So wenige Bankfilialen gab es in Italien seit 1991 nicht mehr. Ende 2025 zählte die Banca d’Italia im Stiefelstaat noch 19.140 Geschäftsstellen. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt im Jahr 2008 waren es mehr als 34.000. Auch im Zehnjahresvergleich ist der Rückgang massiv. 2015 gab es italienweit noch 30.258 Filialen, seither ist ihre Zahl um knapp 37 Prozent gesunken. Im Trentino ging es im selben Zeitraum von 505 auf 336 Geschäftsstellen zurück – ein Minus von rund einem Drittel.<BR /><BR />Südtirol hebt sich deutlich ab. Hier sank die Zahl der Filialen zwischen 2015 und 2025 von 385 auf 326, also um nur 15 Prozent. Auch die Versorgung in der Breite blieb weitgehend erhalten: Vor zehn Jahren gab es in 111 der 116 Gemeinden zumindest eine Bankfiliale, heute sind es noch 108. Damit verfügen weiterhin mehr als 93 Prozent der Südtiroler Gemeinden über eine Geschäftsstelle. In der Nachbarprovinz Trient sind es 132 von 166 Gemeinden, also rund 80 Prozent. Italienweit ist das nur noch in knapp 57 Prozent der Gemeinden der Fall. Mehr als vier von zehn Gemeinden haben mittlerweile keine Bankfiliale mehr.<BR /><BR />Auffällig ist zudem, wer sich in Südtirol zurückgezogen hat: Der Filialabbau betraf in den vergangenen Jahren vor allem Institute von außerhalb. Die lokalen Banken hielten deutlich stärker an ihrer Präsenz fest. Heute entfallen mehr als 90 Prozent der Südtiroler Geschäftsstellen auf heimische Institute.<h3> Filialsterben in Wellen</h3>Der Rückzug der Banken aus der Fläche vollzog sich in Italien nicht gleichmäßig. Bis 2008 wurde das Filialnetz noch ausgebaut und erreichte damals seinen Höchststand. Danach setzte die Trendwende ein – zunächst vergleichsweise langsam.<BR /><BR />Der Abbau beschleunigte sich in der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre. Zwischen 2015 und 2019 verschwanden fast 6000 Filialen. Fusionen und Übernahmen, Kostendruck und die zunehmende Verlagerung alltäglicher Bankgeschäfte ins Internet trieben die Entwicklung voran.<BR /><BR />Einen weiteren Schub brachte die Pandemie. Digitale Bankdienste wurden noch stärker genutzt, der Gang zur Filiale für Überweisungen oder andere Standardgeschäfte verlor weiter an Bedeutung. Seit 2022 setzt sich der Rückgang fort, wenn auch etwas langsamer. Ende 2025 war schließlich der niedrigste Stand seit mehr als drei Jahrzehnten erreicht.<h3> Das Südtirol-Modell</h3>Doch warum hält sich das Filialnetz in Südtirol so viel besser? Sara Longo, Professorin für Rechnungswesen an der Freien Universität Bozen und Bankenexpertin, sieht dafür vor allem kulturelle Gründe. Zwar ist der Südtiroler Bankenmarkt stark konzentriert: Sparkasse, Raiffeisen und Volksbank dominieren den Markt. Zwischen diesen Instituten gebe es aber durchaus einen lebendigen Wettbewerb.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75986440_quote" /><BR /><BR />Und dieser werde auch über die Nähe zum Kunden ausgetragen – in Südtirol durchaus im wörtlichen Sinn. „Nähe ist hier auch räumlich zu verstehen“, sagt Longo. Die Filiale im Ort bleibe damit ein wichtiges Element im Wettbewerb der heimischen Banken.<BR /><BR />Gerade in schwierigeren Situationen zeige sich der Wert dieser Nähe. Kunden schätzten es, „einen Ansprechpartner zu haben, der die eigene Situation versteht und ein echtes Interesse daran hat, eine Lösung zu finden, die keine Standardlösung ist“, sagt Longo. Die Banken wüssten um diesen lokalen Vorteil und setzten gezielt darauf.<h3> Vom Schalter zur Beratung</h3>Dass viele Filialen erhalten blieben, bedeute allerdings keineswegs, dass sich das Bankgeschäft in Südtirol kaum verändert hätte. Im Gegenteil. „Die Digitalisierung hat viele klassische Tätigkeiten aus den Geschäftsstellen verdrängt. Überweisungen, Kontostände und andere alltägliche Bankgeschäfte werden heute vielfach online erledigt.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-75986445_quote" /><BR /><BR />Der Wandel ist auch äußerlich sichtbar. Viele Filialen wurden in den vergangenen Jahren komplett neu gestaltet. Klassische Schalter treten in den Hintergrund, Besprechungsräume und Beratungsplätze in den Vordergrund. „Die Filialen sind heute nicht mehr auf die Erledigung der täglichen Bankgeschäfte ausgerichtet, sondern viel stärker auf die Beziehung zwischen Berater und Kunde“, sagt Longo.