Filmförderung: Das Geld fehlt, die  Branche schimpft. Wie geht es nun weiter?<BR /><BR />Der Vergleich ist gewagt, aber er drängt sich auf. Die Entwicklung der Filmbranche in Südtirol gleicht ein wenig jener eines Virus. Zunächst dümpelte sie mit ein paar aufsehenerregenden Produktionen und einzelnen erfolgreichen Filmemachern jahrelang vor sich hin. Dann, 2010, kam die Filmförderung durch das Land Südtirol – die Szene erlebte einen exponentiellen Aufschwung, hielt sich bis 2019 recht wacker und droht nun angesichts sinkender finanzieller Beiträge wieder ins Abseits gedrängt zu werden. Was beim Virus gut, ist beim Film richtig schlecht. <BR /><BR />Aktuell beherrscht Verunsicherung die Szene und „wir haben nicht das Gefühl, dass noch irgendjemand hinter uns steht“, sagt ein etwas ratloser Georg Zeller, Co-Präsident der Film Association Südtirol (FAS), also des Verbandes der Filmschaffenden.<BR /><BR /><BR /><b>Erst motiviert, dann links liegen gelassen?</b><BR /><BR /><BR />Stein des Anstoßes ist die Streichung von Filmfördergeldern für das laufende Jahr. Vorderhand scheinen sie Covid-19 geschuldet. Doch wer genau hinschaut, sieht eine allgemeine Tendenz hin zu einem knapperen Budget für das Filmland Südtirol – und damit vermutlich weniger Arbeit für die mittlerweile vielen hundert Filmschaffenden im Land. <BR /><BR />Dabei hatte sich nach der Einführung des Filmfunds ein ganz anderer Weg abgezeichnet. Steil nach oben sollte es gehen, bis zu 5 Millionen Euro sollten jährlich aus dem Landeshaushalt in die Branche fließen. <BR /><BR />Der Motor startete aufs Kommando, die Produktionsfirmen aus dem In- und Ausland zeigten großes Interesse an Südtirol, parallel wagten sich auch heimische Produzenten nach und nach aufs internationale Parkett. Im Jahr 2013 stieg die Fördersumme sogar auf über 5 Millionen Euro. Von 2014 bis 2018 waren es jeweils etwa 4,5 Millionen. 2019 wurden aber nur noch 3,5 Millionen in den Fördertopf gelegt, 2020 waren es 3,1 Millionen Euro. <BR /><BR /><BR /><b>Wenig Echo auf Hilferuf</b><BR /><BR /><BR />Im April 2021 dann der Schock für die gesamte Filmbranche: Der zweite von 3 sogenannten Fördercalls, mit dem die Fördersummen jährlich ausgeschüttet werden, wurde gestrichen. Anträge für den Termin im Mai konnten erst gar nicht eingereicht werden. Schon beim ersten Call im Jänner waren lediglich 4 Filme mit insgesamt 800.000 Euro unterstützt worden. Die Begründung des Landes: Pandemie-Sorgen, kein Geld übrig für den Film. <BR /><BR />Das veranlasste die FAS, sich öffentlich zu beklagen. Erst motivieren, dann links liegen lassen – so funktioniere es nicht, wetterten einige Vertreter in den Medien. Doch das Echo war gering. Der zuständige Landesrat Philipp Achammer vertröstet die Branche auf Herbst: Man werde den noch ausständigen Fördercall über den Nachtragshaushalt regeln. Und auch vom Wirtschaftsdienstleister IDM, dem das Land 2020 die Verwaltung der Filmförderung übertragen hatte, gab es laut Georg Zeller keine offizielle Reaktion.<BR /><BR /><BR />Das wirft Fragen auf: Was ist aus dem blühenden Wirtschaftszweig „Film“ in Südtirol geworden? Warum wurde und wird er überhaupt mit Millionen öffentlicher Gelder unterstützt? Und mit welcher Begründung wagen es die Filmschaffenden, in schwierigen Zeiten wie diesen auf Fördermittel für etwas scheinbar Nebensächliches wie den Film zu pochen?<BR /><BR /><BR /><b>So funktioniert die Filmförderung</b><BR /><BR /><BR />Um das zu verstehen, braucht es ein wenig Hintergrundwissen. Zum Beispiel, dass die Filmförderung in Südtirol nicht Sache des Kultur-, sondern des Wirtschaftslandesrates ist – der im Moment zufällig derselbe ist. Der Grund: Als man den Filmfund vor 11 Jahren ins Leben rief, war das höchste Ziel, Südtirol als Standort für Filmproduktionen attraktiv zu machen, die lokale Filmbranche und damit vor allem das Wirtschaftswachstum zu fördern. Südtirol als Urlaubsland zu bewerben, stand in dieser Schiene nicht direkt auf dem Plan, war nur als Nebeneffekt willkommen. <BR /><BR />Was man auch wissen muss: Filme zu fördern, um die Wirtschaft zu pushen, das haben nicht die Südtiroler erfunden. „In Europa ist es Standard, dass Film- und Fernsehproduktionen zum größten Teil mit öffentlichen Beiträgen gefördert werden“, erklärt Georg Zeller. „Die Produktionsfirmen beantragen die Beiträge in jenen Ländern, wo sie jeweils planen, Geld für die Umsetzung ihrer Projekte auszugeben. Sie drehen dann dort, beschäftigen vor Ort zum Beispiel Techniker, Handwerker, Transportfirmen, sie belegen Hotels, kaufen ein und dergleichen mehr.