„Der Zorn entlädt sich auf die Falschen“, sagt Thomas Aichner, wissenschaftlicher Leiter der Südtirol Business School gegenüber diesem Medium. In den meisten Fällen hätten Pächter keinen Einfluss auf die Preisgestaltung, sondern erhielten lediglich eine Provision pro verkauftem Liter – zumindest im Self-Service-Betrieb.<h3> Nebeneinander und preislich weit entfernt</h3> Besonders irritierend: Oft liegen zwischen zwei Tankstellen nur wenige hundert Meter – und dennoch können sich die Preise deutlich unterscheiden. Eine simple Erklärung dafür gibt es nicht.<BR /><BR />„Heute scannen Software-Systeme in Echtzeit den Markt“, erklärt Aichner. Die Preisfestlegung erfolgt zentral und datengetrieben. Dabei fließen Standort, Nachfrage, Verkehrsströme und das Verhalten der Kunden ein. Selbst Betreiber vor Ort wüssten in der Regel nicht, warum der Preis genau so gesetzt werde.<BR /><BR />Der Wettbewerb ist dabei stark lokal geprägt. Viele Autofahrer bewegen sich auf festen Routen und haben nur begrenzte Alternativen. „Der Algorithmus erkennt dieses Mikro-Monopol und setzt die Preise entsprechend“, so Aichner. „Wer für wenige Cent Ersparnis keinen Umweg fährt, zahlt am Ende mehr.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-74164849_quote" /><BR /><BR />Auch Bequemlichkeit spielt eine Rolle: Tankstellen entlang stark befahrener Strecken oder mit einfacher Zu- und Abfahrt können höhere Preise verlangen. „Die Daten zeigen, dass Konsumenten bereit sind, für Zeitersparnis einen Aufpreis zu zahlen.“<BR /><BR />Hinter diesen Unterschieden steckt ein klar definiertes Prinzip: dynamische Preisgestaltung. Neben Rohölpreis, Transportkosten und Steuern sind es heute in erster Linie solche Systeme, die den Endpreis bestimmen und den entscheidenden Unterschied ausmachen.<BR /><BR />„Das Ziel ist die Abschöpfung der maximalen Zahlungsbereitschaft – zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort“, sagt Aichner. Der Preis wird laufend angepasst und getestet: Wie weit kann er steigen, ohne dass die Nachfrage einbricht?<BR /><BR />Dass Entlastungen – etwa durch Steuerrabatte – oft nur kurzfristig wirken, passt in dieses Bild. Wird ein bestimmtes Preisniveau akzeptiert, orientieren sich die Systeme daran.<h3> Rakete rauf, Feder runter</h3>Ein bekanntes Muster an der Zapfsäule ist der sogenannte „Raketen-und-Federn-Effekt“: Steigende Preise werden rasch weitergegeben, sinkende hingegen nur langsam. „Der Algorithmus berechnet in Echtzeit den optimalen Fallwiderstand der Feder.“<BR /><BR />Auch das hat mit dem Verhalten der Konsumenten zu tun. Bei steigenden Preisen wird intensiv verglichen, Autofahrer reagieren sensibel und weichen aus. Sinken die Preise leicht, lässt diese Aufmerksamkeit schnell nach.<BR /><BR />„Der Autofahrer sieht das und denkt: Es wird wieder billiger – und hört meist sofort auf, weiter zu vergleichen“, sagt Aichner. Genau dann entsteht für Anbieter ein Anreiz, Preise nur schrittweise zu senken. „Die Marge in dieser Phase ist der eigentliche Profitgarant.“<h3> Kartell oder System?</h3>Für viele wirkt dieses Zusammenspiel wie ein Kartell. Doch rechtlich ist die Lage meist anders. „Ein klassisches Kartell würde direkte Absprachen zwischen Unternehmen voraussetzen. Heute reagieren Anbieter oft schlicht auf dieselben Marktinformationen – und auf ähnliche algorithmische Modelle. In der Wettbewerbsökonomie spricht man von impliziter Koordination: Systeme orientieren sich aneinander, ohne sich abzusprechen.“<BR /><BR />Der Staat kann laut Aichner nur begrenzt eingreifen. Zwar sorgt das MIMIT-Portal („Osservaprezzi Carburanti“) für Transparenz, und Behörden können bei nachweisbarem Missbrauch einschreiten. Reine Preisparallelität reiche dafür jedoch nicht aus. „Preisdeckel gelten als heikel: kurzfristig entlastend, langfristig aber mit Risiken für Investitionen und Versorgung.“<h3> Was Autofahrer tun können</h3>Der Spielraum für Konsumenten bleibt begrenzt. „Selbst wenn wir die Mechanismen vollständig verstehen, können wir daraus kaum einen großen finanziellen Vorteil ziehen“, sagt Aichner.<BR /><BR />Ein gewisser Handlungsspielraum bleibt dennoch: „Wer eine günstige Tankstelle passiert, sollte die Gelegenheit nutzen – auch wenn der Tank noch nicht ganz leer ist. Für wenige Cent Ersparnis Umwege zu fahren, lohnt sich meist nicht.“