Der Mineralölriese ENI hat vor einigen Jahren mit der Produktion des Treibstoffs in Italien begonnen. Anfang 2023 war er jedoch erst an rund 50 Tankstellen italienweit erhältlich. Bis in den Herbst desselben Jahres war HVO auch preislich nicht konkurrenzfähig. Mit dem steigenden Wettbewerb – mittlerweile stellen ihn sämtliche Konzerne her – und dem Willen, HVO zum Markterfolg zu führen, sind die Preise stark gefallen. Seit Herbst liegen sie in etwa auf dem Niveau von herkömmlichem Diesel. Getankt werden kann er italienweit an mehr als 800 Tankstellen, südtirolweit nimmt die Zahl ständig zu – in jedem Bezirk und in jeder Stadt ist HVO zu bekommen. Tendenz stark steigend. <BR /><BR />In Österreich ist HVO ebenfalls seit einigen Jahren zugelassen, Deutschland gab hingegen erst vergangene Woche grünes Licht für den „grünen“ Treibstoff. <BR /><BR /><BR /><b>Was ist HVO und inwiefern unterscheidet er sich vom Bio-Diesel im früheren Sinn?</b><BR />HVO steht für „Hydrotreated Vegetable Oil“ (Hydriertes Pflanzenöl). Es handelt sich dabei um einen synthetischen Kraftstoff, der durch Hydrierung, also chemische Umwandlung, von pflanzlichen Ölen oder tierischen Fetten hergestellt wird. „Im Gegensatz zu herkömmlichem Bio-Diesel, der oft aus pflanzlichen Ölen wie Rapsöl hergestellt wurde, kann HVO aus einer Vielzahl von erneuerbaren Quellen gewonnen werden, einschließlich tierischer Fette und Altspeiseölen“, erklärt Philipp Kostner, CEO von Kostner Energy Supply. Qualitativ sei HVO fossilen Treibstoffen gleichzusetzen. „HVO ist also kein Bio-Diesel im früheren Sinn.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-64341904_quote" /><BR /><BR /><b>Welche Vorteile bringt HVO mit sich?</b><BR />Er ist laut Kostner eine fossilfreie Alternative zum Diesel, die besonders emissionsarm ist und auf Grund der wesentlich höheren Cetanzahl eine verbesserte Verbrennungseffizienz aufweist. „HVO erzeugt im Vergleich zu herkömmlichem Dieselkraftstoff bis zu 90 Prozent weniger CO2-Emissionen. Zudem besitzt HVO aufgrund seiner Struktur eine verbesserte Kältebeständigkeit.“ <BR /><BR /><b>Anpassungen am Fahrzeug, beispielsweise der Anbau spezieller Filter, sind nicht nötig, um HVO zu nutzen. Welche Fahrzeuge können grundsätzlich betankt werden, welche nicht?</b><BR />Grundsätzlich können alle Fahrzeuge mit Dieselmotor mit HVO betankt werden. Fast alle Fahrzeughersteller haben die Nutzung von HVO als Kraftstoff für PKW, Transporter, Schwerlast-Lkw, Baumaschinen und alle anderen Anwendungen, in denen Dieselmotoren eingesetzt werden, bereits freigegeben. Laut heutigem Stand sei die Verwendung von HVO beispielsweise für Fahrzeuge des GM-Konzerns wie Chevrolet, Buick, GMC und Cadillac bisher noch nicht empfohlen. „Prinzipiell ist bei Fahrzeugen zu prüfen, ob der Kraftstofftyp EN15940 in Bezug auf die Garantie des Fahrzeugs zugelassen ist“, erklärt Kostner. Dies erkennt man daran, wenn die Bezeichnung „XTL“ im Wartungsheft oder am Tankdeckel ersichtlich ist oder nachträglich vom Fahrzeughersteller freigegeben worden ist.<BR /><BR /><embed id="dtext86-64341908_quote" /><BR /><BR /><b>Privat-Pkw oder Firmenflotte: Für wen lohnt sich der Umstieg eher?</b><BR />Dazu hat Kostner eine klare Meinung: „Interessant ist HVO sowohl für den Privatkunden als auch für den Firmenkunden. Wir erachten HVO als eine effiziente Möglichkeit, CO2-Emissionen zu reduzieren. Da HVO aktuell auf dem Preisniveau von herkömmlichen Dieseltreibstoff liegt, kann der Umstieg auf HVO für gewerbliche Kunden als langfristige Investition in umweltfreundlichere Betriebsabläufe angesehen werden.“ Bei privaten Kunden gehe es vielfach um eine moralische Verpflichtung der Umwelt und den Nachkommen gegenüber.<BR /><BR /><b>Wie wirkt sich HVO auf die Leistung und Lebensdauer eines Motors aus?</b><BR />HVO neige weniger dazu, Ablagerungen in Motoren zu bilden. „Der Treibstoff verbrennt sauberer als herkömmlicher Diesel und dies soll für geringere Wartungskosten und eine längere Lebensdauer des Motors sorgen.“ Die guten Testergebnisse hinsichtlich der Kaltstart-Eigenschaften zeigen laut Kostner, dass HVO der ideale Treibstoff für kältere Regionen wie Südtirol ist. „Was die Fahreigenschaften angeht, haben wir von einigen Kunden die Rückmeldung bekommen, dass der Motor etwas geschmeidiger laufen soll. Andere erwähnten, dass der Motor etwas lauter sei mit HVO.“<BR /><BR /><b>Ein großes Fragezeichen steht hinter dem Preis: Zu Beginn noch deutlich teurer als herkömmlicher Diesel, kostet HVO nun in etwa gleich viel. Mit welchen Kosten müssen HVO-„Tanker“ in Zukunft rechnen, schließlich ist die Herstellung des Treibstoffs wesentlich aufwändiger?</b><BR />Aktuell übersteige das Angebot die Nachfrage. Zugleich wollen die Mineralölkonzerne das Produkt „pushen“. Zusätzlich gibt es Förderungen über CO2-Zertifikate. Wie lange diese Marktlage anhält, sei ungewiss. Objektiv betrachtet, müsste HVO aufgrund der höheren Kosten bei der Herstellung mehr kosten als fossiler Diesel. Zudem: Mit der Luftfahrt könnte ein großer Nachfrager schon in wenigen Jahren hinzukommen. „Allerdings kann eine Umstellung von herkömmlichem Diesel-Treibstoff auf HVO und umgekehrt fließend erfolgen, weshalb für den Verbraucher keine Nachteile entstehen“, betont Kostner. <BR /><BR /><b>Kann HVO einen wichtigen Beitrag in der Übergangsphase vom Verbrenner zu anderen Antriebsformen darstellen?</b><BR />„Auf jeden Fall.“ HVO gilt nach Einschätzung des Experten als „Brückentechnologie“ auf dem Weg hin zu neuen Antriebstechnologien, vor allem der Elektromobilität.