<b>Herr Sparber, Italien will zurück zur Atomkraft. Sie auch?</b><BR />Wolfram Sparber: Nein. Erstaunlich finde ich, dass das Thema in Italien immer wieder aufgewärmt wird. <BR /><BR /><BR /><b>Obwohl die Bürger bereits zweimal Nein zur Nuklearenergie sagten; 1987 und 2011. Beiden Referenden gingen allerdings Reaktorkatastrophen voraus, was die Meinung der Italiener entscheidend beeinflusst haben dürfte. Wie würden die Bürger heute entscheiden?</b><BR />Sparber: Ich gehe davon aus, dass eine Mehrheit das Thema nach wie vor kritisch sieht. Abgesehen davon, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir in Italien die Rückkehr zur Atomkraft erleben werden. Eine Hürde ist das Referendum. Aber nicht die einzige: Was die Politik offenbar falsch einschätzt, ist die Zeit, die von der Anfangsidee bis zur Inbetriebnahme eines Kraftwerks vergeht. Lange sind nicht nur die Genehmigungsverfahren, sondern auch der Bau an sich. Da sprechen wir von mehreren Jahrzehnten, nicht von einer oder 2 Legislaturen, wie man am Beispiel des Reaktorprojekts Olkilouto-3 in Finnland, das mit 15 Jahren Verspätung in Betrieb ging, anschaulich nachvollziehen kann.<BR /><BR /><BR /><b>Die Bauzeit betrug letztlich fast 20 Jahre…</b><BR />Sparber: Richtig, und die Baukosten haben sich fast verdreifacht. Darum bin ich überzeugt, dass die Kernkraftpläne Italiens eine Totgeburt zu werden drohen. Und das zum Nachteil der erneuerbaren Energien, die eine autonomere und billigere Energieversorgung ermöglichen als heute, was das eigentlich Tragische an der Sache ist.<BR /><BR /><BR /><b>Können Sie das etwas näher erläutern?</b><BR />Sparber: Italien wird sicherlich erhebliche Mittel für Planungen und Vorarbeiten bereitstellen, um den Wählern zu zeigen, dass man es ernst meint. Nur ist aus den genannten Gründen jeder Euro, der in die Nuklearenergie umgelenkt wird, ein verlorener Euro. Und Geld, das für den Ausbau erneuerbarer Energien in der ohnehin klammen Staatskasse fehlen wird. <BR /><BR /><BR /><b>Befürworter der Nuklearenergie loben sie als besonders günstig, effizient und modern…</b><BR />Sparber: Das ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Sehen wir uns die Kraftwerke in Europa an, stellen wir fest, dass die meisten 40 und mehr Jahre alt sind und eigentlich dringend erneuert werden müssten. Von „modern“ kann da keine Rede sein. Neu gebaut wurden letzthin das erwähnte in Finnland und eines in Frankreich (Flamanville, Anm. d. Red.), noch in der Bauphase befindet sich ein weiteres in England (Hinkley Point C). Zum Thema Kosten würde ich gerne 2 Beispiele anführen: Der Bau des Atomkraftwerks Olkiluoto-3 verschlang knapp 12 Milliarden Euro, jener in Frankreich sogar noch etwas mehr. England garantiert dem Betreiber laut Ausschreibung eine Einspeisevergütung von 92 Pfund (110 Euro) pro Megawattstunde – und das über 3 Jahrzehnte. Wer behauptet, dass dies günstig sei, der verkennt die Realität. Bei Offshore-Windprojekten in Großbritannien bewegten sich die letzten zugeteilten Ausschreibungen bei 54 Pfund (64 Euro) pro Megawattstunde, also etwas mehr als halb so viel. Bei Fotovoltaik liegen wir noch darunter. Passiert ein Unfall, ist die Kosteneffizienz von Atomkraftwerken gänzlich dahin: Aus vergangenen Zwischenfällen wissen wir, dass die Betreiber nur für einen Bruchteil der entstandenen Schäden aufkommen, den überwiegenden Teil trägt die öffentliche Hand, also der Steuerzahler. Wir müssen als Versicherung einspringen. <BR /><BR /><BR /><b>Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass es in den nächsten Jahren zu einem Reaktorunfall in Europa kommen könnte?</b><BR />Sparber: Die Gefahr besteht absolut; ich schätze sie sogar als eher hoch ein. Sehen wir uns die Ukraine an: Dort sehe ich nicht nur das Risiko, dass eines der 4 aktiven Kraftwerke nach einem Bombenanschlag zerstört werden könnte. Denkbar wäre auch, dass die Energieversorgung eines Kraftwerks wegen eines Angriffs für längere Zeit unterbrochen wird und in der Folge die Kühlung ausfällt. Auch das könnte zum Super-GAU führen. Etwas möchte ich aber noch anführen, was die Kosten der Atomkraft angeht…<BR /><BR /><embed id="dtext86-66971271_quote" /><BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Sparber: Viele wissen vielleicht nicht mehr, dass wir noch heute für die Atomkraftgeschichte in Italien