Interview mit Italiens Weinfachfrau des Jahres Sonya Egger: „Die Weinwelt ist eine männerdominierte Welt, Frauen sind deutlich in der Minderzahl.“<BR /><BR /><BR /><b>Frau Egger, womit haben Sie den Erfolg begossen?</b><BR />Sonya Egger: Nachdem die Zeremonie in Franciacorta stattfand, war es natürlich ein Schaumwein aus der Gegend. Danach habe ich mir noch ein gutes Gläschen Brunello di Montalcino gegönnt.<BR /><BR /><BR /><b>Wie haben Sie davon erfahren, dass Sie zur Sommeliére des Jahres gewählt werden?</b><BR />Egger: Vor etwas über einer Woche hat mich Sergio Lovrinovich, Chefredakteur der „Guida Michelin“ kontaktiert, um mir mitzuteilen, dass ich einen sehr wichtigen Preis erhalten werde. Nur durfte ich davon absolut keinem erzählen, nicht einmal der eigenen Familie. So ganz konnte ich das dann doch nicht für mich behalten, weil ich meinem Mann, mit dem ich das Restaurant „Kuppelrain“ gemeinsam führe, ja irgendwie erklären musste, warum ich an dem Tag nicht arbeiten konnte. Außerdem war es mir wichtig, dass er mich nach Franciacorta begleitet, um diesen wichtigen Moment gemeinsam mit mir zu erleben. Also rückte ich einen Tag vor der Verleihung mit der Sprache heraus und erzählte ihm davon. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Welchen Stellenwert hat der Preis für Sie persönlich?</b><BR />Egger: Ich weiß jetzt, wie sich Lady Gaga gefühlt haben muss, als sie 2019 für den Oscar nominiert war und ihn schließlich auch bekommen hat. Es war einfach überwältigend, diese „Michelin“-Auszeichnung zu bekommen. Unser Restaurant hat ja schon seit 20 Jahren einen Stern, aber der Sonderpreis für die beste Sommeliére war an mich persönlich gerichtet. Das ist etwas ganz Besonderes – gerade für eine Frau. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Haben es Frauen in diesem Metier nach wie vor schwerer als Männer?</b><BR />Egger: Ohne Frage. Die Weinwelt ist eine männerdominierte Welt. Frauen sind im Weinbereich in Italien deutlich in der Minderzahl, auch werden sie häufig unterschätzt. Aber mich stört das nicht, wenn sich viele unserer männlichen Kollegen in den Vordergrund drängen, wir Frauen wissen schon, was wir können und müssen niemandem etwas beweisen. Schauen Sie, ich habe mir mein Wissen in vielen Jahren angeeignet und lerne heute noch täglich etwas dazu. Wenn man dann sieht, dass 99 Prozent der Gäste im Lokal eine Weinbegleitung zum Menü bestellen, ist das für mich die schönste Bestätigung. Das heißt, Sie vertrauen mir. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Was ist Ihnen im Umgang mit dem Gast besonders wichtig?</b><BR />Egger: Das Wichtigste ist, jeden Gast ehrlich und aufrichtig zu beraten, ganz unabhängig davon, ob er nun viel oder wenig Ahnung von Wein hat. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Was halten Sie von Gästen, die sich als Weinkenner sehen, nur weil sie eine Weinbewertungsapp am Smartphone installiert haben?</b><BR />Egger: Solche gibt es natürlich, aber da kann ich nur sagen, dass Apps eine gute Möglichkeit sind, um sich grob eine Orientierung zu verschaffen. Zielführender ist es jedoch, sich in die Materie einzulesen, gezielt zu verkosten und den eigenen Gaumen zu schulen. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wie haben Sie Ihren Gaumen verfeinert, hilft da häufiges Weintrinken?</b><BR />Egger: Man muss nicht viel Wein trinken, um Wein zu verstehen. Im Gegenteil: Durch Wein in größeren Mengen stumpft der Gaumen ab, glaube ich jedenfalls und die Lust, Neues zu entdecken, lässt nach. Ich trinke Wein fast ausschließlich bei der Arbeit, ich verkoste ihn also nur in geringen Mengen. Das ist mir auch wichtig zu betonen, da ich ein Vorbild sein möchte für meine Kinder und die Jugend. Es geht darum, den Wein in Maßen zu genießen und dadurch bewusster wahrzunehmen. <BR /><BR /><BR /><b>In der Begründung der „Michelin“-Jury wurde hervorgehoben, dass Sie in der Weinauswahl einen Fokus auf die nahe Umgebung legen, also den Vinschgau. Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit den Produzenten vorstellen?</b><BR />Egger: Es ist tatsächlich so, dass mein Fokus auf Südtirol und dabei im Besonderen auf dem Vinschgau liegt. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder Produzent aus meiner Umgebung eine Chance verdient hat, sofern er einen guten und sauberen Wein herstellen kann. Zudem achte ich darauf, dass der Produzent bzw. seine Philosophie mit meiner im Restaurant kompatibel ist. Das heißt, er sollte seine Weine so herstellen, dass sie im Einklang stehen mit der Natur und den Menschen, die um ihn herum sind. Abgesehen davon, bin ich immer auf der Suche nach dem Besonderen: exklusiven Sonderabfüllungen, kleinen Stückzahlen, Weinen, die unter extremen Bedingungen, beispielsweise im Obervinschgau auf 1200 Metern Meereshöhe hergestellt wurden usw. Mich fasziniert das einfach und der Gast weiß das auch zu schätzen. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Gibt es einen regelmäßigen Austausch mit den Produzenten?</b><BR />Egger: Absolut. 20 Vinschger Produzenten gehören aktuell zu meinen Lieferanten, einige von ihnen kommen täglich, manche einmal in der Woche vorbei. Dabei wird natürlich auch gefachsimpelt. Dieser Austausch ist enorm wichtig und bringt beiden Seiten riesige Vorteile. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wohl jeder Sommelier und jede Sommeliére hat eine Schatzkammer, in der besondere Tropfen lagern. Wie umfangreich ist Ihre aktuell?</b><BR />Egger: Auch ich habe eine solche Schatzkammer. Ich denke, dass es einige Tausend Etiketten sein dürften, die dort gebunkert sind. In erster Linie sind es gute Jahrgänge von Südtiroler Weinen, aber auch die Toskana, das Piemont und das Veneto sind vertreten. Französische, deutsche und österreichische Weine habe ich dagegen nur wenige vorrätig.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie sagten zwar, dass Sie in Ihrer Freizeit so gut wie nie Wein trinken. Und wenn doch: Was ist Ihr absoluter Lieblingswein?</b><BR />Egger: Ich liebe gereifte Lagreinweine aus dem Bozner Raum. <BR />