosen ins Verhältnis zu den Arbeitnehmern. Diese Berechnungsmethode entspricht jener in Deutschland und Österreich. Durchschnittlich gab es in Südtirol von Mai bis Oktober 13.200 Personen mit Arbeitslosenstatus. 3500 davon sind Langzeitarbeitslose. Es ist also durchaus Potenzial da, das man für den Arbeitsmarkt noch nutzen könnte, aber das wir bis dato nicht imstande sind, auszuschöpfen. <BR /><BR /><b>Wo wollen Sie ansetzen?</b><BR />Luther: Ab Februar werden wir systematisch die Maßnahmen im Rahmen der Beschäftigungsfähigkeitsgarantie „GOL“ umsetzen. Das heißt, mit Mitteln aus dem Wiederaufbaufonds PNRR wollen wir durch gezielte, maßgeschneiderte Weiterbildungen, Praktika und Coachings Arbeitslosen helfen, wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Am besten, bevor aus den Arbeitslosen Langzeitarbeitslose werden. Wir haben nämlich gesehen, dass es immer schwieriger wird, einen Arbeitslosen in die Beschäftigung zurückzubringen, je länger er ohne Job ist. Starten werden wir die Maßnahmen im Februar mit rund 1200 Personen. Wenn es uns gelingt, 50 Prozent davon ins Erwerbsleben zurückzubringen, wäre das ein schöner Erfolg. Nichtsdestotrotz werden wir uns wohl mit der paradoxen Situation abfinden müssen, dass die Arbeitslosenrate nur unwesentlich sinkt und gleichzeitig der Arbeitskräftemangel größer wird. Zum Thema Arbeitslosigkeit möchte ich aber noch etwas ergänzen. <BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Luther: Es trifft zu, dass Südtirol im Großen und Ganzen kein Problem hat mit der Arbeitslosigkeit. Es lohnt sich aber, wie gesehen, die Sache differenziert zu betrachten. Auch weil die Rate an sich nichts darüber aussagt, wie es punktuell in Südtirol aussieht. Nehmen wir den Fall Hoppe her: In Laas und Schluderns sind 130 Mitarbeiter entlassen worden, 50 davon werden aber erst ab Januar „arbeitslos“ registriert. Auf ganz Südtirol und die Arbeitslosenstatistik gerechnet, ist dies kaum erwähnenswert. Für das Obervinschgau hingegen ist das schon ein Thema und nicht zu unterschätzen. <BR /><BR /><b>In der Arbeitsmarktsituation, wie wir sie in Südtirol haben, dürfte es doch nicht schwer sein, einen Job für die Entlassenen zu finden, würde man meinen.</b><BR />Luther: Bis jetzt haben 13 arbeitslos registrierten Personen einen neuen Arbeitsvertrag erhalten. Ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird, die meisten unterzubringen, aber alle werden nicht eine neue Beschäftigung finden. Es handelt sich um Personen, die Einfachtätigkeiten ausgeübt haben, eher älter sind und zu einem Drittel um Nicht-EU-Bürger, die aber mehrheitlich im Vinschgau ansässig sind. Daran sieht man, dass man nicht alles über einen Kamm scheren kann. <BR /><BR /><b>Kommen wir am Ende zum Ausgangspunkt zurück: Wie will Südtirol sein hohes Wohlstandsniveau halten, wenn die Abwanderung zunimmt, die „Falschen“ zuwandern und das Potenzial der Arbeitslosen nur bedingt nutzbar gemacht werden kann?</b><BR />Luther: Das ist die große Herausforderung, vor der Südtirol steht. Fakt ist: In Vergangenheit war vieles von dem, das wir hier angesprochen haben, kein Thema. Wachstum und Wohlstand konnten mit einer ausreichend hohen Zahl an Arbeitskräften aufgebaut werden. Jetzt und in Zukunft noch stärker muss Südtirol mit weniger Arbeitskräften dasselbe leisten, das heißt, die Produktivität je Arbeitsplatz muss steigen. <BR />