<BR /><BR /><b>Herr Dudenhöffer, warum agiert die EU beim Verbrenner-Aus so unentschlossen?</b><BR /><BR />Ferdinand Dudenhöffer: Das liegt an der politischen Kultur Europas. Unsere Politiker sind extrem sprunghaft – sowohl in den Nationalstaaten als auch in Brüssel. Es tauchen ständig neue Themen und Ideen auf, die man aufgreift: mal eine europäische Google-Konkurrenz, dann KI und Halbleiter, dann Lithium-Ionen-Batterien und schließlich Quantencomputing. Nach kurzer Zeit merkt man, dass alles zusammen zu teuer wird und man den Rückstand zu anderen Wirtschaftsmächten nie aufholen kann. Viele Projekte werden dann gestoppt oder auf Sparflamme gesetzt. Der Gegenentwurf zu Europa ist China.<BR /><BR /><BR /><b> Aber China ist kein demokratisches Land. Was können wir überhaupt davon lernen?</b><BR /><BR />Dudenhöffer: In puncto Langfristigkeit sehr viel. China plant über Jahrzehnte und setzt diese Pläne dann auch strikt um. Wir beginnen erst, wenn andere längst erfolgreich sind und haben keinen langen Atem. Große Technologien lassen sich aber nicht in einer Legislaturperiode entwickeln. Demokratie ist schön, aber sie ist auch wechselhaft. Dass es anders geht, beweisen die USA: Das Silicon Valley hat mindestens 30 Jahre gebraucht, um das zu werden, was es heute ist.<BR /><BR /><BR /><b>Viele Politiker argumentieren in Sachen Mobilität häufig mit „Technologieoffenheit“. Warum halten Sie das für falsch?</b><BR /><BR />Dudenhöffer: Weil „Technologieoffenheit“ etwas Falsches suggeriert. Wer diesen Begriff benutzt, will den Menschen weis machen, man könne alle Optionen gleichzeitig verfolgen: Verbrenner, E-Fuels, Wasserstoff, Batterie, Hybrid. Das ist wirtschaftlich unmöglich. Jede dieser Technologien benötigt Milliardeninvestitionen und Jahrzehnte der Entwicklung. Wenn ich der Industrie signalisiere: „Macht alles ein bisschen“, dann passiert am Ende gar nichts. Wir hätten klar sagen müssen: Das Ziel ist Null CO2 – und daran richtet sich die Technologie aus. Stattdessen jonglieren mit Begriffen, die nichts bedeuten. Das verunsichert Industrie und Verbraucher und kostet Europa Zeit.<BR /><BR /><BR /><b>Auch die Autoindustrie in Europa ist beim Thema keineswegs einer Meinung...</b><BR /><BR />Dudenhöffer: Jeder Hersteller äußert sich aus eigener Perspektive. Man muss das hören, aber nicht zur Richtlinie für die Zukunft machen. Sonst endet man bei Politik nach Tagesstimmung.<BR /><BR /><BR /><b>Ein weiteres Argument lautet, dass Zehntausende Arbeitsplätze gefährdet seien. Ist das nicht nachvollziehbar?</b><BR /><BR />Dudenhöffer: Das ist ein Standardargument, wenn Politiker nicht weiterwissen. Natürlich kann man die Elektromobilität künstlich verlangsamen und sich wie in einer Festung einmauern. Aber man schadet sich selbst. China ist der größte Automarkt der Welt. Wenn dort Elektroautos gekauft werden, erreichen chinesische Hersteller enorme Skalenvorteile. Wenn Europa gleichzeitig mauert, wird es isoliert – und verliert am Ende genau die Arbeitsplätze, die man angeblich schützen wollte, langfristig sogar noch mehr, weil man den Anschluss verpasst. <BR /><BR /><BR /><b>Was also fordern Sie in Sachen Null-Emissionsziel?</b><BR /><BR />Dudenhöffer: Wir hätten konsequent bleiben müssen: ein klarer Pfad, zehn Jahre Planungssicherheit mit der Möglichkeit, im Detail nachzubessern, wenn man kurz vor Erreichen der Frist 2035 feststellt, dass dies notwendig ist. Stattdessen verunsichern wir alle – vor allem die Konsumenten. Wer 50.000 Euro für ein Auto ausgibt, möchte wissen, ob es politisch „sicher“ ist. Diese Sicherheit zerstören wir gerade. Wenn wir nicht langfristiger denken, werden wir zwischen China, den USA und Russland aufgerieben.<BR /><BR /><BR /><b>Wie kommt Europa aus dieser Unsicherheit heraus? </b><BR /><BR />Dudenhöffer: Indem wir Politikern gewisse Entscheidungen aus der Hand nehmen – innerhalb eines demokratischen Rahmens, aber mit unabhängigen, stabilen Institutionen. Die Schweiz zeigt, wie das funktioniert: Die Verkehrsbehörde Astra plant 30 Jahre voraus und entscheidet selbst über die Finanzierung. In Deutschland, Österreich oder Italien dagegen wandert das Geld in den Staatshaushalt, und dann beginnt jährlich das Abwägen zwischen Autobahn und Rentenerhöhung. Das ist menschlich, aber es verhindert Strategie. Auf europäischer Ebene wird es mit 27 Ländern noch schwieriger. Einzelne Staaten müssen vorangehen und stabile Allianzen bilden. Mit allen 27 gemeinsam scheitert das.<BR /><BR /><BR /><b>Gibt es realistische Alternativen zur Elektromobilität?</b><BR /><BR />Dudenhöffer: Nein. Wenn wir den Klimawandel ernst nehmen, ist E-Mobilität alternativlos. Wenn wir die Richtung nicht stabilisieren, werden wir nur noch schwächer. Wir haben fantastische Ingenieure und Wissenschaftler – was fehlt, sind klare Regeln über Jahrzehnte. <BR /><BR /><BR /><b> Sie sagen also: Je länger wir am Verbrenner festhalten, desto größer wird der Rückstand?</b><BR /><BR />Dudenhöffer: Ganz klar. Der Verbrenner läuft strukturell aus. Die entscheidende Frage ist, ob Europa die Übergangsphase klug gestaltet. Wenn wir Unsicherheit beenden, können wir im Wettbewerb bestehen. Wenn wir weiter schwanken, verlieren wir die nächste große Industrieepoche. <BR /><BR /><BR /><b>Zur Person:</b><BR /><i>Ferdinand Dudenhöffer zählt zu den profiliertesten Automobilexperten Europas – deutsche Medien haben ihn längst zum „Auto-Papst“ ernannt. Der Wirtschaftswissenschaftler lehrte viele Jahre Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen und gründete dort das renommierte Center Automotive Research (CAR), das er heute als unabhängiges Institut weiterführt. Zuvor arbeitete er in leitenden Funktionen bei Opel, Porsche und Peugeot. Dudenhöffer gehört zu den meistzitierten Branchenanalysten im deutschsprachigen Raum und ist bekannt für klare Worte, fundierte Marktanalysen und pointierte Kritik an der europäischen Industrie- und Verkehrspolitik.</i>