<b>Herr Binswanger, warum sind wir zum Wachsen gezwungen?</b><BR />Binswanger: Wir leben in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem. In diesem System geht es darum, dass die Mehrheit der Unternehmen Gewinne erzielen muss. Mit Krediten werden Investitionen in Maschinen, Anlagen und Gebäude finanziert, um die produktive Kapazität zu erweitern und letztlich das Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Wenn das Wachstum jedoch zum Stillstand kommt, sinken die Gewinne der Unternehmen, einige gehen in Konkurs. Die Nachfrage nach Vorleistungen und Investitionsgütern geht zurück, weitere Unternehmen geraten in Schwierigkeiten. Es entsteht schnell eine Abwärtsspirale. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder Wachstum oder eine Schrumpfung, die direkt in die Krise führt und keine Option ist. Kapitalismus braucht also Wachstum, um zu funktionieren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-71894549_quote" /><BR /><BR /><b>Und Stagnation geht nicht?</b><BR />Binswanger: Das ginge, wenn es keinen Wettbewerb gäbe. Aber wir wollen Wettbewerb. Unternehmen sollen ständig versuchen, besser zu werden, die Bedürfnisse der Menschen noch besser zu befriedigen. Deshalb gibt es in diesem System keinen Stillstand: Produziere ich Jahr für Jahr dasselbe, wird die Konkurrenz versuchen, mich vom Markt zu verdrängen.<BR /><BR /><b>Nimmt der Wettbewerb zu?</b><BR />Binswanger: Einerseits beobachten wir, dass Wettbewerb gefördert werden soll, andererseits sehen wir, dass es auch immer weniger Wettbewerb gibt, weil ein paar große Unternehmen viele Märkte dominieren und so ein Oligopol bilden. Zum Beispiel im Markt für KI.<BR /><BR /><b>Ist das förderlich für das Wirtschaftswachstum?</b><BR />Binswanger: Es ist förderlich in dem Sinne, dass diese großen Unternehmen die Nachfrage über das Angebot steuern können und damit die Nachfrage ankurbeln. Meistens sind diese Märkte auch durch Informationsasymmetrien gekennzeichnet. Das heißt, die Anbieter sind viel besser informiert als die Nachfrager. Ein Beispiel dafür ist das Gesundheitswesen, wo eine ständige Mengenausweitung stattfindet, die aber nicht unbedingt den Bedürfnissen der Menschen entspricht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-71896810_quote" /><BR /><BR /><b>Die Politik will Wachstum, aber klimaneutral. Ist das vereinbar?</b><BR />Binswanger: Nur bis zu einem gewissen Grad. Die Idee des grünen Wachstums – also dass Investitionen in umweltfreundliche Technologien nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch eine Wachstumschance sind – scheint in den westlichen Ländern zu funktionieren: Das Bruttoinlandsprodukt wächst dort, während CO2-Emissionen sinken. Das passiert aber nur, weil diese Länder einen Großteil der Emissionen ins Ausland verlagert haben. Global betrachtet steigen die Emissionen aber weiter. Wir importieren Energie, Produkte und damit auch Umweltbelastung. Ein weiteres Problem beim grünen Wachstum ist der Rebound-Effekt.<BR /><BR /><b>Der beschreibt was genau?</b><BR />Binswanger: Der beschreibt, dass Fortschritt oft durch Mehrverbrauch aufgehoben wird. Beispiel Autoindustrie: Benzinmotoren sind immer effizienter geworden, aber gleichzeitig wurden die Fahrzeuge größer, stärker und schwerer. Oder beim Wohnen: Gebäude sind heute viel besser isoliert, aber die Wohnflächen pro Person haben zugenommen.<BR /><BR /><b>Zum Wachstum also gezwungen: Das klingt ein wenig pessimistisch.</b><BR />Binswanger: Nicht unbedingt. Wir leben heute besser, als wir jemals in der Menschheitsgeschichte gelebt haben. Wir leben in einem ungeheuren materiellen Wohlstand. Wahrscheinlich hat man sich vor 100 Jahren das Paradies ungefähr so vorgestellt, wie wir heute zumindest in der Schweiz, aber auch in Südtirol leben. Aber wir sehen auch, dass Glück und Wohlbefinden mit noch mehr materiellem Wohlstand nicht mehr weiter zunehmen.<BR /><BR /><b>Was wäre also die Alternative?</b><BR />Binswanger: Wir brauchen ein gewisses Wachstum, aber nicht immer das maximale. Teilweise ist es sinnvoll, auf Wachstum zugunsten anderer Ziele zu verzichten. In der Schweiz erhalten wir zum Beispiel die Landwirtschaft mit viel staatlicher Unterstützung. Rein ökonomisch könnten wir Lebensmittel günstiger importieren und so das Wachstum steigern. Doch wir verzichten bewusst darauf, weil Landwirtschaft entscheidend ist für Kulturlandschaft, Versorgungssicherheit und Lebensqualität. Ähnliches gilt für Südtirol. Zudem kann Wachstum qualitativ erfolgen: Das BIP kann auch steigen, wenn die Qualität von Gütern verbessert wird. Bestes Beispiel dafür liefert der Weinbau. Früher setzte man auf Masse, heute auf Qualität, die einen höheren Preis abverlangen kann.