4 Südtiroler Unternehmen versuchen einen Ausblick in eine ungewisse Zukunft.<BR /><BR />Russland spielt für Südtirols Exportwirtschaft als Ganzes zwar nur eine kleine Rolle – 2020 wurden Waren und Dienstleistungen im Gesamtwert von rund 40 Millionen Euro nach Russland verkauft, das sind 0,8 Prozent des gesamten Exportvolumens Südtirols. Doch für einige heimische Unternehmen ist die Russische Föderation doch zu einem interessanten Handelspartner geworden. <h3> Schreckbichl: „Schreiben Russland nicht völlig ab“</h3>Für die Kellerei Schreckbichl zum Beispiel ist Russland der wichtigste Exportmarkt überhaupt. 12 Prozent des Umsatzes werden in Friedenszeiten mit russischen Weinliebhabern erwirtschaftet. Die Weine werden über Importeure in der Gastronomie, im Fachhandel und in Supermärkten vertrieben. Den Markt bearbeitet die Kellerei bereits seit dem Jahr 1995. Mit Blick auf den Ukraine-Krieg sagt Verkaufsleiter Alex Ferrigato: „Das ist eine Tragödie, eine humanitäre und eine wirtschaftliche. Der Absatz ist seit der Eskalation des Konflikts stark zurückgegangen, das liegt am generell eingeschränkten Warenverkehr und vor allem der Rubelabwertung, die alle Produkte von außerhalb für Russen stark verteuerte.“<BR /><BR />Immerhin: Das, was geliefert wird, wird auch bezahlt: „Es sind ja nicht alle russischen Banken vom Swift-Ausschluss betroffen – zumindest noch nicht.“<BR /><BR />Trotz der großen Probleme, die es wohl auf längere Sicht mit dem Absatzmarkt Russland geben wird, will Ferrigato nicht von einem „verlorenen Markt“ für die Kellerei sprechen: „Wir schreiben Russland nicht völlig ab. Sollten die Sanktionen bald wieder aufgehoben werden, kann das Geschäft auch wieder laufen. Außer Frage steht aber, dass es mit Fortdauer des Konflikts immer schwieriger werden dürfte, erfolgreich auf den Markt zurückkehren, selbst für Betriebe wie unseren, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte einen Namen in Russland gemacht haben.“ <BR /><BR />So wie sich der Westen versucht, auf mittlere Sicht von Öl- und Gaslieferungen aus Russland unabhängig zu machen, könnte auch Russland unabhängiger werden von Importen: „Mit der Krimkrise 2014 und den darauffolgenden Einfuhrstopps von Lebensmitteln aus der EU hat der russische Staat begonnen, die eigene Agrarwirtschaft massiv zu fördern. Das hat dazu geführt, dass Obst, Gemüse und Lebensmittel verstärkt im Land angebaut bzw. hergestellt wurden. Auch wenn Weine von diesem Embargo nie betroffen waren, hat sich auch da etwas bewegt in den letzten Jahren“, sagt Ferrigato. „Es gibt durchaus einige Produzenten in Russland, etwa am Schwarzen Meer, die qualitativ gute Weine für den Heimatmarkt herstellen. Nicht selten wurden sie dabei in den vergangenen Jahren von Experten aus Europa, zum Beispiel aus Frankreich, unterstützt.“ <BR /><BR />Eine Lösung der Probleme sei dies nicht, wenn der Austausch dauerhaft eingestellt werde: „Die Brücken sollten nicht abgebaut werden. Keiner unserer Geschäftspartner und Bekannten, die wir vor Ort haben, will diesen Krieg. Es ist kein Krieg aller Russen gegen die Ukrainer, sondern ein Krieg der russischen Führung.“<BR /><BR />Betroffen blickt auch Eduard Bernhart, Direktor des Konsortiums Südtirol Wein, auf die Entwicklungen im Ukraine-Krieg. „Was wir da sehen, ist eine Katastrophe.“ Rein weinwirtschaftlich betrachtet, könne man einen Wegfall des russischen Marktes zwar gut kompensieren; nur „ein paar Prozent“ der Südtiroler Weine werden dort abgesetzt. „Das ist nichts, was man nicht wettmachen könnte.“ Allerdings: „Der russische Markt war ein Markt mit Wachstumspotenzial, das war auch der Grund, warum wir ihn in Vergangenheit aktiv betreut haben.