“ <BR /><BR />Am Ende ist die Summe der Folgeinvestitionen in der Regel höher als der erhaltene Förderbeitrag. Außerdem entstehen durch die Produktionen vor Ort neue Unternehmen und Arbeitsplätze, weshalb zusätzliche Steuern in die Landeskassen fließen. Die Rechnung für die Geldgeber geht also auf. <BR /><BR /><BR /><b>Zielvorgabe „150 Prozent“ mehr als erreicht</b><BR /><BR />Dass unterm Strich tatsächlich mehr rauskommt als an Beiträgen reingesteckt wurde, dafür sorgen strenge Vorgaben. In Südtirol beispielsweise muss jeder Euro an Förderung mindestens 150 Prozent an Folgeinvestitionen im Land nach sich ziehen, damit der Beitrag überhaupt ausgezahlt wird. Und dass dem so ist, stellt eine unabhängige Prüfgesellschaft sicher. <BR /><BR />In den vergangenen Jahren ist dieses Ziel mehr als erreicht worden. Zwischen 2016 und 2020 betrug die gesamte Fördersumme etwas mehr als 60 Millionen Euro. Der sogenannte Südtirol-Effekt – also die Einnahmen aus der Branche – liegen derzeit laut IDM bei fast 200 Prozent. Sogar im Corona-Jahr 2020 wurde dieses Plus erreicht. <BR /><BR />Wie kann es also sein, dass ausgerechnet jenem Wirtschaftszweig, der trotz Pandemie Geld ins Land gebracht hat, der Hahn langsam zugedreht wird? <BR /><BR />Genau das versteht Georg Zeller nicht. Auch deshalb, weil in anderen Ländern – trotz Pandemie – Förderhaushalte aufgestockt worden seien. „In Apulien hat man die Summe von 5 auf 10 Millionen Euro erhöht, womit 42 Produktionen gefördert werden“, nennt Zeller einen Vergleich.<BR /><BR />Dass Corona den Haushalt auch in Südtirol schwer belastet hat, kann Zeller verstehen, und er kann sogar den politischen Gedanken nachvollziehen, in Zeiten wie diesen Projekte nicht zu fördern, die kein Geld einbringen. Aber: „Hier geht es um Investitionen und um Steuergeld, das ohne Beiträge verloren geht.“ <BR /><BR />Allerdings glaubt Zeller nicht, dass allein Corona „Schuld“ an den Kürzungen hat. „Die Beiträge sind schon vorher gesunken. Und es war für alle, die angesucht haben, jedes Mal ein Glücksspiel, weil man nie wusste, wie man dran ist.“ <BR /><BR /><BR /><b>Schützenhilfe aus Deutschland</b><BR /><BR /><BR />In den vergangenen Wochen hat der Verband laut Zeller versucht, einen Termin bei Landesrat Achammer zu bekommen. Nicht, weil die Filmschaffenden jetzt ihr zugesagtes Geld wollen – „das Jahr ist ohnehin gelaufen, weil sich die Produktionsfirmen längst woanders umschauen, wo sie Sicherheit haben“ –, sondern weil sie Klarheit wollen: „Die Verantwortlichen sollen sich positionieren und sagen, ob sie die Filmwirtschaft in Südtirol haben wollen oder nicht. Wenn ja, dann müssen sie die entsprechenden Voraussetzungen schaffen.“ <BR /><BR />Ziel sollte es sein, einen mehrjährigen fixen Fördertopf zu haben, denn „wir brauchen Nachhaltigkeit“. Auch wenn es nach außen oft so scheint, würden die Filmschaffenden nicht in den Tag hinein leben. „Wir müssen planen, wie jeder andere Unternehmer auch.“ Den Termin beim Landesrat hat die FAS bis jetzt noch nicht. <BR /><BR />Immerhin hat sie Schützenhilfe von außen bekommen. Die „Allianz Deutscher Produzenten Film und Fernsehen e. V.“ – immerhin der maßgebende Produzentenverband in Deutschland – scheint den Filmstandort Südtirol nicht verlieren zu wollen. Der Verband hat Landesrat Achammer einen Brief geschrieben, in dem er ausführlich erklärt, welche Folgen die Beitragskürzungen haben könnten. Unter anderem heißt es im Brief: „Wenn nun wenige Wochen oder Monate vor Drehbeginn ein wesentlicher Finanzierungsbaustein, mit dem der Produzent oder die Produzentin mit hoher Wahrscheinlichkeit rechnet, wegfällt, kann die gesamte Produktion scheitern…“ Und weiter: „Eine Verschiebung der Produktion auf einen späteren Zeitpunkt … wird hingegen in den meisten Fällen ausscheiden …“ Der Verband schreibt am Ende von der „Erschütterung des Vertrauens in die Verlässlichkeit des Förderinstrumentes“ und bittet, die Kürzungen „nochmals zu überdenken“. <BR /><BR /><BR />