Mittwoch, 28. Oktober 2015

„Es war eine goldrichtige Entscheidung“

Mit Ende der Woche ist die Expo in Mailand Geschichte und damit wird auch der Südtirol-Stand wieder abgebaut. Gekostet hat der Auftritt rund 1,5 Millionen Euro. Was er gebracht hat, erklärt der verantwortliche Leiter Manfred Schweigkofler im Abschlussinterview mit STOL.

Manfred Schweigkofler, Manager des Südtirol-Auftritts auf der Expo, zieht zum Ende der Weltausstellung in Mailand Bilanz.
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Manfred Schweigkofler, Manager des Südtirol-Auftritts auf der Expo, zieht zum Ende der Weltausstellung in Mailand Bilanz. - Foto: © APA/AFP

Südtirol Online: Noch vier Tage, dann sind sechs Monate Expo in Mailand vorbei. Ihr Fazit?

Südtirol-Stand-Manager Manfred Schweigkofler: Sechs Monate waren lang und 15 Stunden pro Tag viel, aber es war eine tolle Zeit, in der wir nach den Schwierigkeiten am Anfang tolle Erfolge feiern durften.

Das politische Fazit: Wir haben eine gute Figur gemacht und viel Lob für unserer Präsenz erhalten.

STOL: Lässt sich Südtirols „gute Figur“ noch etwas präzisieren? 

Schweigkofler: Der Südtirol-Stand hatte eine besondere Sichtbarkeit. Er war überlaufen und wir hatten wichtige Leute zu Besuch.

STOL:  Worauf führen Sie „unsere besondere Sichtbarkeit“ zurück?

Schweigkofler: Das hat drei wesentliche Gründe. Einmal lag es an unserem Baumhaus, einem Stück Natur, das herausgestochen und aufgefallen ist.

Dann haben wir als einzige (in der ital. Meile, Anm. d. Red.) auf Gastronomie gesetzt, auf ein Stück Heimat zum Verkosten.

Und wir waren sehr aktiv im Knüpfen von Kontakten und Netzwerken.

STOL: Ihr persönliches Highlight?

Schweigkofler: Es gab 163 Tage mit 163 tollen Momenten. Dass eine Bundeskanzlerin Merkel und ein Premier Renzi an den Südtirol-Stand kamen, dass sich ein Verkehrsminister Delrio dort wie jeder für einen Kaffee angestellt hat und ein Ex-EU-Kommissar Fischler an einem Tisch ganz normal um einen Sitzplatz anfragt, hat mich beeindruckt.

Auch Carolina Kostner war zum Abschluss der Expo nochmals in Mailand zu Besuch. - Foto: apa/afp

STOL: Wie wichtig war es, dass Südtirol mit einem eigenen Stand vertreten war?

Schweigkofler: Es wäre nicht denkbar gewesen, wenn wir gefehlt hätten. Ein kleiner Stand wäre die Mindestleitung gewesen, aber wenn man geht, geht man richtig. Die Entscheidung war goldrichtig. Nur Sizilien war wie wir ebenfalls die vollen sechs Monate vertreten, hat dafür aber satte 22 Millionen Euro ausgegeben.

STOL: Sie sprechen die Kosten an: Was hat der Südtiroler Auftritt Summa summarum gekostet?

Schweigkofler: Da haben wir 550.000 Euro für die Miete, 170.000 Euro Standspesen - wie Wasser, Sicherheit und Putzdienst, 350.000 Euro Kosten für den Stand selbst, 200.000 Euro für Personal und Wohnungen, 50.000 bis 60.000 Euro für Events. Da läppert sich schon was zusammen. Ich habe die genaue Abrechnung noch nicht, aber es dürften 1,4 bis 1,5 Millionen Euro zusammenkommen.

Eine Million Euro kommt dabei ja vom Land, die restlichen Gelder haben wir über private Partner abgedeckt.

STOL: Stellt sich die Frage nach dem Nutzen für Südtirol?

Schweigkofler: Die ausgegebenen Gelder haben wir fünfmal wieder eingespielt. Wenn schon allein 140 Mio. Euro an Aufträgen für Südtiroler Betriebe erfolgt sind, fließt auch Steuergeld zurück ans Land. Für Firmen wird es Nachfolgeaufträge geben.