“ Der Fokus liege nun und wohl auch mittelfristig auf anderen Märkten und Zielgruppen. <h3> Seppi: „Export ist komplizierter und teurer“</h3>Ein interessanter aber nicht unersetzlicher Markt ist Russland für den Kalterer Mulchhersteller Seppi. Seit 2005 exportiert das Unternehmen seine landwirtschaftlichen Geräte in die russische Föderation, mittlerweile entfallen auf Russland etwa 15 Prozent des Umsatzes von insgesamt 30 Millionen Euro und er gehört zu den 5 wichtigsten Exportmärkten des Unternehmens. „Wir haben in den vergangenen Jahren recht gut mit unseren russischen Kunden gearbeitet, pflegen auch gute Kontakte und das ist nun mit einem Schlag alles weg“, sagt Lorenz Seppi, Präsident des Unternehmens. <BR /><BR />Denn obwohl noch kein allgemeines Lieferembargo gilt, habe sich der Export erheblich verkompliziert, Zölle und Zahlungen seien seit dem Krieg und den Sanktionen des Westens schwieriger abzuwickeln. Dazu kommt die Rubelabwertung: „Die Kosten für unsere Geräte, die wir in Euro fakturieren, sind in den vergangenen Tagen um gut 50 Prozent gestiegen.“ <BR /><BR />Das finanzielle Risiko hält sich für Seppi aber in Grenzen. „Wenn die Ware bei uns weggeht, ist sie ja schon bezahlt, und Geräte, die wir jetzt nicht mehr in Russland absetzen können, können wir in anderen Märkten verkaufen.“ Sollte Russland längerfristig als Markt wegbrechen, sieht Seppi daher keine Schwierigkeiten für das Unternehmen. „Das ist vor allem eine humanitäre Katastrophe.“<BR /><BR />Seppi geht allerdings nicht davon aus, dass sich der russische Markt in absehbarer Zeit wieder erholt. „Wir rechnen nicht mit einer schnellen Entspannung. Mittelfristig werden Russland und die Ukraine wohl als Märkte wegfallen. Es gibt leider nicht viel Grund zu Optimismus.“<h3> Gruber Logistics: Niederlassung bleibt offen</h3>Mit Sorge schaut auch Martin Gruber, Geschäftsführer von Gruber Logistics mit Sitz in Auer, nach Russland. Seit Jahren hat der Logistikspezialist eine eigene Niederlassung in St. Petersburg. „Ich habe mich öffentlich gegen das Vorgehen Russlands ausgesprochen und meine Stimme in den ungehörten Chor derer, die den Frieden fordern, eingefügt. Dennoch hielten wir es nicht für angemessen, den Betrieb unserer Tochtergesellschaft in St. Petersburg einzustellen, da wir es für wichtig hielten, unseren Mitarbeitern und der russischen Bevölkerung im Allgemeinen keine Schuld zu geben“, sagt Gruber. In St. Petersburg werde daher – wenn auch unter Schwierigkeiten – weitergearbeitet. <BR /><BR />Denn die Folgen der Krieges für die Transportbranche seien deutlich. „Angesichts der Entscheidung vieler europäischer Unternehmen, die Produktion oder den Handel mit Produkten in Russland derzeit einzustellen, hat sich der Transportmarkt erheblich verändert. Beispielsweise arbeiten wir derzeit intensiv mit einem Unternehmen am Transport von Lebensmitteln und Babyprodukten“, berichtet Gruber. Denn unabhängig davon, wie man zu diesem Konflikt stehe, müssten den Menschen bestimmte Produkte garantiert werden.<BR /><BR />Für das Logistikunternehmen war Russland vor allem wegen seines Wachstumspotenzials bislang ein interessanter Markt. „Aber Gruber Logistics hat 40 Niederlassungen in ganz Europa, sodass eine kritische Situation in einem Land keinen Grund zur Beunruhigung für unser gesamtes Geschäft darstellt.“ <BR /><BR />Ob er damit rechnet, dass sich der Markt bald wieder erholt? „Zunächst einmal hoffe ich, dass der Krieg sofort beendet wird. Menschlich gesehen kann ich keine Rechtfertigung für das finden, was hier geschieht“, sagt Gruber. Das Unternehmen versuche daher, seine Mitarbeiter, die direkt oder indirekt von dem Konflikt betroffen sind, zu unterstützen. Russland wird aus seiner Sicht zweifellos auch nach dem Ende dieses Krieges ein wichtiger Markt für Europa bleiben. „Aber die Aussichten werden dann, wenn all dies vorbei ist, erneut diskutiert werden.“ <h3> Uni-Professor: „Ein verlorener Markt“</h3>Wie die Aussichten für den russischen Markt ausschauen, ist tatsächlich heute schwer einzuschätzen, räumt Jürgen Huber, Wirtschaftsprofessor an der Universität Innsbruck, ein. Optimistisch ist aber auch er nicht. „Mit Sicherheit kann natürlich derzeit niemand sagen, wie sich der Krieg und ,die Zeit danach' entwickeln werden – aber wenn es nicht zu einer Revolution in Russland kommt, das heißt, wenn Putin auch in ein, 2 Jahren noch regiert, dann werden viele Sanktionen auch auf Jahre bleiben.“ <BR /><BR />Huber sieht Russland tatsächlich als zukünftig „sehr unattraktiven und verlorenen“ Markt. „Russland und die EU sind durch den Krieg politisch fast unüberbrückbar weit entfernt und das wohl auf viele Jahre, dasselbe gilt wirtschaftlich.“<BR /><BR />