<b>Im vergangenen Jahr hat die EU eine Richtlinie zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden verabschiedet. Was sind zusammengefasst die wichtigsten Punkte?</b><BR />Ulrich Santa: Entgegen der ersten Version der Richtlinie gibt es zwar eine Sanierungspflicht für gewerbliche Gebäude, jedoch nicht für Wohngebäude. Es gibt aber die Vorgabe, den durchschnittlichen Energieverbrauch von Wohngebäuden bis 2030 um 16 Prozent und bis 2035 um 22 Prozent zu reduzieren. Der Ball liegt beim nationalen Gesetzgeber, wie er diese Ziele erreicht. Die EU gibt aber 2 Maximen vor: Die erste lautet „Worst first“, das heißt, die schlechtesten Gebäude – jene der Klasse G – müssen zuerst saniert werden. Die zweite lautet „Energieeffizienz vor erneuerbarer Energie“.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1123953_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie ist das zu verstehen?</b><BR />Santa: Die aktuelle Formulierung der Richtlinie ermöglicht die Reduktion des Energieverbrauchs ausschließlich durch Effizienzverbesserung wie einer besseren Dämmung, jedoch nicht durch den Wechsel von fossiler auf erneuerbare Energie. Das bedeutet, der Austausch einer herkömmlichen Heizung durch eine Wärmepumpe trägt nicht unmittelbar zur Erreichung der EU-Ziele bei. Entsprechend werden sich zukünftig auch die Fördermechanismen ausrichten.<BR /><BR /><b>Das heißt: Mehr Fokus auf Dämmen statt Dekarbonisierung?</b><BR />Santa: Genau. Aber aus meiner Sicht wäre hier eine Anpassung erforderlich. In Zukunft solle es Förderinstrumente geben, um vor allem Eingriffe zu fördern, wo ich mit den investierten Euro am meisten Kilowattstunden einsparen kann.<BR /><BR /><embed id="dtext86-68369465_quote" /><BR /><BR /><b>Sind die Sanierungsvorhaben der EU eigentlich realistisch?</b><BR />Santa: Ich bin sehr skeptisch. Wir müssten, um die Ziele zu erreichen, die aktuellen Sanierungsraten verdreifachen. Das bringt 2 Fragen mit sich: Erstens: Hat der Markt überhaupt die Kapazität, das in der kurzen Zeit zu machen? Und zweitens: Welche Auswirkungen würde diese verschärfte Nachfrage auf den Markt haben? Wir wissen, die Preissteigerungen der letzten Jahre im Bausektor sind zur Hälfte auf den Superbonus zurückzuführen und nicht auf die Pandemie oder Lieferengpässe.<BR /><BR /><b>Sprich, die Preise könnten eher steigen statt sinken?</b><BR />Santa: Die Preise würden dann zurückgehen, wenn die Nachfrage stark nachlassen würde. Aber wenn man die Sanierungsraten verdreifachen muss, wäre eher Gegenteiliges der Fall.<BR /><BR /><b>Wer bezahlt das?</b><BR />Santa: Das ist die Gretchenfrage. Es wird nicht ohne öffentliche Förderungen gehen. Der Staat muss Fördermechanismen auf die Schiene bringen, um den Sanierungsmarkt anzukurbeln.<BR /><BR /><embed id="dtext86-68369469_quote" /><BR /><BR /><b>Aber kein Superbonus 2.0?</b><BR />Santa: Absolut nicht. Wir haben mit dem Superbonus in Italien 4 Prozent der Gebäude saniert. Das hat 125 Milliarden Euro gekostet. Eine Förderung müsste niedriger angesetzt werden, sollte sich genau auf die schlechtesten Gebäude in der Klasse G beschränken, sollte vom Mechanismus der staatlichen Abschreibung entkoppelt werden und müsste für 5 bis 10 Jahre konstant gehalten werden. Die Frage ist, ob sich der Staat das überhaupt leisten kann bzw. wie er das gegenfinanzieren will. Ich habe bis heute noch keine vernünftige Antwort von jemandem gehört, wie das gehen soll.<BR /><BR /><b>Derzeit findet die „Klimahouse“-Messe statt, wo die neusten Erfindungen im Bausektor vorgestellt werden. Gibt es eine Innovation, die Energie günstiger einsparen lässt?</b><BR />Santa: Es gibt laufend inkrementelle Verbesserungen, sowohl was das Preis-Leistungs-Verhältnis der Dämmstoffe als auch der Anlagentechnik anbelangt. In den letzten Jahren hat sich beispielsweise der Wärmepumpenanteil in Südtirol verdreifacht. In Summe machen die Effizienzmaßnahmen aber wenig von den Baukosten aus.<BR /><BR /><BR /><b>Wo dann den Hebel ansetzen, wenn man bei den Bau-Sanierungskosten sparen will?</b><BR />Santa: In allen Bereichen sollte man sich kritisch hinterfragen, auf was man verzichten kann: Der Schallschutz, die architektonische Komplexität, die Ausstattung. Diese Dinge fallen um ein Vielfaches stärker ins Gewicht als ein Zentimeter mehr oder weniger Dämmung. Oft will man nicht auf hohe Qualität verzichten. Doch wer einen Mercedes will, kann keinen Lancia zahlen.<BR /><BR /><b>Und bei den Mehrfamilienhäusern?</b><BR />Santa: Wenn man die Sanierung von Kondominien kosteneffizient gestalten will, sollte man sich zukünftig auf die Sanierung der Gemeinschaftsanteile konzentrieren. Und zudem Sanierungsmaßnahmen in Etappen planen.