Der Präsident der Raiffeisen Landesbank (RLB), Hanspeter Felder, im Gespräch über die Notwendigkeit von mehr Eigenkapital im Tourismus, über die Wirtschaftsentwicklung im Sommer und darüber, dass nicht alle Schwierigkeiten der Betriebe an der Coronakrise liegen. <BR /><BR /><BR /><BR /><i>Von Arnold Sorg</i><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Felder, 2020 war ein schwieriges Jahr für die Südtiroler Wirtschaft. Wie stark hat das die Raiffeisen Landesbank zu spüren bekommen?</b><BR />Hanspeter Felder: Es war eine schwierige Situation für alle heimischen Banken. Wir mussten schauen, dass die Betriebe und Familien trotz dieser Krise weiterhin mit Liquidität versorgt werden, wir haben 5 neue Produkte auf den Markt gebracht und mussten schauen, dass die Kredit-Stundungen schnell und flexibel über die Bühne gehen, dasselbe gilt für die Neukredit-Vergabe. <BR /><BR /><BR /><b>Der Reingewinn der RLB ist von 29,30 Millionen Euro im Jahr 2019 auf 24,07 Millionen Euro im Vorjahr gesunken. Ich nehme an, dass Sie aufgrund der widrigen Rahmenbedingungen trotzdem zufrieden sind mit dem Ergebnis?</b><BR />Felder: Sehr sogar. Das Ergebnis ist wider Erwarten sehr gut ausgefallen. Im Sommer des Vorjahres hat sich die pandemische Situation gebessert, die Betriebe konnten wieder arbeiten, das hat sicherlich zur Verbesserung der Situation beigetragen. <BR /><BR /><BR /><b>Man ist also von einem schlechteren Ergebnis ausgegangen?</b><BR />Felder: Im Juni 2020 mussten wir unsere Prognose nach unten revidieren und hatten damals mit 8 Millionen Euro gerechnet. Insofern ist das Ergebnis deutlich besser ausgefallen. Aber auch die anderen Kennzahlen können sich sehen lassen. Unser Kernkapitalquotient CET 1 beispielsweise liegt bei 20,54 Prozent. Die NPL-Rate, also die Rate der notleidenden Kredite, liegt bei 3,28 Prozent. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48795172_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Könnten die Probleme für die Banken aber erst heuer kommen, da viele Betriebe – je länger die Pandemie dauert – Liquiditätsprobleme haben und damit auch Schwierigkeiten, ihre Kredite zu bedienen?</b><BR />Felder: Heuer wird es für die Unternehmen sicherlich schwieriger. Bis jetzt konnten die Betriebe die Kredite stunden, in einigen Fällen wurde die Stundung bis Ende Juni verlängert. Nun hängt aber sehr viel davon ab, wie sich die epidemiologische Situation in den kommenden 2 bis 3 Monaten entwickelt. Wenn wir es schaffen eine große Zahl an Bürgern zu impfen und damit eine Herdenimmunität zu schaffen, dann ist es gut möglich, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen. Wenn aber die Sommersaison coronabedingt schlecht verlaufen oder sogar flachfallen würde, dann sind die Prognosen sehr, sehr schlecht. Die Rücklagen vieler Betriebe, aber auch vieler Familien sind aufgebraucht und die Beiträge für die Betriebe sind in Italien nicht zu vergleichen mit jenen in Österreich oder Deutschland, wo bereits im Winter bis zu 80 Prozent des verlorenen Umsatzes an Beitrag ausbezahlt wurde. <BR /><BR /><BR /><b>Sie sagen, wenn die Sommersaison nicht durchstarten kann, dann schaut es düster aus. Sie meinen damit vor allem den Tourismus?</b><BR />Felder: Den Tourismus, aber nicht nur. Auch im Handel schaut es auch schlecht aus, wenn die Gäste fehlen. Auch jene Sektoren, die in gewisser Weise vom Tourismus abhängig sind, etwa die Eventbranche, würden sich äußerst schwertun. <BR /><BR /><BR /><b>Der Tourismus in Südtirol ist stark mit Fremdkapital finanziert. Ist das in dieser Krise ein Problem für die Banken und die Wirtschaft insgesamt?