Wenn Max Widmann (29) im Weinberg steht und die Qualität seiner Trauben prüft, muss er seine Ohren auf Durchzug schalten. Sssssssumm, sssssumm: So geht das rund um die Uhr. Der Kampiller Hof liegt direkt an der Autobahn A 22. Genauer gesagt: Das was vom einstmals stolzen Kampiller Hof übrig ist – ein gemauertes Wirtschaftsgebäude, ein Kastanienwald ohne Zuwegung und knapp 3 Hektar Rebzeilen. Und die Kirche St. Martin. Die markierte einst das östliche Ende des Hofes. Jetzt steht sie alleine, eingezwängt zwischen Autobahn und Staatsstraße. <h3> Hof abgerissen</h3>Vor über 50 Jahren wurden die beiden stattlichen Häuser des Kampiller Hofes abgerissen und auch 6 Hektar Acker, Obstbäume und 7 Hektar Weinreben mussten dem Ssssumm-ssssumm der neuen Zeit weichen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947401_image" /></div> <BR /><BR />„Der Hof ging vom Virgl bis zu St. Martin und runter bis zum Eisack. Der Unterganznerhof war unser Nachbar“, erklärt Max Widmann vom Parkplatz des Kampill-Centers aus. Der befindet sich auf dem Dach des Gebäudes und von dort aus ist die Stelle gut zu sehen, auf der der Hof einst stand: Dort wo die Laster in Richtung Brenner oder Verona fahren.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="943846_image" /></div> <BR /><div class="img-embed"><embed id="943849_image" /></div> <BR /><BR />Doch es geht dem 29-Jährigen nicht darum, den Kampf seines Großvaters gegen die Autobahn noch einmal zu führen. Oder die Höhe der damaligen Entschädigung in Frage zu stellen. Es geht dem jungen Winzer darum, auf dem was vom Hofe übrig blieb, guten Wein zu machen. Denn das hat er gelernt. Auf der Landwirtschaftlichen Oberschule in Auer, in den Hochschulen San Michele, Udine und Geisenheim im Rheingau. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947404_image" /></div> <BR />Max Widmann hat den Bachelor in Deutschland und in Italien gemacht. Und nach praktischen Erfahrungen in den Weingütern Nals-Magreid, Bassermann-Jordan (Pfalz), Tenuta Argentiera (Toskana) und Manincor am Kalterer See verdiente er ab 2018 in Frankreich als Önologe gutes Geld. Zuerst bei Stephane Ogier an der Côte Rôtie, dann ab 2019 im Burgund auf der Domaine de Montille.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="943852_image" /></div> <BR /><BR />„Die Franzosen haben ein wahnsinniges Vertrauen in ihre Weinberge. Dort investieren sie viel Arbeit und im Keller betreiben sie Minimalismus“, erklärt der junge Bozener. Diesen „französischen Ansatz“ hat er übernommen. Er teilt ihn mit Martin Abraham aus Eppan, wo er seit 2020 als Önologe für den Keller verantwortlich ist. Und so produziert Max Widmann natürlich auch seine eigenen Weine, die es jetzt erstmals zu kaufen gibt.<BR /><BR />Im April hat er seinen Vernatsch „reflexion“ und seinen Chardonnay „voyage“, beide Jahrgang 2021, herausgebracht und jetzt zieht er mit seinem Lagrein „gravita“ 2021 nach. Die Frucht ist bei allen 3 zugunsten der Sekundäraromen zurückgenommen, der Vernatsch dürfte zu den dunkelsten Vertretern seiner Art gehören.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="943855_image" /></div> <BR /><BR />Aber warum ist er überhaupt zurückgekommen nach Südtirol, wo er doch in Frankreich eine Anstellung auf einem Weingut von Weltruf hatte? Vom Burgund auf die Reste des Kampiller Hofes an der Autobahn A 22?<h3> „Wollte immer was Eigenes machen“</h3>„Ja, das war schwer“, erinnert sich der junge Winzer an seine Entscheidung. Aber sein Herz schlug für die Heimat, den Hof seiner Vorfahren, die Partnerin. „Und ich wollte immer was Eigenes machen“, sagt er. Im Burgund hätte er vielleicht sogar Kellermeister werden können. Aber er wäre immer Angestellter geblieben.<BR /><BR />Jetzt hat er eigene Reben, zum Teil über 70 Jahre alt und in Ost-West-Richtung gezeilt, die noch zur DOC St. Magdalener gehören. Auf der Nordwestlage am Kampill bekommen die Trauben zwar kaum frontale Sonneneinstrahlung, erleben aber im Laufe des Tages in den Sommermonaten mehr Sonnenstunden als die Reben auf der Rittner Seite. In Zeiten des Klimawandels kann das von Vorteil sein.<BR /><BR />Und Max Widmann glaubt an den Vernatsch. Dieser erlebe momentan in Südtirol eine Renaissance und er komme auch in Amerika gut an. „Vernatsch berührt mich am meisten, weil diese Rebsorte am schwierigsten zu produzieren ist – im Weinberg und im Keller“, sagt der Newcomer auf dem Südtiroler Weinmarkt. <BR /><BR />Einen Fan hat er jedenfalls schon: Seine Großmutter Gertrud Angelini. Die ist im Frühjahr 100 Jahre alt geworden und hat den neuen Wein vom alten Kampiller Hof schon probiert. „Der is guad“, sagt sie und lächelt. Und fügt leise hinzu: „Da hätte mein Mann eine Mordsfreude dran gehabt, weil er hat sich ja eingesetzt für den Hof. Hat gegen die Autobahn gekämpft, wollte, dass sie auf Stelzen über dem Eisack gebaut wird.“ Daraus wurde nichts. 1968 musste die Familie den Kampiller Hof verlassen, lebt seitdem auf dem Angelini-Hof im Süden von Bozen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="943858_image" /></div> <BR /><BR />Luis Widmann ist kurz nach der Enteignung gestorben. Den Bau der Autobahn hat er nicht mehr erlebt. Und erst recht nicht, dass er einen Enkel hat, der mit eigenem Wein den Hof in gewisser Art und Weise wieder auferstehen lässt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947407_image" /></div> <h3> Die Widmann-Weine</h3>Der Winzer Max Widmann ist mit 3 Weinen gestartet. Mit dem Vernatsch „reflexion“, dem Chardonnay „voyage“ und dem Lagrein „gravità“.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="943861_image" /></div> <BR /><BR /> Mehr Informationen zum Winzer, zum Wein und zum Hof gibt es im Internet unter der Homepage <a href="https://www.widmann.wine/de" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.widmann.wine </a><BR /><BR /><BR /><i>* Hanno Hannes ist Redakteur der „Lübecker Nachrichten“, großer Südtirol-Freund und Weinliebhaber</i>