Kommenden Samstag, am Tag des Handwerks des Wirtschaftsverbandes für Handwerk und Dienstleister (lvh), ist Julian Nida-Rümelin als Vortragender in Bozen zu Gast und referiert unter anderem darüber, dass es ein gesellschaftliches Umdenken zugunsten der beruflichen Lehre brauche. Was er genau damit meint, erklärt er im Interview. <BR /><BR /><b>Ihrer Ansicht nach braucht es einen kulturellen Wandel zugunsten der beruflichen Bildung im Handwerk. Was meinen Sie damit?</b><BR />Julian Nida-Rümelin: In unserer Gesellschaft existiert eine Haltung, die tief verwurzelt ist: Wer gut in der Schule ist, der soll unbedingt das Abitur (Matura, Anm. d. Redaktion) machen und studieren. Für den Rest, der nicht so gut ist, dem bleibt die berufliche Ausbildung. Das ist eine unbegründete und gefährliche Haltung, weil damit Berufe, wie im Handwerk, abgewertet werden. Im Kern meine ich mit kulturellem Wandel, dass die berufliche Lehre gleich wertgeschätzt werden muss, wie das Studium.<BR /><BR /><b>Und wenn nicht?</b><BR />Nida-Rümelin: Dann nimmt der Akademisierungsgrad weiter zu und man läuft Gefahr, dass sich zum einen der Mangel an Handwerkern zusehends verschärft und zum anderen auch die Qualität im Studium und der Forschungsarbeit abnimmt, wenn zu viele studieren, die mit Wissenschaft dann doch nichts anfangen können. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947827_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wo müsste solch ein Umdenken in der Gesellschaft ansetzen?</b><BR />Nida-Rümelin: Es beginnt zunächst bei den Familien. Denn, auch wenn manche Jugendlichen Gegenteiliges behaupten, sie werden nun mal auch stark von den Eltern beeinflusst. Deshalb gilt es, die Eltern zu überzeugen, dass niemand ein Versager ist, wenn er sich gegen ein Studium entscheidet. Auch die beruflichen Realitäten müssten verändert werden. 30 Prozent der Studienanfänger brechen ihr Studium ab. Für diejenigen müssen maßgeschneiderte Angebote geschaffen werden, damit auch sie den Weg in den Ausbildungsberuf schaffen. Drittens, die beruflichen Realitäten müssen in den Schulen sichtbarer werden. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-61585691_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was meinen Sie damit?</b><BR />Nida-Rümelin: Ich weiß aus Deutschland, dass es in den Gymnasien absolut unüblich ist, dass handwerkliche Praktika angeboten werden, wie zum Beispiel ein Praktikum in Schreinerwerkstätten. Das ist die falsche Botschaft. Schulische Bildung dürfen wir nicht als ein System der Auswahl verstehen. Wir selektieren die jeweils besseren und die dürfen dann studieren, und die anderen müssen ihren Bildungsweg vorzeitig beenden. Bildung muss als Unterstützung verstanden werden, seinen eigenen Weg zu finden. Die Fähigkeiten, die Interessen der jeweiligen Schüler müssen unvoreingenommen gefördert werden. <BR /><BR /><b>Glauben Sie, dass Jugendliche im jetzigen Schulsystem sich zu früh entscheiden müssen, welchen beruflichen Weg sie einschlagen?</b><BR />Nida-Rümelin: Ich glaube, es geht nicht um die Frage, wie man das Schulsystem neu gliedern kann. Viel entscheidender ist es, dass Schüler immer wieder die Möglichkeit haben sollten, ihren Weg, wenn man sich falsch entschieden hat, unkompliziert zu korrigieren. Dies würde Jugendliche entlasten. Sonst haben sie stets den Druck, sich ihre Zukunft zu verbauen, wenn sie sich einmal für die falsche Schule, den falschen Weg entscheiden. <BR /><BR /><b>Wie finden Sie das duale System in der beruflichen Lehre?</b><BR />Nida-Rümelin: Das duale System in der Lehre, also die Verbindung von Berufsschule und Tätigkeit im Betrieb ist eine der beiden zentralen Säulen in der Bildung, neben der akademischen Säule. Dies hat sich auch bewährt. Duales Studium aber, also die Verbindung von Berufsausbildung plus akademisches Studium sehe ich eher kritisch, da es die Leute sehr unter Druck setzt. Das ist nicht der Königsweg.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-61588251_listbox" />