</b><BR />Felder: Langfristig müssen die Finanzierungen für Tourismusbetriebe anders aufgestellt werden. Momentan ist es so, dass wir Finanzierungen auf 15 Jahre oder länger machen. Und wie wir wissen, investiert ein Hotel mindestens alle 3 Jahre. Wenn die Deckungsbeitragsrechnung gut ausschaut, dann geht das auch in Ordnung. Wenn man aber längerfristige Darlehen macht, die knapp bemessen sind und es passiert nur eine Kleinigkeit, die zu Folgeinvestitionen führt, dann bekommt der Betrieb Probleme. Daher muss dieser Aspekt in nächster Zeit sicherlich berücksichtigt werden. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48795173_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Man muss also bei der Kreditvergabe im Tourismus strenger sein?</b><BR /> Felder: Ja. Vor allem müssen wir von diesen Betrieben mehr Eigenkapital fordern. Bis dato liegt der Anteil des Eigenkapitals bei 20 bis 25 Prozent und auch dort gibt es einige Ausnahmeregelungen. <BR /><BR /><BR /><b>Viele Betriebe, aber auch viele Beschäftigte müssen seit einem Jahr starke Einbußen hinnehmen. Andererseits hat auch die Zahl jener Personen, bei denen die Ersparnisse in dieser Zeit gestiegen sind, deutlich zugenommen. Wie sieht es diesbezüglich bei der RLB aus?</b><BR />Felder: Bei uns sind die direkten Kundeneinlagen deutlich angestiegen. Die Bürger mussten zuhause bleiben und konnten wegen der Lockdowns weniger ausgeben. Bei jenen Personen, die arbeiten konnten, hat das natürlich zu einem Anstieg der Ersparnisse geführt. <BR /><BR /><BR /><b>In einigen Ländern überlegt man nun, Konten mit über 100.000 Euro oder sogar schon 50.000 Euro mit Strafzinsen zu belegen. Gibt es auch in der RLB diesbezügliche Überlegungen?</b><BR />Felder: Das ist bei uns überhaupt kein Thema. <BR /><BR /><BR /><b>Wie schnell wird sich die Südtiroler Wirtschaft Ihrer Meinung nach von dieser Krise erholen?</b><BR />Felder: Ich bin von Natur aus ein optimistischer Mensch. Wenn wir davon ausgehen können, dass bis Juli 60 oder sogar mehr Prozent geimpft werden, dann bin ich sehr zuversichtlich. Die Südtiroler stehen auf und arbeiten gleich wieder drauf los. Das haben wir im vergangenen Sommer gut beobachten können. Natürlich wird es auch einige Betriebe geben, die auf der Strecke bleiben. Aber man darf diesbezüglich nicht immer nur der Pandemie die Schuld geben. Wenn es ein Betrieb nämlich vor der Pandemie, in 15 Jahren Jahren hochentwickelter Wirtschaftslage nicht geschafft hat, sich gut aufzustellen, dann ist nicht Corona Schuld. Insgesamt glaube ich aber, dass wir in Südtirol in 2 bis 3 Jahren wieder auf einem sehr guten Niveau sein werden. <BR /><BR /><BR /><b>Befürchten Sie aber, dass bestimmte Sektoren mit langfristigen Folgen rechnen müssen, der Handel etwa?</b><BR />Felder: Dort hat es eine starke Verlagerung hin zum Online-Handel gegeben und es ist zu befürchten, dass das so bleibt. Daher muss die öffentliche Hand einen Weg finden, um dieser Entwicklung einen Riegel vorzuschieben. Wir können nicht propagieren, wie wichtig die lokalen Kreisläufe sind, wir können nicht die Null-Kilometer-Wirtschaft propagieren und gleichzeitig sieht man immer mehr Paket-Lieferanten durch die Gegend fahren. Wir müssen auf die heimischen Anbieter setzen. <BR /><BR /><BR /><b>Wie sieht die Prognose der Raiffeisen Landesbank für 2021 aus?</b><BR />Felder: Die Prognose sieht einen Reingewinn zwischen 20 und 25 Millionen Euro vor.