Donnerstag, 28. April 2022

„Grundeinkommen ist zu überdenken, wenn nicht ganz abzuschaffen“

In der italienischen Tourismusbranche macht man sich große Sorgen um die Sommersaison. Nicht etwa, weil die Touristen ausbleiben könnten, nein: weil man sich immer schwerer tut, Saisonarbeitskräfte zu bekommen. Wie ist die Situation in Südtirol?

Manfred Pinzger: „Es kann doch nicht sein, dass die Leute zuhause bleiben und trotzdem monatlich ihr Geld bekommen.“ - Foto: © DLife/RM

Von:
Arnold Sorg
Der italienische Tourismusverband Federalberghi und die staatliche Confcommercio schlagen Alarm: Es werde immer schwieriger, Arbeitskräfte zu finden. Besonders hinsichtlich der Sommersaison mache man sich große Sorgen, ließen die Verbände in den vergangenen Tagen immer wieder verlauten.

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In Südtirol sei die Situation nicht ganz so schlimm, sagt HGV-Präsident Manfred Pinzger zu STOL. Man dürfe die Situation aber auch nicht schönreden. „In den vergangenen 2 Jahren haben viele Mitarbeiter dem Tourismussektor leider den Rücken gekehrt, da sie aufgrund der immer wiederkehrenden Lockdowns nicht wussten, ob sie eine Arbeit haben und wenn, wie lange sie eine Arbeit haben.“ Viele dieser Mitarbeiter seien nun in den branchenfremden Sektoren geblieben. Gar einige kehren wieder zum Tourismus zurück. „Aber das ist zu wenig“, sagt Pinzger.


Immer mehr Mitarbeiter gehen nicht arbeiten und kassieren stattdessen das Grundeinkommen in Höhe von rund 700 Euro.
Manfred Pinzger, HGV-Präsident



Daher könne man sehr wohl von Arbeitskräftemangel im Tourismus sprechen. Ganz so schlimm wie im restlichen Italien sei die Situation aber nicht. „Vor allem in Mittel- und Süditalien geht die Sommersaison nur wenige Monate, während sie bei uns rund 8 Monate dauert“, sagt Pinzger.

Dies sei auch der Grund, so der HGV-Präsident, warum sich im restlichen Italien viele Personen dafür entscheiden, zuhause zu bleiben und das Grundeinkommen, das sogenannten „reddito di cittadinanza“ zu kassieren, statt eine Arbeit anzunehmen.

„Das ist ein Phänomen, das vor allem in Süditalien immer stärker um sich greift.“ Will heißen: Immer mehr Mitarbeiter gehen nicht arbeiten und kassieren stattdessen das Grundeinkommen in Höhe von durchschnittlich rund 700 Euro.


Seit dieses Grundeinkommen in Italien eingeführt worden ist, kommen deutlich weniger Mitarbeiter aus Süditalien zu uns.
Manfred Pinzger, HGV-Präsident



Bei uns in Südtirol sei dieses Phänomen nicht so ausgeprägt, sagt Pinzger: „In Südtirol sind die Lebenshaltungskosten deutlich höher, sodass man mit dem Grundeinkommen kaum über die Runden kommen würde.“ Zudem, so der HGV-Präsident, sei die Arbeitsmoral hierzulande eine andere, als in Süditalien.

Nichtsdestotrotz bekomme man dieses Phänomen indirekt auch in Südtirol zu spüren. „Seit dieses Grundeinkommen in Italien eingeführt worden ist, kommen deutlich weniger Mitarbeiter aus Süditalien zu uns. Das verstärkt das Problem des Arbeitskräftemangels noch einmal deutlich“, sagt Pinzger.

Der „reddito di cittadinanza“ sei daher zu überdenken, wenn nicht ganz abzuschaffen, sagt der HGV-Präsident. Denn: „Es kann doch nicht sein, dass die Leute zuhause bleiben und trotzdem monatlich ihr Geld bekommen.“ Ähnliches hat kürzlich auch Tourismusminister Massimo Garavaglia gefordert.

sor

Kommentare
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Martin Senoner
28. April 2022 06:55
Das Problemi st, dass dieses "Bürgereinkommen" wie Hartz4 (Arbeitslosengeld 2) funktioniert und kein Grundeinkommen ist!