„Durch die immer wiederkehrenden Coronawellen sind die Lieferketten ein ständiges Bremsen und wieder Starten“, sagt der Experte. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="711974_image" /></div> <BR /><BR /><b>Herr Lun, wie stark hat die Coronakrise die internationalen Lieferketten beeinflusst?</b><BR />Georg Lun: Die Auswirkungen sind sehr stark. Ihren Anfang haben sie in China gemacht, wo eine sehr strikte Corona-Strategie verfolgt wird. Kaum gibt es einen Coronafall, wird alles geschlossen. Das beeinflusst natürlich die Lieferungen aus China sehr stark. Insbesondere die Entwicklungen zu Beginn der Krise haben dazu beigetragen, dass die Lieferketten ins Stocken geraten sind. In Zusammenhang mit China ist das vor allem im Bereich Elektronik zu spüren. Anschließend gab es auch den Zwischenfall mit dem Containerschiff im Suezkanal. Da ist das gesamte System, das ansonsten wie ein Uhrwerk funktioniert, international ins Stocken geraten. Diese Ereignisse haben natürlich längerfristige Auswirkungen und es braucht Zeit, bis sich die Abläufe wieder normalisieren. Durch die immer wiederkehrenden Coronawellen ist es ein ständiges Bremsen und wieder Starten. Es ist ein großes Problem. Stabilität wird es wohl erst wieder geben, wenn eine gewisse Ruhe beim Thema Corona eintritt. <BR /><BR /><b>Dadurch wurde auch das Konsumverhalten der Menschen in Südtirol bzw. Europa generell beeinflusst?</b><BR />Lun: Es hat eine gewisse Änderung im Konsumverhalten gegeben. Der gesamte Elektronikbereich hat einen enormen Aufschwung erlebt. Es gibt Bedarf an Computern und das Interesse an Heimelektronik ist angestiegen. Die Menschen sind vermehrt zu Hause und haben dadurch auch ein anderes Konsumverhalten. Diese Entwicklung ist dann auf die Lieferschwierigkeiten aus China getroffen. Daraus haben sich Probleme ergeben. Dazu kommt noch, dass die Preise – insbesondere die Rohstoffpreise – explodiert sind. Das betrifft die Energie, also Öl und Gas, sowie Rohstoffe, etwa Stahl oder Beton, aber auch die Elektronikrohstoffe, beispielsweise Chips. Das Resultat sind enorme Preissteigerungen, die sich nun auch auf die Kostenstruktur und Preise von Verbrauchsgütern auswirken.<BR /><BR /><embed id="dtext86-51842765_quote" /><BR /><BR /><b>Das sind dann Auswirkungen, die im täglichen Leben der Menschen zu spüren sind…</b><BR />Lun: Ja! Einerseits ist das Angebot von bestimmten Produkten und Dienstleistungen verknappt. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage sogar gestiegen. Durch die Lockdowns haben die Konsumenten Geld gespart. Sie sind weniger auf Reisen gegangen und haben weniger in der Gastronomie ausgegeben. Deshalb möchten viele dieses Geld nun etwa in Heimelektronik investieren. So ist es zu einer Knappheit gekommen. An sich ein klassisches Phänomen: Ein geringes Angebot trifft auf eine große Nachfrage. Das heizt die Preise an. <BR /><BR /><b>Vor einiger Zeit wurde befürchtet, dass Produkte, die als Weihnachtsgeschenke sehr beliebt sind, nicht rechtzeitig lieferbar sein würden. Wird sich dieses Szenario bewahrheiten?</b><BR />Lun: Im stationären Handel ist es so, dass das verkauft werden kann, was da ist. Bei Sachen, die nicht im Laden sind, ist einfach kein Angebot da. Auf einen kurzfristigen Anstieg der Nachfragen reagiert auch der stationäre Handel, es braucht aber eine bestimmte Zeit. Im Onlinehandel sind die Lieferzeiten aktuell aber sicher ein Thema. Diese werden bei bestimmten Produkten länger. Aber so etwas reguliert sich. Wenn Knappheiten auftreten, steigen auch die Preise und darauf reagiert wiederum das Angebot. Natürlich wird es einzelne Fälle geben, wo bestimmte Wunschprodukte nicht zu bekommen sind. Aber allgemein gehe ich nicht davon aus, dass unter dem Weihnachtsbaum keine Geschenke liegen werden.<BR /><BR /><b>„Leicht erhöhte Inflation“</b><BR /><BR /><b>Wie hat sich die anhaltende Krise auf Unternehmen ausgewirkt?</b><BR />Lun: Für Unternehmen im produzierenden Gewerbe war vor allem der erste Lockdown ein Einschnitt. Danach konnte die Produktion aber wieder normal weiterlaufen. Die weiteren Lockdowns hatten für sie also keine direkten Folgen. Die Auftragsbücher für die Unternehmen sind voll. Die Exporte haben wieder ein Allzeithoch erreicht. Von dieser Seite betrachtet, gab es für Unternehmen im produzierenden Gewerbe nach dieser ersten Zäsur keine weiteren Auswirkungen. Im Dienstleistungsbereich, Gastgewerbe und Tourismus hingegen sieht die Situation anders aus. Also überall dort, wo der Kontakt mit Menschen eine zentrale Rolle spielt, ist es ungleich schwieriger. Kontaktbeschränkungen und Lockdowns sind in diesen Bereich spürbar und es kommt zu Schwierigkeiten. Mit jedem neuen Lockdown, der sich ankündigt, werden diese Probleme wieder akuter. <BR /><BR /><b>Was wird uns im nächsten Jahr bevorstehen?</b><BR />Lun: Das ist noch schwer vorherzusagen. Aber wenn man hofft, dass die Corona-Pandemie nicht schlimmer wird, sondern doch langsam mal vorübergeht, gehe ich davon aus, dass sich Lieferschwierigkeiten sukzessive verringern werden. Auch das Konsumverhalten sollte sich dadurch wieder normalisieren. Zudem laufen die meisten Konjunkturpakete aus und es wird von den Staaten nicht mehr zusätzlich Geld in die Wirtschaft gepumpt. Zu befürchten ist allerdings, dass die Inflation auch im kommenden Jahr leicht erhöht sein wird. <BR /><BR />