zahlen. Mehr als 30 Jahre nach dem Atomausstieg ist der Rückbau der alten Meiler bei weitem nicht abgeschlossen. Die Gesellschaft SOGIN, die dafür zuständig ist, subventionieren wir über die Stromrechnung. In jeder Stromrechnung werden die „Oneri di sistema“ aufgeführt, ein Teil dieser Kosten werden für den nuklearen Abbau verwendet. In den Jahren 2012 bis 2016 wurden dadurch etwa 1,8 Milliarden Euro eingesammelt und diesem Zweck zugeführt. Der Grund für die Versäumnisse sind die immensen Kosten und das noch immer ungelöste Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle. Das ist im Übrigen eines, das die Gesellschaft immer ausblendet, wenn es um Nuklearenergie geht. <BR /><BR /><BR /><b>Der frühere EZB-Chef, Ex-Premier und einer der einflussreichsten Ökonomen in Europa, Mario Draghi, sagte kürzlich, dass der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien der einzig sinnvolle Weg für Europa sei. Die Atomkraft erwähnte er nicht. Dies dürfte Ihnen gefallen haben.</b><BR />Sparber: Atomkraft ist im Betrieb schadstoffarm; das ist das einzige „saubere“ an der Technologie. Erneuerbar ist sie nicht. Ich brauche ein Grundmaterial, um die Brennelemente zu erzeugen, vor allem Uran, das in Minen vorwiegend in Afrika und Russland abgebaut wird. Das Problem des Abfalls erwähnte ich ja bereits. Dafür ist nicht annähernd eine Lösung in Sicht. <BR /><BR /><BR /><b>Einige halten eine Kombination aus erneuerbaren Energien und Atomkraft für zielführend. Könnte man die verschiedenen Energieträger kombinieren?</b><BR />Sparber: Der große Vorteil der Atomkraft in unserem früheren Energiesystem war, dass die Energieproduktion stabil ist – tagsüber und nachts. Diese wurde kombiniert mit fossilen Kraftwerken, die die Spitzenlasten abdeckten. Im Gegensatz dazu ist die Energieproduktion erneuerbarer Quellen Schwankungen unterworfen. Das heißt, als Ergänzung benötigen sie Kraftwerke, die im Stande sind, flexibel auf Veränderungen in der Produktion zu reagieren. Atomkraft kann das nicht, weil es mindestens einen Tag dauert, um ein Atomkraftwerk an- oder abzuschalten. Gegen diese Schwankungen helfen nur flexible Gaskraftwerke und Speichertechnologien, also Batterien, in welcher Form auch immer. Da wird sich in den nächsten Jahren noch sehr viel tun. <BR /><BR /><BR /><b>Nun werden von Italiens Politik die kleinen Kraftwerke (SMR) immer wieder ins Spiel gebracht. Wie schätzen Sie deren Potenzial ein?</b><BR />Sparber: Naja, SMR-Reaktoren sind wie herkömmliche Kernkraftwerke, nur eben kleiner. In Zahlen hat der finnische Reaktor Olkiluoto-3 eine Leistung von 1,6 GW (1600 MW), SMR-Reaktoren dürften unter 300 MW an Leistung haben. Das heißt, anstatt eine Gemeinde zu finden, wo ein Reaktor aufgebaut wird, müssen 5 oder mehr Gemeinden gefunden werden, die solchen Plänen zustimmen. Glauben Sie, dass das wirklich ein Vorteil ist, in einem Land wie Italien, in dem jede Baugenehmigung so kompliziert und langwierig ist?<BR /><BR /><BR /><b>Wie erklären Sie es sich, dass trotz der Nachteile noch so viele Länder an der Atomkraft festhalten – nicht zuletzt Frankreich?</b><BR />Sparber: Dies kann damit zusammenhängen, dass Länder, die in Vergangenheit stark auf Kernkraft gesetzt hatten, vor allem Frankreich, über viele Jahre günstige Stromtarife hatten. Jedoch wurden hier die Kraftwerke in einer anderen Zeit mit anderen Sicherheitsauflagen realisiert, Versicherungskosten weitgehend ausgeblendet und der Rückbau der Anlagen hat noch nicht begonnen. Das heißt, in diesen Ländern werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten massive Kosten auf den Steuerzahler zukommen. <BR /><BR /><BR /><b>Stichwort Bevölkerung: Wenn man sich die Diskussionen anhört, die es im Zusammenhang mit neuen Projekten im Bereich erneuerbarer Energien gibt, kann man schon mal ins Zweifeln kommen, ob das mit der Energiewende noch was wird…</b><BR />Sparber: Widerstand gibt es, teilweise kann ich ihn auch nachvollziehen. Ein Windpark sieht in vielen Fällen nicht schön aus. Im Zweifel hätte ein Bürger aber wahrscheinlich lieber einen Windpark in seiner Heimatgemeinde als ein Atomkraftwerk oder gar ein Endlager für Reaktor-Müll. Es spricht nicht nur emotional, sondern auch rational mehr für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Eine Huldigung der Atomkraft ist jedenfalls fehl am Platz.