<b>Frau Palla, Chefin der Deutschen Bahn zu sein, ist – ein Traum, ein Albtraum oder etwas dazwischen?</b><BR />Evelyn Palla: Weder Traum noch Albtraum, aber eine enorme Chance. Ich freue mich wirklich sehr auf diese Aufgabe, weil ich überzeugt bin, dass wir bei der Deutschen Bahn viel verändern können. Unsere Millionen Fahrgäste haben eine bessere Qualität verdient, und die über 200.000 Eisenbahner wünschen sich nichts sehnlicher, als dass es endlich wieder läuft. Sie wollen wieder stolz sein auf „ihre“ Eisenbahn. Genau das motiviert mich: gestalten, verbessern, Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit den Teams vor Ort spürbare Veränderungen erreichen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72442093_quote" /><BR /><BR /><b>Das Medienecho nach Ihrer Ernennung war überwiegend positiv. Der „Spiegel“ bezeichnete Sie als Pragmatikerin – würden Sie sich so beschreiben?</b><BR />Palla: Ich möchte Probleme lösen – das motiviert mich. Die Menschen müssen sich wieder auf die Bahn verlassen können, und dafür braucht es Ergebnisse, nicht nur Ankündigungen. In diesem Sinne bin ich gerne pragmatisch: lösungsorientiert, nah an der Realität und mit klarem Fokus auf Wirkung. Aber Pragmatismus ist für mich nicht der „kleinste gemeinsame Nenner“. Wir gehen bewusst einen anderen Weg. Ich setze auf große Veränderungen – im Management, in den Strukturen und in der Unternehmenskultur. Dafür braucht es Mut, Konsequenz und einen echten Neustart. Und genau dafür stehe ich.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72442094_quote" /><BR /><BR /><b>Sie sprachen davon, in der DB „alles auf links zu drehen“. Welche Maßnahmen möchten Sie zuerst umsetzen?</b><BR />Palla: Wenn ich sage, wir drehen „alles auf links“, meine ich das sehr konkret: Wir stellen den Konzern vom Kopf auf die Füße. In der Vergangenheit haben wir vieles zentral steuern wollen – und dieses Prinzip hat nicht funktioniert. Künftig setzen wir konsequent auf Dezentralisierung. Eisenbahn entsteht nicht in der Berliner Zentrale am Potsdamer Platz, sondern draußen – in den Zügen, auf den Bahnhöfen und auf der Strecke. Dort arbeiten viele Tausend engagierte Eisenbahnerinnen und Eisenbahner, die genau wissen, was funktioniert und wo es hakt. Sie werden künftig deutlich mehr Verantwortung bekommen und Entscheidungen direkt vor Ort treffen können. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1242885_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welches sind die drei größten Baustellen, an denen die DB dringend arbeiten muss?</b><BR />Palla: Die Bahn muss wieder pünktlicher, zuverlässiger und besser werden. Zur Ehrlichkeit gehört, dass wir dafür aber einen langen Atem brauchen. Die Lage im Schienennetz ist dramatischer, als wir das in unseren letzten Prognosen absehen konnten. Wir schauen jetzt nach vorne und werden noch mehr bauen müssen. 2026 investieren wir Rekordmittel in die Schiene, erreichen aber auch ein neues Allzeithoch bei den Baustellen. Das ist eine sehr große Belastung für den Zugbetrieb. 2026 geht es erst einmal darum, die Pünktlichkeit zu stabilisieren, damit sie nicht noch weiter in den Keller rutscht.<BR /><BR /><BR /><Apotheke> <embed id="dtext86-72442095_quote" /> </Apotheke><BR /><BR /><b>Wie reagiert die DB auf den wachsenden Wettbewerb im Fernverkehr, etwa durch Trenitalia oder FlixTrain?</b><BR />Palla: Eine alte, bekannte Management-Weisheit lautet: „Wettbewerb belebt das Geschäft.