<BR /><BR />Gerade darin sieht sie eine wesentliche Stärke der lokalen Banken. Besonders bei kleinen und mittleren Unternehmen sei der Beratungsbedarf stark gestiegen. Digitalisierung und Dekarbonisierung stellen Betriebe vor neue Investitionsentscheidungen, hinzu kommen regulatorische Vorgaben, Fördermöglichkeiten und komplexere Finanzierungsfragen. „Die Bank vor Ort hat hier einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber einer nationalen oder gar internationalen Bank“, sagt Longo. Sie kenne die Richtlinien, Besonderheiten und das wirtschaftliche Umfeld besser. „Und es geht auch um Verantwortung.“<h3> Kunden teilen sich stärker auf</h3>Auch die Konkurrenz durch Onlinebanken, nationale Institute und internationale Broker ist in Südtirol spürbar. „Allerdings nur begrenzt“, sagt Longo.<BR /><BR />Gleichzeitig hat sich der Markt stärker segmentiert. Manche Kunden kommen mit standardisierten Produkten aus oder kümmern sich selbst um ihre Geldanlage. Andere verteilen ihre Bankgeschäfte bewusst auf mehrere Anbieter: Das Gehaltskonto oder die Finanzierung bleibt etwa bei der Hausbank, während die Vermögensverwaltung bei einer Privatbank, einem spezialisierten Vermögensverwalter oder einem Family Office liegt.<BR /><BR />Auch die lokalen Banken reagieren gezielt auf diese unterschiedlichen Bedürfnisse. Gerade jüngere Kunden werden verstärkt mit digitalen Angeboten und einfachen Anlageformen wie ETF-Sparplänen angesprochen. Damit versuchen die Institute, auch jene Kundengruppen stärker an sich zu binden, die ihre Bankgeschäfte anders organisieren als frühere Generationen.<BR /><BR />Für viele Kunden bleibt die persönliche Bankbeziehung aber wichtig, sobald größerer Beratungsbedarf entsteht. „Früher oder später kehren die meisten Kunden zum Bankberater zurück“, sagt Longo.<BR /><BR />Das erklärt auch, warum ein dichtes Filialnetz nicht im Widerspruch zur Digitalisierung stehen muss. „Die Kunden kommen seltener in die Bank – aber wenn sie kommen, geht es häufiger um Entscheidungen, die sich nicht mit wenigen Klicks erledigen lassen.“<h3> Personal wird zur Herausforderung</h3>Diese Entwicklung bringt allerdings eine neue Herausforderung mit sich. Beratung ist personalintensiv – und qualifizierte Mitarbeiter werden knapper. „Die Personalfrage ist für den Bankensektor eine der großen Herausforderungen“, sagt Longo. Künstliche Intelligenz könne Prozesse stark beschleunigen und die Arbeit der Beschäftigten erleichtern. „Aber sie kann die Beziehung zwischen Kunde und Berater nicht ersetzen – und soll es auch nicht.“ Damit trifft ein weiterhin hoher Personalbedarf auf ein immer kleineres Arbeitskräftepotenzial. „Da sind auch die heimischen Banken gefragt, mehr für HR-Themen zu unternehmen“, sagt Longo.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75985536_quote" /><BR /><BR />Vor allem bei der Rekrutierung sieht sie Handlungsbedarf. Für junge Menschen sei eine Bank heute nicht mehr automatisch ein attraktiver Arbeitgeber. Im Bewerbungsgespräch reiche es deshalb nicht, nur über Aufgaben und Einstiegsgehalt zu sprechen. „Viele sehen zunächst das Einstiegsgehalt, aber nicht die Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten“, sagt Longo. Banken müssten viel konkreter aufzeigen, welche Perspektiven ein Einstieg bietet: Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es? Welche Funktionen können Mitarbeiter später übernehmen? Welche Karrierewege sind innerhalb des Instituts möglich?<BR /><BR />Gerade weil das Einstiegsgehalt nicht immer mit anderen Branchen oder dem Ausland mithalten könne, müssten diese langfristigen Perspektiven stärker sichtbar gemacht werden. Bei hoch qualifizierten Fachkräften verschärfe sich das Problem zusätzlich. „Wenn es um gut ausgebildete Bankenmitarbeiter geht, muss man klar sagen, dass die Löhne in Südtirol beziehungsweise in ganz Italien im Bankensektor nicht konkurrenzfähig sind“, sagt Longo. „Der Brain Drain ist schon jetzt stark spürbar – besonders in Richtung der Schweiz.“