Der neue Dr.Schär-Geschäftsführer Philipp Schoeller spricht im großen S+Interview über die Coronaeffekte auf glutenfreie Produkte, über die neue Unternehmensstrategie und darüber, wie viele Personen tatsächlich an Zöliakie leiden. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Schoeller, Sie sind seit 7 Monaten Geschäftsführer von Dr. Schär, haben also mitten in der Coronakrise neu angefangen. Kein leichter Einstieg, oder?</b><BR />Philipp Schoeller: Es war eine sehr spannende Zeit und ich habe mich vom ersten Tag an sehr wohl gefühlt. Ich habe ein tolles Markenunternehmen mit einer beeindruckenden Produktvielfalt und einer erstaunlichen Internationalität vorgefunden. Wir haben ja Produktionsstätten in 11 Ländern der Welt – von der Türkei bis Brasilien – und unsere Produkte kann man in nahezu 100 Ländern weltweit erwerben – von der Pizza über Tortellini bis zum Gebäck. <BR /><BR /><BR /><b>Inwieweit hat Dr. Schär die Coronakrise gespürt?</b><BR />Schoeller: Die Mitarbeiter zu schützen, die Produktion und die Lieferketten aufrecht zu erhalten, um die Warenverfügbarkeit für die Konsumenten zu garantieren, das waren schon extrem große Herausforderungen. Denn man muss immer bedenken: Es gibt Menschen, wie Zöliakiepatienten, die auf unsere Produkte angewiesen sind.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="657299_image" /></div> <BR /><BR /><b>Denn diese Patienten haben Beschwerden, wie Bauchschmerzen, Durchfall und Blähungen, wenn sie normales Brot, normale Nudeln usw. essen. Nur indem sie konsequent auf glutenfreie Lebensmittel zurückgreifen, können Sie sich davor schützen…</b><BR />Schoeller: Genau. Zu Beginn der Coronakrise im März vergangenen Jahres hat es deshalb regelrechte Panikkäufe gegeben – mit Wachstumsraten von 20 bis 40 Prozent. Die Geschäfte sind regelrecht leer gefegt worden. Das hat sich dann im Mai wieder abgeschwächt. Ein weitere Herausforderung war es für uns auch, die Rohstoffe nach Italien und Südtirol zu bekommen. Da hatten wir teilweise erhebliche Probleme, weil wir sehr international einkaufen. Einer unserer wichtigsten Rohstoffe, Flohsamenschalen, kommt beispielsweise aus Indien. Und wenn die indische Regierung plötzlich ganze Regionen abriegelt, bekommt man die Ware nicht so leicht raus aus dem Land. Zudem sind Containerlieferungen in Coronazeiten auch nicht so einfach zu bewerkstelligen, weil zum Beispiel der Containermarkt sehr knapp ist. Da hatten wir eine Situation, wo unser Lagervorrat dermaßen geschmolzen ist, dass er nur mehr für wenige Stunden gereicht hätte – aber es hat schlussendlich alles geklappt.<BR /><BR /><BR /><b>Wie hat sich der Umsatz im Coronajahr 2020 entwickelt?</b><BR />Schoeller: Sehr erfreulich, wir sind im hohen einstelligen Bereich auf rund 419 Millionen Euro gewachsen und sind auch heuer gut unterwegs. <BR /><BR /><BR /><b>Sie haben kürzlich angekündigt, dass das Unternehmen sein Geschäftsfeld „Metabolics Nutrition“ an Nestlé verkauft. Dazu gehören die Marken Mevalia und Comidamed, unter denen Produkte für Menschen mit angeborenen Stoffwechselerkrankungen entwickelt werden. Weshalb trennen Sie sich davon?