<b>Herr Präsident, wie haben sich aus Ihrer Sicht Einkaufen und Shoppen in den vergangenen 10 Jahren entwickelt?</b><BR />Stephan Mayer-Heinisch: Einkaufen ist deutlich schneller, digitaler und gleichzeitig emotionaler geworden. Früher ging es stärker um den reinen Produktkauf, heute zusätzlich um Erlebnisse, Bequemlichkeit und Sinnstiftung. Das Konsumverhalten der Menschen hat sich fundamental verschoben, das sieht man auch an den Zahlen: Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft in Österreich liegt bei rund 86 Milliarden Euro. Pro Kopf stehen uns im Schnitt 25.000 Euro jährlich für Konsumausgaben zur Verfügung, davon fließt ein Drittel in den Einzelhandel. Von 2015 bis 2025 stiegen etwa die Ausgaben für Tätowierungen um 167 Prozent, für Haustiere um 159 Prozent, für Schönheits-OPs um 144 Prozent und für Urlaub um 91 Prozent. Klassische Handelskategorien wie Möbel, Elektronik, Bücher oder Bekleidung wachsen dagegen weit schwächer. Die Österreicher investieren heute weniger in Dinge und mehr in sich selbst. Wir erleben nicht weniger als einen Paradigmenwechsel – vom Haben zum Sein.<BR /><BR /><b>Wo liegen die Steigerungsgrenzen des Onlinehandels und haben wir diese erreicht?</b><BR />Mayer-Heinisch: Nein, die Grenze ist noch lange nicht erreicht, im Vorjahr hatten wir im Onlinehandel ein Wachstum von 10 Prozent. Mittlerweile entfallen 16 Prozent der gesamten Einzelhandelsausgaben in Österreich auf den E-Commerce. Online wächst weiter, aber nicht mehr grenzenlos und nicht in allen Segmenten gleich stark. Kategorien wie Spielwaren, Sport und Elektronik haben bereits hohe Onlineanteile von über 30 Prozent, im Lebensmittelhandel liegt die Quote hingegen bei unter 3 Prozent. Die Grenze wird daher weniger von der Nachfrage bestimmt, sondern von Faktoren wie Wirtschaftlichkeit, Retouren, Logistik und Margen. Gerade bei beratungsintensiven, regionalen oder sofort verfügbaren Produkten sowie generell bei frischen Lebensmitteln bleibt der stationäre Handel weiterhin stark.<h3> „Der stationäre Handel hat gute Chancen, wenn er seine Stärken selbstbewusst ausspielt“</h3><b>Was tun mit der Paketflut aus China (Stichwort Shein, Temu)?</b><BR />Mayer-Heinisch: Hier ist Feuer am Dach. Fernost-Plattformen wie Temu fluten Europa mit Billigstprodukten, oft unter Umgehung von Sicherheits- und Umweltstandards. Allein im Vorjahr kamen 91 Prozent der 4,6 Milliarden zollfreien Kleinsendungen in der EU aus China. In Österreich zählt Temu bereits zu den Top 4 der umsatzstärksten Marktplätze. Wir kämpfen seit vielen Jahren für faire Spielregeln und ein Level Playing Field. Es kann nicht sein, dass heimische Händler jeden Paragrafen einhalten, während Fernost-Händler den Markt mit Dumpingpreisen, Fake-Produkten und gesundheitsgefährdenden Waren fluten. Wer in Europa verkauft, muss sich auch an europäische Standards halten. Daher ist aus unserer Sicht die Einführung einer Plattformhaftung für die korrekte Warendeklaration überfällig.<BR /><BR /><b>Hat der stationäre Handel noch Entwicklungspotential und Erfolgschancen? Wo liegen seine Stärken?</b><BR />Mayer-Heinisch: Der stationäre Handel hat weiterhin gute Chancen, wenn er seine Stärken selbstbewusst ausspielt. Ja, die Verkaufsflächen in Österreich schrumpfen inzwischen das zwölfte Jahr in Folge, jährlich um 1,5 bis 2,5 Prozent. Im Schuhhandel ist die Fläche seit dem Peak um 29 Prozent, in der Bekleidungsbranche um 16,5 Prozent zurückgegangen. Aber das ist nicht nur ein Rückzug, sondern auch eine Bereinigung und Neuausrichtung. Die Stärke des stationären Handels liegt in der persönlichen Beratung, im unmittelbaren Produkterlebnis, in Vertrauen, Verfügbarkeit, Service, Reparatur, regionaler Verankerung und sozialer Frequenz für unsere Ortskerne. Gerade in einer Zeit, in der 9 von 10 Händlern eine steigende Preissensibilität beobachten und 71 Prozent von kleineren Warenkörben berichten, wird das klassische Geschäft zum Ort der Orientierung. Wer stationär relevant bleiben will, muss nicht alles für alle sein – aber für seine Zielgruppe unverzichtbar.