„Für Südtirol könnte KI gar zum Glücksfall werden, um der demographischen Falle am Arbeitsmarkt zu entgehen“, so der Brixner HR-Experte, Lehrbeauftragte und Buchautor Hermann Troger. <BR /><BR /><b>Herr Troger, wie bei neuen Technologien üblich, spaltet auch KI die Fachwelt in zwei Lager: die Schwarzmaler und die Optimisten. Zu welchem Lager gehören Sie?</b><BR />Troger: Ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Aber lassen Sie mich etwas weiter ausholen.<BR /><BR /><b>Gerne. </b><BR />Troger: Ich beschäftige mich seit 2015 intensiv mit den Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Auch damals hat es viele gegeben, die Weltuntergangsszenarien gemalt haben und andere, die sich ein Jobwunder erwarteten. Eingetreten ist beides nicht. Tatsächlich hat die Digitalisierung aber dazu geführt, dass vor allem einfachere, repetitive Aufgaben automatisiert wurden. Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. KI ist von dieser Digitalisierungswelle abzugrenzen, weil sie sich in wesentlichen Punkten unterscheidet. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60153466_quote" /><BR /><BR /><b><BR />In welchen?</b><BR />Troger: Künstliche Intelligenz ist imstande ohne menschlichen Einfluss zu arbeiten, Daten, Theorien und Konzepte zu nutzen, um daraus eigenständig abzuleiten, wie bestimmte Ziele erreicht werden können. KI kann Vorhersagen, Empfehlungen oder Entscheidungen generieren, also auf intellektuell-geistiger Ebene sehr anspruchsvolle Aufgaben erledigen. Diese Besonderheiten führen dazu, dass uns Menschen nicht bloß körperliche Aufgaben erleichtert werden und entsprechende einfache Berufsbilder verschwinden werden, zum Beispiel Kassiererinnen oder Staplerfahrer, sondern es werden Profile ersetzt, die bislang verschont blieben: etwa Menschen in klassischen Bürojobs und in der Verwaltung, aber auch im kreativen Bereich. Auch und vor allem Jobs, für die Menschen mitunter lange studieren mussten, etwa Juristen, Mathematiker, Mediziner, Controller, Programmierer, Dolmetscher, Architekten usw.<BR /><BR /><b>Für die meisten der genannten Jobs werden in Südtirol verzweifelt Leute gesucht…</b><BR />Troger: Das stimmt. KI wird uns deshalb in Südtirol helfen, dass der Arbeitskräftemangel in einigen Bereichen weniger bzw. gar nicht mehr spürbar wird – trotz der demographischen Falle, auf die wir zusteuern. Ein Beispiel: KI kann dazu beitragen, dass ein Betrieb nicht mehr 5 Buchhalter oder Controller benötigt, sondern nur mehr einen. Bemerkenswert ist auch das Entwicklungstempo, das wir im Bereich KI sehen und das sich fundamental von den bisherigen 4 großen Technologisierungssprüngen unterscheidet. Von der Erfindung der Dampfmaschine bis zur bekannten Industrie 4.0 vergingen 300 Jahre. Die Entwicklungsschritte von KI werden in den nächsten Monaten und einigen wenigen Jahren völlig neue Realitäten schaffen und die Arbeitswelt von Grund auf verändern.<BR /><BR /><b>In Südtirol sollen nach dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation bis zu 20 Prozent der Jobs nicht nachbesetzt werden können. Ist KI in einem solchen Kontext ein Segen?</b><BR />Troger: Sicher. Aus den genannten Gründen. Von Beschäftigten werden KI und die technologischen Quantensprünge aber sehr viel Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erfordern. Menschen werden sich so schnell wie nie zuvor in der Geschichte beruflich verändern bzw. mitunter völlig umorientieren müssen. Die Mobilität innerhalb der Branchen hin zu Berufen, die durch KI schwer zu ersetzen sind, wird erheblich zunehmen. Weniger leicht zu ersetzen sind Profile, die ein hohes Maß an sozialer Interaktion erfordern. Hier ist z.B. der Pflegebereich zu nennen, der generell stark wachsen wird, sowie der für uns in Südtirol wichtige Tourismussektor. <BR /><BR /><b>Also ist KI mehr als ein Hype-Thema? </b><BR />Troger: Auf jeden Fall! KI erfüllt alles, was erfolgreiche technologische Entwicklungen mitbringen müssen: Sie müssen grundsätzlich funktionieren, wirtschaftliche Vorteile in Form von Produktivität und Kostensenkungen bringen, und sie müssen von der Gesellschaft gewollt sein. Abgesehen von den berechtigten Sicherheits- und Kontrollbedenken sowie dem hohen Ressourcenverbrauch, darunter vor allem Strom und Wasser, scheint bei KI alles zuzutreffen. Aber genau darum, also um die Frage wieviel KI wir wollen, wird sich die gesellschaftspolitische Diskussion in den nächsten Jahren drehen.<BR /><BR /><b>Welche Fähigkeiten sollten angesichts der anstehenden Veränderungen im Rahmen der Ausbildung von Mitarbeitern stärker gefördert werden?</b><BR />Troger: Es ist zweifellos die Fähigkeit, eigenständiges, flexibles Denken und Lernen zu lernen. Für nahezu alles andere wird es KI geben.