Daneben haben wir Südtirol bei Millionen von Leuten wieder in Erinnerung gerufen, haben das Klischee bedient und Besucher sich wie zuhause fühlen lassen. Der litauische Generalkommissar etwa hat sich für den Winterurlaub angekündigt, eine kolumbianische Delegation des Transportministeriums ist schon nach Südtirol gereist, um das BBT-Projekt zu begutachten.

Die Früchte, die unsere Präsenz und das Netzwerken noch mit sich bringen, lassen sich jetzt noch nicht absehen. 

Der Südtirol-Stand auf der Expo in Mailand. Was passiert jetzt mit ihm? - Foto: apa/afp

STOL: Sinnvolle Veranstaltung oder Steuergeldverschwendung: Was sagen Sie generell über den Nutzen einer Weltausstellung?

Schweigkofler: Auch wenn immer wieder Leute sagen, das Model sei nicht mehr zeitgemäß, so gibt der Erfolg der Mailänder Expo mit schlussendlich 22 Millionen Besuchern ihnen nicht recht. Das Format mit Luna Park einerseits und Businesskonferenz andererseits ist einmalig.

Mailand selbst hat sich zu einer weltoffenen und zukunftsorientierten Stadt gewandelt, die Nationen haben über eine Milliarde Euro ausgegeben und Generalkonsulate in der Stadt aufgemacht. Eine Expo macht sich also auch wirtschaftlich bezahlt.

STOL: Inwiefern wurde dem Thema "We feed the world - Energie for life" überhaupt Rechnung getragen?

Schweigkofler: Zugegeben, es war auch viel Makulatur dabei. Inhaltlich haben sich die Nationen bei der Standpräsentation weniger bemüht, als in anderen Jahren. Aber ein Stand ist nicht alles. Viele Nationen haben sich in der Bestückung der Kongresse hervorgetan. Es haben kluge Köpfe und führende Wissenschaftler referiert. Es sind Ideen gesät worden – und gewisse Themen brauchen oft eine große Vetrine, um ins Bewusstsein der Menschen zu gelangen.

STOL: Wie sieht Ihr Zeugnis für Gastgeber Italien aus?

Schweigkofler: Die Italiener sind Meister des Scheins. Bis 30. April war hier noch das absolute Chaos, am 1. Mai war die Inszenierung perfekt. Während hinten die Putzfirmen hinausgegangen sind, hat Premier Matteo Renzi vor den Augen der Welt die Expo eröffnet – mit großartigen Bildern und der Botschaft: Seht, die Italiener haben es drauf. Möglich gemacht haben das tausende Arbeiter, die in Sonderschichten dafür geschuftet haben.

Es ist aber auch so, dass der italienische Pavillon erst zu 40 Prozent fertiggestellt ist, was nicht auffällt. Und die Broschüre zum Pavillon ist erst vor drei Wochen erschienen. Das ist bezeichnend.

Nur dem Mega-Einsatz der Bauarbeiter ist es zu verdanken, dass die Expo überhaupt termingerecht am 1. Mai öffnen konnte. - Foto: apa/afp

Doch 97 Prozent der Expobesucher sind zufrieden und die Italiener sind stolz. Sie haben der Welt gezeigt, dass das System funktioniert. Es ist schon beeindruckend, dass sich die Italiener britannisiert haben und stundenlang diszipliniert in Kolonnen anstellen, um einen Pavillon zu besuchen.

STOL: Das klingt nach - außer hui, innen pfui?

Schweigkofler: Es ist zu sagen, dass das Management grundsätzlich sehr schwach war, dass die Angestellten mit ihren Arbeiten oft überfordert waren, es viele Lastminute-Infos gab. Wir wissen jetzt – vier Tage vorher - noch nicht, wie die Abschlusszeremonie stattfinden wird. Man muss extrem flexibel sein.

STOL: Was wird jetzt aus all dem Expo-Aufbau - inklusive Südtirol-Stand?

Schweigkofler: Mein Stand ist, dass leider vieles demoliert wird – allen Aussagen zum Trotz, dass vieles wiederaufgebaut werden soll. Ich haben kaum schlaue Nutzungskonzepte gesehen. Auch für den Südtirol-Stand gibt es sieben Vorschläge, doch dies ist eine Frage der Kosten.

Ab Mai soll es eine Art inoffizielle Expo mit dem Pavillon Zero, dem italienischen Pavillon und dem Baum des Lebens geben – und das wäre eine Gelegenheit auch für uns dort noch präsent zu sein. Aber auch das wird wohl in der letzten Sekunde erst entschieden werden.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol