<b>STOL: Herr Haller, wie ist es um das Handwerk in Südtirol bestellt? Gibt es immer noch den Trend, dass die Jugendlichen vor allem studieren gehen, oder erlernen wieder mehr einen Beruf?</b><BR />Martin Haller: Wir erleben eine Rückbesinnung zu den praktischen Berufen. Insgesamt sind die Lehrlingszahlen in Südtirol relativ konstant und konnten im Handwerk sogar ein wenig gesteigert werden. Es gibt erfreulicherweise wieder mehr Bewusstsein für die praktische Ausbildung. Vor allem jetzt, nach zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie, ist dieses für uns erfreuliche Phänomen zu beobachten. Es gibt aber einen Unterschied zwischen der deutschsprachigen und italienischsprachigen Bevölkerung. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55479714_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Nämlich?</b><BR />Haller: Die Italiener sind nicht so leicht für das Thema Lehre zu begeistern, aber das ist nicht neu, das war immer schon so. Eine weitere Herausforderung im Handwerk ist das Thema Frauen in Männerberufen. <BR /><BR /><b>STOL: Die traditionellen Rollenbilder lassen sich nicht so einfach aufbrechen?</b><BR />Haller: Nein. Nehmen wir die größte Lehrlingsgruppe her, das sind die Elektrotechniker, dort gibt es aktuell 360 Lehrlinge. Hier gäbe es noch viel Luft nach oben, was die Anzahl der Mädchen in diesen Berufen anbelangt. <BR /><BR /><b>STOL: Vergleichen wir die aktuelle Zahl der Lehrlinge mit jener der vergangenen 20 Jahre. Wie ist die Entwicklung?</b><BR />Haller: Die Lehrlingszahlen sind konstant. Da es mittlerweile aber auch Berufsfachschulen gibt, über die man einen Handwerksberuf erlernen kann, steigt die Zahl der Lehrlinge nicht mehr so stark. <BR /><BR /><b>STOL: Aber schlussendlich ist das Ziel ja dasselbe: Ob man eine Berufsfachschule oder eine duale Lehre macht, am Ende ist das Ziel ja ein Handwerksberuf…</b><BR />Haller: Leider nicht immer. Vor allem die Absolventen der Fachschulen wechseln oftmals in andere Bereiche. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55483334_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Die Landesregierung hat diese Woche eine Lehrlings-Prämie beschlossen: Also jeder Betrieb, der einen Lehrling ausbildet, bekommt pro Lehrling 2000 Euro. Was bringt das wirklich?</b><BR />Haller: Die Lehrlings-Prämie ist eine Anerkennung für die Lehrbetriebe, die sich der Verantwortung stellen und Lehrlinge ausbilden. <BR /><BR /><b>STOL: Wird die Lehrlings-Prämie aber dazu führen, dass wieder mehr Betriebe Lehrlinge ausbilden werden?</b><BR />Haller: Nein, das glaube ich nicht, zumindest nicht unmittelbar. Mittelfristig könnte es aber sehr wohl den Effekt haben, dass sich mehr Betriebe überlegen werden, Lehrlinge einzustellen. <BR /><BR /><b>STOL: In Südtirol herrscht, so wie in ganz Europa, ein akuter Mangel an Arbeitskräften. Diese Situation soll sich in den kommenden Jahren noch deutlich verschärfen. Wie sehr spürt das Handwerk in Südtirol dieses Phänomen?</b><BR />Haller: Auch bei uns wird die Personaldecke immer dünner, die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente und es kommen weniger Arbeitskräfte nach. Besonders zu spüren bekommt das derzeit das Bauhandwerk. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55479717_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Südtirols Handwerk rühmt sich immer mit der Qualität. Ist diese Qualität bei einer immer dünner werdenden Personaldecke noch aufrechtzuerhalten?</b><BR />Haller: Es ist sicherlich nicht leicht, diesen Qualitätsstandard zu halten. Um ein gut ausgebildeter Handwerker zu sein, braucht man die Lehrzeit von mindestens 4 Jahren. Wenn man aber nun, da die Fachkräfte immer rarer werden, immer mehr Hilfsarbeiter einstellen muss, dann leidet zwangsläufig auch die Qualität darunter, das ist leider nicht zu vermeiden. <BR /><BR /><b>STOL: Das Südtiroler Handwerk wird seine Qualität also langfristig nicht auf diesem Niveau halten können?</b><BR />Haller: Man wird in Zukunft schauen müssen, ob man in einigen Bereichen nicht auch Abstriche machen muss. <BR /><BR /><b>STOL: Was meinen Sie konkret?</b><BR />Haller: Nehmen wir das Thema Bauen her. Hier wird immer gesagt, dass das in Südtirol so teuer sei. Hier könnte man sich überlegen, ob man in diesem Bereich wirklich immer und überall Hochqualität braucht, oder ob man nicht auch einige Abstriche machen kann oder muss. Wenn die ausgebildeten Fachkräfte fehlen, wenn man vermehrt mit Hilfskräften arbeiten muss, dann wird es kaum möglich sein, die bisherigen Qualitätsstandards einzuhalten. Im Handwerk hängt die Qualität nicht von der einzelnen Maschine ab, sondern von der Ausbildung des Mitarbeiters. <BR />