<h3> „Omnichannel ist kein Luxus mehr, sondern Grundvoraussetzung“</h3><b>Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der ein stationäres Geschäft übernehmen oder neu eröffnen möchte?</b><BR />Mayer-Heinisch: Erstens: Mut haben! Zweitens: Die Hausaufgaben machen! Als Gründer im Handel muss ich mir heute die Fragen stellen, warum jemand zu mir kommen und nicht online bestellen soll? Ich brauche ein gutes Sortiment, ein erstklassiges Kundenerlebnis und eine Top-Beratung. Ich muss bereit sein, digital zu denken, auch wenn ich stationär agiere. Omnichannel ist kein Luxus mehr, sondern Grundvoraussetzung. Und natürlich: Netzwerke nutzen!<BR /><BR /><b>Südtirol ist geprägt vor allem durch viele Klein- und familiengeführte Betriebe. Haben diese Betriebe noch eine Zukunft?</b><BR />Mayer-Heinisch: Ja, aber nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Familiengeführte Betriebe sind das Rückgrat des Handels in Alpenregionen wie Südtirol. Sie schaffen Lebensqualität, Nahversorgung und Identität. Was sie heute unter enormen Druck setzt, ist nicht nur der globale Wettbewerb. Es sind auch Bürokratie, Regulierungsflut und steigende Kosten. Kleine Betriebe haben keine Rechtsabteilung, keinen Compliance-Officer, wenige Skaleneffekte beim Einkauf. Was sie haben: Ortskenntnisse, Stammkunden, Flexibilität und eine Identifikation mit dem Produkt. Diese Faktoren können große Konzerne nicht so leicht replizieren. Genau das ist ihr Kapital, wenn die Politik sie nicht durch überbordende Bürokratie und Regulierung erdrückt.<h3> „70 Prozent der österreichischen Händler setzen KI oder spezifische KI-Tools ein“</h3><b> Welche Rolle spielt im Einzelhandel die persönliche Fachberatung, und braucht es den/die gute/n Verkäufer/in noch?</b><BR />Mayer-Heinisch: Mehr denn je, aber in einer neuen Rolle. Der Verkäufer oder die Verkäuferin der Zukunft ist kein Produkterklärungsautomat mehr. Das übernimmt die KI. Was unsere Kunden heute suchen und was keine Maschine bieten kann, ist echte Orientierung in einer Welt der Reizüberflutung. Die Konsumtrends 2026 zeigen: Menschen investieren in Longevity (Langlebigkeit), Gesundheit, Selbstoptimierung, aber sie sind gleichzeitig zutiefst verunsichert. Welches Produkt, welche Marke hält wirklich, was sie verspricht? Hier wird persönliche Fachkompetenz zum Differenzierungsmerkmal. Ein Sportfachhändler, der weiß, welches Laufschuhmodell zu welchem Fuß und welchem Laufstil passt; eine Drogerie, die Longevity-Checks und Nährstoff-Analysen anbietet – das ist die Zukunft des Verkaufs.<BR /><BR /><b>Was bringt KI konkret für den Einzelhandel? Welche sind hier die möglichen Gefahren?</b><BR />Mayer-Heinisch: Die Zahlen sprechen für sich: Bereits 70 Prozent der österreichischen Händler setzen KI oder spezifische KI-Tools ein und 77 Prozent bewerten das Kosten-Nutzen-Verhältnis ihrer KI-Investitionen positiv. Im Alltag bedeutet das: intelligente Nachfrageprognosen, die Überbestände und Lebensmittelverschwendung reduzieren; personalisierte Marketingkampagnen, die zur richtigen Zeit die richtigen Kunden ansprechen; KI-gestützte Preisoptimierung; automatisierte Content-Erstellung für Webshops. Auf der Konsumentenseite nutzen immerhin 11 Prozent der Österreicher KI-Tools häufig beim Einkauf, unter der Gen Z ist es schon jeder Zweite. Die Richtung ist klar, aber wir dürfen die potenziellen Gefahren nicht unterschätzen. Wer KI blind einsetzt, ohne seine Prozesse zu verstehen, riskiert, Fehler im großen Maßstab zu automatisieren. Datenschutz ist ein reales Thema, gerade wenn KI-Systeme das Kaufverhalten von Millionen Menschen analysieren. Und es gibt systemische Risiken: Die EU und die österreichische Politik müssen sich mit unerwünschten Wechselwirkungen durch Verbundeffekte auseinandersetzen, und Bereiche der kritischen Infrastruktur müssen ohne direkte KI-Implementierung verbleiben. Kurz gesagt: KI ist kein Selbstläufer, aber wer sie jetzt nicht nutzt, wird im Wettbewerb abgehängt.<BR /><BR /><i>Interview: Mauro Stoffella ist Kommunikationsexperte und Jurist. Er leitet die Stabstelle Medien im Wirtschaftsverband hds.</i>