Montag, 28. März 2022

Gas nur mehr gegen Rubel: „Ein spannender, aber gefährlicher Moment“

Russlands Präsident Wladimir Putin will „unfreundlichen Staaten“ im Westen Erdgas künftig nur noch liefern, wenn sie dafür in Rubel bezahlen – und nicht mehr wie bisher üblich in Dollar oder Euro: Den Westen stellt das vor ein Dilemma, wirtschaftlich und politisch. Der gebürtige Meraner Christoph Kaserer, Wirtschaftsprofessor an der TU München, erklärt im STOL-Interview, was das bedeutet.

Christoph Kaserer, Wirtschaftsprofessor an der TU München, sagt: Würde sich Europa auf Putins Rubel-Zwang einlassen, müsste man es de facto zulassen, dass die Energieimporteure die von der EU verhängten Sanktionen gegenüber der russischen Zentralbank unterlaufen. - Foto: © privat

Von:
Katrin Niedermair
Welche Auswirkungen der Ankündigung Russlands, Erdgas künftig nur noch gegen Rubel zu liefern, sind absehbar?
Prof. Christoph Kaserer: Das ist jetzt ein sehr spannender, aber auch gefährlicher Moment. Würde sich Europa darauf einlassen, müsste man es de facto zulassen, dass die Energieimporteure die von der EU verhängten Sanktionen gegenüber der russischen Zentralbank unterlaufen. Erste Äußerungen von Regierungsvertretern deuten darauf hin, dass das nicht passieren wird. Davon ist im Übrigen auch deswegen auszugehen, weil in den allermeisten Verträgen die Bezahlung in US-Dollar oder Euro vereinbart ist, so dass man hier einer einseitigen Vertragsänderung zustimmen müsste. Ich sehe weder bei den Energieimporteuren noch bei den Regierungen einen guten Grund, dies zu tun.


Wie wird Russland auf eine Weigerung, eine solche Vertragsänderung zu akzeptieren, reagieren?
Prof. Kaserer: Ich denke, das lässt sich aktuell kaum vorhersehen. Möglich ist tatsächlich ein abruptes Ende der Energielieferungen in die meisten europäischen Staaten. Denkbar ist aber auch, dass man eine gesichtswahrende Lösung findet, bei der die Zahlungen zwar weiterhin in den vereinbarten Währungen erfolgen, Russland diese aber über Verrechnungsgeschäfte zum eigenen Vorteil nutzen kann. Allerdings wäre eine solche Lösung wohl leichter gewesen, wenn es die öffentliche Ankündigung von Putin nicht gegeben hätte. Zumal es immer mehr Stimmen im Westen gibt, die einen Stopp der Energieimporte von Russland fordern.

Inwiefern würde Russland von Zahlungen in Rubel profitieren?
Prof. Kaserer: Russland hat das Problem, dass es wegen der Sanktionen gegen die russische Zentralbank seine Währungsreserven nicht für Offenmarkttransaktionen im Rubel nutzen kann. Das schwächt den Rubel erheblich und wird die Inflation im Rubel weiter anheizen. Insgesamt kann sich das zu einer großen Gefahr für die Stabilität der russischen Staatsfinanzen auswachsen.

Würden Energielieferungen mit Rubel bezahlt werden müssen, käme es zu massiven Rubelaufkäufen durch die westlichen Importeure und damit zu einer Stützung des Rubels. Man hat das schon in der Reaktion des Rubelkurses unmittelbar nach dieser Ankündigung gesehen.

Insgesamt kann sich das zu einer großen Gefahr für die Stabilität der russischen Staatsfinanzen auswachsen.
Prof. Christoph Kaserer


Sie haben gesagt, durch Putins Maßnahme würde der Westen gezwungen, seine eigenen Sanktionen zu unterlaufen und Rubel bei der russischen Zentralbank nachzufragen. Wäre so etwas für den Westen politisch durchzuhalten?
Prof. Kaserer: Wie gesagt, ich halte das für ausgeschlossen. Die Energieimporteure haben keinen Grund eine einseitige Vertragsänderung zu akzeptieren, die für sie wegen der de facto fehlenden Konvertierbarkeit des Rubels zu einem großen Risiko würde. Und politisch wäre ein solches Entgegenkommen gegenüber dem Kreml weder in der Nato noch innenpolitisch vermittelbar. Ob Russland dann aber wirklich die Energieexporte nach Europa stoppt, bleibt immer noch abzuwarten.

Welche Folgen hätte ein Embargo für russisches Gas für Italien?
Prof. Kaserer: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Stopp der Energieexporte Russlands nach Europa kommt, ist sehr groß geworden. Die Folgen diskutieren wir seit Wochen – und wir haben auch schon einen ersten Vorgeschmack bekommen, was es bedeuten könnte. Die Expertenmeinungen, wie schwer dies Länder wie Italien oder Deutschland treffen würde, gehen auseinander, wobei es natürlich keine Frage ist, dass es zu erheblichen negativen Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und damit Wohlstand kommen wird. Aber wir haben in der Coronakrise schon gezeigt, dass wir einen solchen abrupten Einbruch in unserer Wirtschaftsleistung meistern können. Das wäre auch dieses Mal so, zumal wir uns spätestens in 2 bis 3 Jahren aus dieser Abhängigkeit gelöst haben werden.


Müssten Öl und Gas rationiert werden: Würden tatsächlich Massenarbeitslosigkeit und politische Unruhen drohen, wie der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck vor einiger Zeit gewarnt hat?
Prof. Kaserer: Wenn wir im industriellen Bereich tatsächlich in größerem Umfang rationieren müssten, käme es zu enormen Beschäftigungsproblemen. Aber das bedeutet nicht automatisch Massenarbeitslosigkeit, wie wir ja schon in der Coronakrise gesehen haben. Auch hier ginge es um ein zeitlich befristetes Problem, so dass die Staaten über Hilfsmaßnahmen die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt abpuffern könnten. Die Frage ist natürlich, wie massiv und wie lange dieser Einbruch in der Wirtschaftsleistung wäre. Ich denke, dass wir das noch nicht richtig überblicken können.

Alle Berichte zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier.

kn

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