WM-Zeit ist für viele auch Wett-Zeit. Wenn der Ball rollt, laufen im Hintergrund auch die Märkte heiß. In Italien werden jährlich rund 20 Milliarden Euro auf Sportereignisse gesetzt, der Großteil davon online. <BR /><BR />Klar auf Platz eins steht Fußball – das ganze Jahr über, bei Großereignissen aber besonders. Allein für die laufende WM erwartet das Beratungsunternehmen H2 Gambling Capital weltweit bis zu 60 Milliarden Dollar an Sportwetten und damit deutlich mehr als bei der WM in Katar. Mehr Spiele bedeuten eben auch mehr Wettmöglichkeiten.<h3> System verleitet zu Kombiwetten</h3>Gewettet wird längst nicht mehr nur auf Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Es geht um Torschützen, Ecken, Karten, Halbzeitergebnisse und immer öfter um Live-Wetten während des Spiels. Besonders verlockend sind scheinbar sichere Tipps. Ein Favorit mit einer Quote von 1,10 wirkt harmlos. Wer zehn Euro setzt, gewinnt bei richtigem Tipp aber nur einen Euro. Das verleitet zu Kombiwetten. Fünf Favoriten mit einer Quote von jeweils 1,10 ergeben zusammen eine Gesamtquote von rund 1,61: Aus zehn Euro Einsatz würden im Erfolgsfall also 16,10 Euro. Dafür müssen aber alle Tipps stimmen. Das geht rein rechnerisch in knapp vier von zehn Fällen schief. <BR /><BR />„Das Chance-Risiko-Verhältnis wirkt bei Sportwetten oft interessant, ist es aber meist nicht“, bringt es Mirco Tonin, Verhaltensökonom an der Freien Universität Bozen, auf den Punkt. Trotzdem sei die Versuchung groß. Dahinter stecke die Lust am Spiel, bei Fußball oft auch die Fan-Euphorie – aber nicht nur. „Bei Rubbellosen ist die Sache klar: kaufen, freirubbeln, hoffen. Das ist eine sehr schlichte Form des Glücksspiels.“ Sportwetten wirkten dagegen „klüger“. Man schaue Spiele, lese Statistiken, vergleiche Quoten – und glaube schnell, mehr zu wissen als andere.<h3> Problem von „Overconfidence“</h3>In der Verhaltensökonomie spricht man von Overconfidence, also Selbstüberschätzung. „Gerade bei Sportwetten ist das gefährlich: Wer sich ein wenig auskennt, hält die eigene Einschätzung häufig für besser, als sie ist.“<BR /><BR />Das Gefühl des vermeintlich sicheren Gewinns kam einem Nutzer der Plattform Polymarket teuer zu stehen. Unter dem Pseudonym „betoor619“ setzte er fast 1,1 Millionen Dollar (knapp eine Million Euro) auf einen Sieg Spaniens gegen Kap Verde. Der mögliche Gewinn lag bei rund 85.000 Dollar. Spanien war klarer Favorit, der Markt sah die Wahrscheinlichkeit eines Sieges bei mehr als 90 Prozent. Dann endete das Spiel 0:0. Der Einsatz war weg.<h3> „Prediction Markets suggerieren etwas anderes, als sie sind“</h3>Polymarket ist eine der wichtigsten Plattformen für sogenannte Prediction Markets.. „Diese sehen weniger aus wie ein Wettbüro und mehr wie eine Börse.“ Gehandelt wird nicht eine Aktie, sondern eine Zukunftsfrage. Tritt ein Ereignis ein? Nutzer kaufen Anteile auf „Ja“ oder „Nein“. Der Preis ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. <BR /><BR />„Prediction Markets suggerieren etwas anderes, als sie sind“, betont Tonin. Das erklärt den Reiz dieser Märkte. „Sie wirken sachlich, schnell, fast intellektuell. Und: Fast alles kann zur Wette werden, nicht nur Fußball.“ Wird das Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran diese Woche unterzeichnet? Fällt der Ölpreis bis Monatsende unter 70 Dollar? Oder, deutlich skurriler: Wie oft postet Elon Musk in einer Woche auf X?<BR /><BR />„Kurse und Prozentzahlen vermitteln zudem den Eindruck von Analyse. Tatsächlich wird aber kein neuer Wert geschaffen.“ Tonin zieht eine klare Grenze zum Kapitalmarkt: Wer eine Aktie kaufe, beteilige sich zumindest grundsätzlich an einem Unternehmen, das Produkte verkaufe, Gewinne machen und Wert schaffen könne. „Bei einem Prediction Market wird nur entschieden, wer mit seiner Einschätzung richtig lag. Was die Gewinner erhalten, kommt im Kern von jenen, die falsch lagen – abzüglich möglicher Gebühren.“<h3> „Aus einer Nische ist ein globaler Markt für Erwartungen geworden“</h3>Der Markt wächst dennoch rasant. Laut Pew Research Center stieg das gemeinsame monatliche Handelsvolumen der beiden größten Anbieter Polymarket und Kalshi von weniger als fünf Milliarden Dollar im September 2025 auf rund 24 Milliarden Dollar im April 2026. „Aus einer Nische ist ein globaler Markt für Erwartungen geworden.“<BR /><BR />In Italien sind Prediction Markets aktuell nur eingeschränkt nutzbar: Daten und Märkte können verfolgt werden, handeln dürfen Nutzer offiziell nicht. Technisch mögen sich solche Beschränkungen umgehen lassen. Erlaubt wird die Nutzung dadurch aber nicht. Verbraucherschützer warnen grundsätzlich davor, die bloße Erreichbarkeit einer Plattform mit ihrer Zulässigkeit oder Sicherheit zu verwechseln.<BR /><BR />Der Spanien-Fall zeigt jedenfalls: Sicher ist eine Wette nie. Eine Quote ist keine Garantie, ein Marktpreis keine Prophezeiung. Nur eines ist bei dieser WM wirklich sicher: Italien wird sie nicht gewinnen. Das aber ist keine Wette mehr.