<h3> 1. Was sieht das Abkommen vor?</h3>Mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien sollen Zölle beidseitig gesenkt oder vollständig abgeschafft werden. Erklärtes Ziel ist es, dadurch das Wirtschaftswachstum zu erhöhen und Partnerschaften in Zeiten geopolitischer Spannungen zu stärken. Langfristig sollen laut EU-Angaben über 90 Prozent der Zölle wegfallen. <BR /><BR />Doch die Zusammenarbeit soll nicht auf den Handel beschränkt bleiben: Die EU und Indien planen darüber hinaus, ein Sicherheits- und Verteidigungsabkommen zu schließen. <h3> 2. Welche Branchen profitieren – wo fallen die Zölle?</h3>Aus Sicht der Europäischen Union zählen vor allem die Automobil-, Maschinen- und Chemieindustrie sowie Produzenten von Wein und verarbeiteten Lebensmitteln zu den größten Profiteuren des Abkommens. In diesen Sektoren werden die Zollschranken abgebaut. <BR /><BR />Besonders hoch sind derzeit die Einfuhrzölle auf Autos aus der EU: Sie liegen bei bis zu 110 Prozent und sollen schrittweise auf 10 Prozent für zumindest 250.000 Fahrzeuge pro Jahr gesenkt werden. Auch Zölle von bis zu 44 Prozent auf Maschinen, 22 Prozent auf Chemikalien und 11 Prozent auf Pharmazeutika sollen demnach schrittweise vollständig entfallen. Für Wein ist vorgesehen, den Zollsatz von derzeit 150 auf 20 Prozent zu reduzieren, für Bier von 110 auf 50 Prozent.<BR /><BR />Aus Sicht Indiens sollen gerade die Schmuck- und Textilbranche, aber auch die Pharma-Industrie von Erleichterungen beim Export profitieren. <BR /><BR />Landwirtschaftliche Produkte sind hingegen von den Handelserleichterungen ausgenommen. So bleiben unter anderem Rindfleisch, Reis, Zucker, Milchprodukte und Geflügel aus Indien vom Abkommen ausgeschlossen. Gerade dieser Punkt sorgt beim Mercosur-Abkommen für massive Kritik seitens der Landwirte.<h3> 3. Welche Bedeutung hat das Abkommen?</h3>Aus wirtschaftlicher Sicht ist das Abkommen bedeutend, allein schon wegen der Größe. Indien ist mit rund 1,45 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt, die Europäische Union zählt in ihren 27 Mitgliedstaaten etwa 450 Millionen Menschen. Zusammen entsteht damit eine Freihandelszone mit rund 1,8 Milliarden Einwohnern. Gemeinsam repräsentieren beide Seiten nahezu ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung. <BR /><BR />Allerdings werden die wirtschaftlichen Effekte nicht unmittelbar spürbar sein. Experten gehen davon aus, dass sich die Vorteile erst langfristig entfalten. Darauf verweist unter anderem Gabriel Felbermayr, Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo).<BR /><BR />Noch größer ist die Bedeutung des Abkommens aus politischer Perspektive. Vor dem Hintergrund zunehmender handelspolitischer Spannungen – insbesondere durch die aggressive Zollpolitik der USA und Chinas – gilt es als strategisches Signal, sich wirtschaftlich breiter und unabhängiger aufzustellen. Vor allem Indien steht unter Druck: Die USA haben das Land zuletzt mit Strafzöllen von bis zu 50 Prozent belegt, was den Wunsch nach neuen, verlässlichen Handelspartnern verstärkt.<h3> 4. Wie fallen die Reaktionen aus?</h3>EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete am Dienstag das Abkommen als wichtiges Signal an die Welt. „Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt. Wir haben eine Freihandelszone mit zwei Milliarden Menschen geschaffen, von der beide Seiten wirtschaftlich profitieren werden.“ <BR /><BR />Indiens Ministerpräsident Narendra Modi bezeichnete die Einigung als „Mutter aller Deals“, die den rund zwei Milliarden Menschen in Indien und Europa große Chancen eröffne.<h3> 5. Welche Bedeutung hat es für Südtirols Wirtschaft?</h3>„So groß die geopolitische Bedeutung des Freihandelsabkommens für Europa auch ist, für Südtirol selbst dürften die Effekte begrenzt bleiben“, sagt Ökonom Luciano Partacini vom Wifo der Handelskammer Bozen. Der direkte Handel zwischen Südtirol und Indien sei vergleichsweise gering. Im Jahr 2024 wurden Waren im Wert von rund 37 Millionen Euro von Südtirol nach Indien exportiert. Verkauft wurden dabei vor allem Maschinen im Wert von 14 Millionen Euro sowie landwirtschaftliche Produkte (vor allem Äpfel) im Umfang von 17 Millionen Euro. Im Jahr 2023 lag das Exportvolumen sogar bei nur 23 Millionen Euro. „Das zeigt, dass der Handel nicht besonders stabil ist“, so Partacini.<BR /><BR />Indirekt könnte das Abkommen dennoch Wirkung entfalten: Sollte die europäische Autoindustrie profitieren, könnten auch Südtiroler Unternehmen als Autozulieferer davon mitziehen.<h3> 6. Was sind nun die nächsten Schritte?</h3>Bis das Abkommen in Kraft tritt, wird es noch einige Zeit dauern. Zunächst wird der Vertragstext rechtlich überprüft. Danach muss er sowohl im Rat der EU von den Mitgliedstaaten als auch vom Europäischen Parlament genehmigt werden. <BR /><BR />Und Mercosur hat gezeigt, dass die Ratifizierung alles andere als eine „gmahnte Wiesn“ ist.