Ein Gespräch über persönliche Beratung, Vertrauen und emotionale Einkaufserlebnisse mit Roman Eberharter, Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer WKO Tirol.<BR /><BR /><b>STOL: Herr Obmann, wie haben sich aus Ihrer Sicht Einkaufen und Shoppen in den vergangenen 10 Jahren entwickelt?</b><BR />Roman Eberharter: Sie haben sich in den letzten zehn Jahren stark digitalisiert – der Kunde ist informierter, anspruchsvoller und erwartet heute ein nahtloses Einkaufserlebnis über alle Vertriebskanäle hinweg. Für den Handel bringt das einerseits große Herausforderungen, andererseits aber auch viele Chancen mit sich. Wir versuchen jedenfalls, unsere Betriebe bestmöglich zu beraten und zu begleiten, um die stetige Weiterentwicklung der Handelslandschaft in allen Bereichen zu unterstützen.<BR /><BR /><b>STOL: Hat der stationäre Handel noch Entwicklungspotenzial und Erfolgschancen?</b><BR />Eberharter: Fakt ist – und davon bin ich fest überzeugt: Der stationäre Handel hat Zukunft, wenn er seine Stärken – persönliche Beratung, Regionalität und Erlebnisse – konsequent nutzt und mit digitalen Services verbindet.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1284864_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wo liegen die Steigerungsgrenzen des Onlinehandels und haben wir diese erreicht?</b><BR />Eberharter: Rund 12 Prozent aller Einzelhandelsumsätze werden in Österreich derzeit online erwirtschaftet, in manchen Branchen sind es bis zu 30 Prozent. Im europäischen Vergleich liegt der Online-Anteil damit etwa im Mittelfeld. Für viele Tiroler Handelsbetriebe ist der Onlinevertrieb bereits heute eine wichtige Ergänzung zum stationären Geschäft. Jene Handelsbetriebe, die sowohl online als auch stationär verkaufen, erwarten, dass der Anteil des E-Commerce am Gesamtumsatz von aktuell 29 Prozent auf 35 Prozent innerhalb der nächsten drei Jahre steigen wird. Die Steigerungsgrenzen des Onlinehandels liegen dort, wo persönliche Beratung, Vertrauen und emotionale Einkaufserlebnisse zählen.<BR /><BR /><b>STOL: Handel ist seit jeher mit der Entwicklung von Orten, Städten und Dörfern, verbunden: Was braucht es, um lebendige und attraktive Innenstädte und Ortszentren zu erhalten und weiterzuentwickeln?</b><BR />Eberharter: Lebendige Innenstädte und Ortszentren brauchen eine gute Mischung aus Handel, Gastronomie, Dienstleistungen, Kultur und Begegnungsräumen sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung. Wir erkennen, dass Orts- und Stadtmarketings, Kaufmannschaften sowie engagierte Gemeinden durch gezielte Maßnahmen positive Lenkungseffekte erzielen können – insbesondere in Bezug auf Aufenthaltsqualität, Kundenfrequenz und Branchenmix. Daraus ergibt sich eine enge und sehr wichtige Zusammenarbeit mit genau diesen Organisationen, die wir als Wirtschaftskammer intensiv unterstützen. Diese Unterstützung fordern wir auch vehement vom Land Tirol ein – denn nur durch gemeinsame Anstrengungen können wir Ortskerne und Stadtzentren langfristig positiv weiterentwickeln.<BR /><BR /><b>STOL: Leerstände in Städten und Orten sind oft die Folge fehlerhafter Handels- und Raumordnungspolitik: Wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken?</b><BR />Eberharter: Leerstände kann man vermeiden, indem man flexible Nutzungskonzepte, attraktive Rahmenbedingungen und innovative Fördermodelle für Betriebe schafft. Solche Konzepte müssen immer individuell auf die jeweilige Region und ihre spezifischen Anforderungen abgestimmt werden. Wir als Wirtschaftskammer verstehen uns dabei als unterstützende und vernetzende Einheit, die zwischen den unterschiedlichen Akteuren vermittelt, um gemeinsam einen echten Mehrwert zu schaffen. Zudem fördern wir die digitale Sichtbarkeit der stationären Handelsbetriebe mit einem umfassenden Angebot – vom Digital-Lotsen Programm über praxisnahe Webinare bis hin zur individuellen Beratung.<BR /><BR /><b>STOL: Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der ein stationäres Geschäft in einem Ortszentrum übernehmen oder neu eröffnen möchten?</b><BR />Eberharter: Jungen Menschen rate ich, mit Leidenschaft, Innovationsgeist und klarer Positionierung in den stationären Handel zu gehen – die Nähe zum Kunden bleibt ein unschlagbarer Vorteil.<BR /><BR /><b>STOL: Südtirol ist geprägt vor allem durch viele Klein- und familiengeführte Betriebe – auch im Detailhandel. Wie passt das zusammen mit einer Welt der großen Player etwa im Onlinehandel?</b><BR />Eberharter: Klein- und Familienbetriebe punkten durch Authentizität, Regionalität und persönliche Beziehungen – Werte, die auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar bleiben. Der stationäre Handel ist volkswirtschaftlich und gesellschaftlich so bedeutend, dass er als schützenswert gilt. Eine Anpassung an die geänderten Bedürfnisse der Menschen sowie die Besinnung auf regionale Besonderheiten können die örtlichen Geschäfte nachhaltig gegenüber dem Onlinehandel stärken. <BR />Dabei gilt es, Innenstädte und Ortszentren nicht nur als reine Verkaufsorte, sondern als lebendige Orte zu verstehen, in denen Wohnen, Gastronomie, Kultur und Einzelhandel ineinandergreifen. Städte und Orte müssen als attraktive Lebensräume gestaltet werden – dazu gehören auch gute Erreichbarkeit und durchdachte Mobilitätskonzepte. Regionaler Handel braucht Teamwork, Mut und kreative Nutzungsmischungen. <BR /><BR /><b>STOL: Haben diese Betriebe überhaupt noch eine Zukunft?</b><BR />Eberharter: Ja – wenn dieses Zusammenspiel gelingt, dann behaupte ich mit Fug und Recht: Stationäre Handelsbetriebe haben Zukunft, wenn sie ihre Nischen kennen, digital sichtbar sind und ihre regionalen Stärken gezielt ausspielen.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Technologietrends gewinnen an Bedeutung?</b><BR />Eberharter: Wichtige Technologietrends sind KI im Kundenservice, datenbasierte Sortimentssteuerung und Omnichannel-Lösungen zur Verbindung von Online und Offline. Die Entwicklungen in diesen Bereichen verlaufen rasant und sind oft schwer greifbar. Entsprechend ist es für Betriebe nicht immer einfach, zu entscheiden, in welche Technologien investiert werden soll oder muss. Als Wirtschaftskammer Tirol bieten wir deshalb in unseren verschiedenen Abteilungen kompetente Beratung und praxisorientierte Unterstützung an, um die Unternehmen bestmöglich auf ihrem digitalen Weg zu begleiten. Ergänzend organisieren wir auch zeitgemäße Veranstaltungsformate wie unsere #DigiTalks oder die beliebten KI-Afterwork Events.<BR /><BR />Interview: Mauro Stoffella