</b><BR />Schoeller: Unsere Mission ist es, Produkte für Konsumenten mit spezifischen Ernährungsbedürfnissen zu entwickeln. Das Geschäftsfeld „Metabolics“ mit den Marken Mevalia und Comidamed hingegen war eher pharmazeutisch orientiert. <BR /><BR /><BR /><b>Es waren also fast schon eher Medikamente als Lebensmittel?</b><BR />Schoeller: Ja. Deshalb sind wir der Meinung, dass diese Marken nicht so gut zu unserer Unternehmensstrategie passen – auch wenn sie sich sehr gut entwickelt haben. Denn wir wollen uns ja nicht als Pharmaunternehmen etablieren, sondern unsere Kernkompetenz ist die Ernährung. In diesem Bereich haben wir heute 3 Kernmarken: Schär für die glutenfreie Ernährung, Flavis für Menschen mit chronischer Niereninsuffizienz und Kanso für die ketogene Diät <i>(eine extrem kohlenhydratarme, dafür aber sehr fettreiche Ernährungsweise, Anm.d.Red.)</i>. Unser Ziel ist es, diesen Menschen mit unseren Lebensmitteln zu helfen und Normalität zu schenken. <BR /><BR /><BR /><b>Wie wichtig waren die Marken Mevalia und Comidamed für Dr. Schär?</b><BR />Schoeller: Sie haben zu einem sehr kleinen Teil – im einstelligen Bereich – zum Umsatz beigetragen. Der Verkauf betrifft in erster Linie unsere Niederlassung in Rosbach, auf die Produktion in Burgstall hat er keine Auswirkungen, weil hier nur Kleinstmengen – sprich im Promillebereich – für Mevalia produziert wurden. <BR /><BR /><BR /><b>Wie hoch war der Verkaufspreis?</b><BR />Schoeller: Dazu haben wir Verschwiegenheit vereinbart. Nur so viel: Wir haben eine gute Entwicklung hingelegt. <BR /><BR /><BR /><b>Vor einigen Jahren avancierten glutenfreie Produkte zum Mode-Lebensmittel auch für gesunde Menschen. Ist das heute noch so?</b><BR />Schoeller: Unsere Kernzielgruppe sind auf jeden Fall Menschen, die auf unsere Lebensmittel angewiesen sind. Wir wollen keinen Lifestyle-Trend befriedigen. Wir setzen bei der Frage an: Wo hat der Konsument ein Problem? Und dafür wollen wir die Lösung geben. Von 2013 bis etwa 2017 gab es aber tatsächlich diesen Trend, wo man nur „glutenfrei“ auf Produkte draufschreiben musste und sie gingen weg wie die warmen Semmeln. Davon haben wir aber bewusst Abstand gehalten. Mittlerweile hat sich das auch wieder normalisiert. Im Vergleich zu anderen Lebensmittelklassen wächst unser Markt zwar nach wie vor überproportional aber der große Hype ist vorbei.<BR /><BR /><BR /><b>Studien zufolge ist die Zahl der Zöliakiekranken in den vergangenen Jahren ständig gestiegen …</b><BR />Schoeller: Im letzten Jahr haben wir da allerdings einen Coronaeffekt gesehen. Die Menschen haben nach unserer Beobachtung den Gang zum Arzt für normale Krankheiten eher gemieden, sodass wir in den letzten Quartalen einen Rückgang der Diagnosen festgestellt haben. Dabei muss man auch wissen: Die Anzahl derer, die die Krankheit diagnostiziert haben, ist wesentlich kleiner als die Zahl derer, die sie tatsächlich haben. Hier muss noch viel Aufklärung erfolgen. <BR /><BR /><BR /><b>Wo wird Dr. Schär unter Ihrer Führung noch hingehen?</b><BR />Schoeller: Wir sehen in unseren Marken noch erhebliches Potenzial und können uns auch vorstellen, dass wir noch einige Geschäftsfelder dazupacken, die zu unserer Strategie passen. Es ist auch klar formuliert worden, dass wir aus eigener Kraft, aber auch durch Zukäufe wachsen wollen. Wir beobachten den Markt sehr umsichtig und wenn sich Möglichkeiten ergeben, werden wir auch aktiv sein.<BR />