“ Das sehe ich ganz genauso. Im Regional- und Güterverkehr sind bereits viele Bahnunternehmen unterwegs. Wenn andere jetzt im Fernverkehr aktiv werden wollen, dann spricht da gar nichts dagegen. Derzeit setzen wir jedoch mit der Trenitalia auf Kooperation und wollen gemeinsam mehr Züge zwischen Deutschland und Italien fahren. <BR /><BR /><b>Sie sind die erste DB-Chefin überhaupt, haben also Karriere in einer männerdominierten Branche gemacht. Was war Ihr wichtigster Erfolgsfaktor – und was Ihr schwierigster Moment?</b><BR />Palla: Mein wichtigster Erfolgsfaktor war immer die Freude an Leistung und an Herausforderungen. Ich habe acht Jahre lang Klavier am Konservatorium studiert – das war hart und fordernd. Aber dabei habe ich gelernt, dass sich Beharrlichkeit auszahlt und dass es ein großartiges Gefühl ist, wenn man spürt: Die eigene Anstrengung trägt Früchte. Dieses Erlebnis begleitet mich bis heute und gibt mir immer wieder Energie. Natürlich gab es auch in meiner Karriere schwierige Momente. In solchen Phasen war es entscheidend, Menschen an meiner Seite zu haben, die mich unterstützen. Meine Familie gibt mir Rückhalt, Vertrauen und Stabilität. Sie ist mein Rückzugsort. Dafür bin ich zutiefst dankbar. <BR /><BR /><b>Was bedeutet für Sie gute Führung, und wie würden Ihre Mitarbeitenden Ihren Führungsstil beschreiben?</b><BR />Palla: Gute Führung bedeutet für mich vor allem zweierlei: Klarheit in der Sache und Wertschätzung im Umgang. Ich will deutlich sein, wenn es um Ziele und Verantwortung geht – aber immer menschlich, respektvoll und auf Augenhöhe. Ich setze auf Teamarbeit und eine echte Leistungskultur: Jeder übernimmt Verantwortung, jeder trägt zum Ergebnis bei. Nur so werden wir den Weg nach oben schaffen. Klarheit in der Führung ist wichtig, aber ebenso entscheidend ist, dass die Mitarbeitenden überzeugt sind und die Richtung mittragen. Ohne Vertrauen und Beteiligung funktioniert Veränderung nicht. Am Ende braucht es eine gemeinsame Vision: ein Bild davon, wie die Deutsche Bahn in ein paar Jahren aussehen soll. Wenn dieses Ziel begeistert und Orientierung gibt, dann entsteht Energie – und genau damit können wir gemeinsam Großes bewegen.<BR /><BR /><b>Viele Südtiroler reisen regelmäßig nach Bayern. Sind Ausbau oder Verbesserungen der Verbindungen geplant, und was ist mit der Zulaufstrecke zum Brennerbasistunnel?</b><BR /><BR />Palla: Schon heute können wir zwischen München und Bozen jeden Tag aus fünf Verbindungen pro Richtung auswählen. Ab Dezember 2026 planen wir in Kooperation mit der ÖBB und Trenitalia weitere Verbindungen ab München bis Bozen und bis nach Mailand und Rom. Da werden dann auch zum ersten Mal „Frecciarossa“ auf der Brennerstrecke unterwegs sein. Die Vorplanung für den Brenner-Nordzulauf ist abgeschlossen. Die Ergebnisse liegen beim Deutschen Bundestag, der sich jetzt damit befassen wird. <BR /><BR /><b>Sie sind seit Jahren international tätig. Wie viel Südtirol steckt noch in Ihnen, und wie oft zieht es Sie in die Heimat?</b><BR />Palla: Ich bin in Bozen aufgewachsen, und meine Wurzeln liegen fest in Südtirol. Auch wenn ich seit vielen Jahren international tätig bin und beruflich viel unterwegs war, bleibt die Heimat für mich ein wichtiger Anker. Meine Familie kommt noch immer regelmäßig zusammen – nicht nur zu den großen Feiertagen. Zu Weihnachten treffen wir uns jedes Jahr zuhause, und wann immer es mein Kalender zulässt, zieht es mich zurück nach Südtirol. Wer dort aufwächst, versteht früh, wie eng unser Leben mit der Natur verbunden ist und wie wichtig es ist, sie zu schützen, wenn wir sie bewahren wollen. Dieses Bewusstsein begleitet mich bis heute. Es prägt meinen Blick auf Verantwortung – und leitet mich auch bei meiner neuen Aufgabe bei der Deutschen Bahn.