<b>Nach dem Energiepreisschock 2022 infolge des Ukrainekrieges wollte Europa energietechnisch unabhängiger werden. Jetzt stehen wir vor der nächsten Energiekrise. Haben wir die Zeit genutzt und unsere Hausaufgaben erledigt?</b><BR />Wolfram Sparber: Ja, man hat sie zum Teil erledigt, zumindest was die Diversifizierung beim Gasimport anbelangt. Im Jahr 2022, als Russland die Ukraine angegriffen hat, kamen hierzulande 40 Prozent vom Erdgas aus Russland, 30 Prozent aus Algerien, 10 Prozent aus Nordeuropa und Flüssiggas-Lieferungen (LNG) machten 10 Prozent aus. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert.<BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Sparber: Russland ist als Gaslieferant für Italien de facto verschwunden. Algerien ist konstant geblieben bei 32 Prozent, neu hinzugekommen als Lieferant ist Aserbaidschan mit der TAP-Pipeline, die inzwischen 16 Prozent liefert, und Flüssiggas macht inzwischen den größten Teil mit 34 Prozent aus. Das meiste kommt dabei von den USA, Katar und Algerien.<BR /><BR /><b>Schlittern wir eigentlich in eine neue Abhängigkeit – die USA machen 50 Prozent der LNG-Importe aus?</b><BR />Sparber: Noch mehr sind wir mittlerweile von Algerien abhängig. Weil Algerien uns 30 Prozent vom Erdgas über die Pipeline liefert, aber auch vom Flüssiggasanteil liefert uns Algerien 20 Prozent. Das heißt, Algerien ist jetzt der Lieferant geworden, der Russland 2020 war. Die Lösung muss sein, dass wir wesentlich mehr Energie im eigenen Land erzeugen und damit wirklich unabhängig sind. Weil, wenn ich meine Energie primär aus Wind, Sonne und anderen erneuerbaren Quellen erzeuge, die ich vor Ort habe, dann interessieren mich die globalen Marktpreise relativ wenig.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74342026_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie schaut es bei den erneuerbaren Energien aus?</b><BR />Sparber: Man hat dort bestimmte Hausaufgaben gemacht, aber zu wenige. Dort liegt eigentlich noch die Hauptaufgabe, die wir machen müssen in den nächsten Jahren. Wir sind weiterhin stark von fossilen Energieträgern abhängig. Wenn man auf Italien schaut, dann ist der Erdölverbrauch zwischen 2021 und 2025 von 62 auf 57 Milliarden Kubikmeter gesunken und der Gasverbrauch etwas stärker von 72 auf 61 Milliarden Kubikmeter.<BR /><BR /><b>Und woher kommt die Reduktion?</b><BR />Sparber: Die Reduktion kommt insbesondere dadurch, dass weniger Erdgas im Strommix ist, als es 2021 war. Das ist insbesondere ersetzt worden durch schwerpunktmäßig Fotovoltaik und etwas mehr Wind. Wir haben in den letzten zwei Jahren jeweils über 6 Gigawatt neue Fotovoltaik-Leistung dazu gebaut. Wenn wir diesen Rhythmus halten, dann werden wir auch das nationale Klimaziel im Fotovoltaik-Bereich schaffen. Anders schaut es aber aus auf der Windseite, die für den Nachtstrom und für den Winterstrom wichtig wäre. Dort liegen wir bei wenigen 100 Megawatt, die pro Jahr dazu gebaut worden sind.<BR /><BR /><b>Italien verlängert den Kohleausstieg von 2025 auf 2038. Ist das für Sie ein notwendiger Schritt?</b><BR />Sparber: Kohle machte 2025 ca. 2 Prozent von der nationalen Stromproduktion aus, also bereits verschwindend wenig. Die ökonomischen Fakten werden uns zeigen, dass wir die Kohleverlängerung nicht nutzen werden, weil Kohle teurer ist als Gas. Insofern werden die Kraftwerke von selbst ausgestellt werden. Außer sie werden künstlich gezwungen, am Leben zu bleiben, mit Kapazitätsunterstützung. Aber Kohlekraftwerke sind eher unflexibel, recht langsam in der Reaktion und damit ein schlechter Partner für volatile erneuerbare Kraftwerke.<BR /><BR /><BR /><b>Wir haben gerade eine brüchige Feuerpause im Irankrieg. Inwieweit wird die jetzige Energiekrise das Jahr prägen?</b><BR />Sparber: Wovon man ausgehen kann, ist, dass die Preissteigerungen an den Tankstellen und beim Gas sehr schnell gehen, innerhalb von wenigen Tagen. Aber die Preisreduktionen, die ziehen sich dann über Wochen und Monate hin. Das heißt, ganz unabhängig davon, wie jetzt die Krise verlaufen wird, werden die Öl- und Gaspreise relativ hoch bleiben. Wie genau und wie lange, das ist jetzt sehr schwer abzuschätzen. Das freut die Erdöl- und Gaskonzerne, die dadurch ihre Profite deutlich steigern. Der Verband Transport and Environment spricht von über 28 Milliarden an Extra-Profiten allein in diesem Jahr.