Seinen Einstand gab er mitten im ersten Lockdown: Die Rede ist von Volksbank-Direktor Alberto Naef. Seither ist aus der Gesundheits- eine Wirtschafts-, aber keine Finanzkrise geworden. Was auf die Regionalbanken noch zukommen könnte und warum er das Glas auch jetzt noch halb voll sieht, erklärt Naef im großen Interview.<BR /><BR /><BR /><i><BR />Von Rainer Hilpold</i><BR /><BR /><b>Herr Naef, fast auf den Tag genau vor einem Jahr haben Sie den Direktorenposten bei der Volksbank übernommen. Mit einem derart turbulenten Verlauf haben Sie bei der Vertragsunterzeichnung wohl nicht gerechnet…</b><BR />Alberto Naef: Natürlich nicht. Den Vertrag habe ich im Februar letzten Jahres unterzeichnet. Damals war noch nicht absehbar, wie sich das Jahr weiter entwickeln würde. Grundsätzlich gehe ich jedoch immer positiv an die Dinge heran, ich versuche, das Glas stets halb voll zu sehen, wie man so schön sagt. <BR /><BR /><b><BR />Ihr Optimismus wird derzeit ja auf eine harte Probe gestellt. Wie wird Südtirol diese Krise meistern?</b><BR />Naef: Bis zum September 2020 hat sich Südtirol sehr gut geschlagen. Dann kam die zweite Welle und der Totalausfall der Wintersaison. Der Bereich Horeca, also Hotels, Restaurants und Cafés/Bars leidet besonders, ebenso Branchen, die direkt mit dem Tourismus zusammenhängen sowie der Sport- und Veranstaltungsbereich sowie Teilbereiche des Handels. Was die Sommersaison des Tourismus angeht, bin ich jedoch guter Dinge, wenn von epidemiologischer Seite nicht böse Überraschungen kommen, wonach es derzeit nicht aussieht. Die Sommermonate könnten auch deshalb gut verlaufen, weil Südtirol ein klassisches Autoreiseziel ist – zumindest für die Gäste aus den Kernmärkten Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48471084_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie bereiten sich also nicht auf eine Pleitewelle in einigen Sektoren vor?</b><BR />Naef: Wir beobachten die Situation natürlich sehr genau, doch eine Pleitewelle erwarte ich mir in Südtirol nicht. Zum von vielen gefürchteten „Big Bang“ wird es meiner Meinung nach nicht kommen. Das BIP ist 2020 zwar um 10 Prozent geschrumpft und das wird sich zeitlich verzögert auf die Kreditsituation der Banken auswirken, weil es wohl zu Firmeninsolvenzen kommen könnte, aber nicht in einem bedrohlichen Ausmaß. Ein wesentlicher und plötzlicher Anstieg der NPL-Ratio, also von faulen Krediten im Portfolio unserer Bank, ist nicht zu befürchten. Indikatoren, die mich darüber hinaus positiv stimmen, sind die weiterhin steigenden Immobilienpreise, ausreichend Liquidität im Markt und die Tatsache, dass selbst in besonders betroffenen Sektoren, wie etwa der Hotellerie, auch aktuell ambitionierte Projekte vorangetrieben werden. Das beweist, dass es ein wachsendes Vertrauen gibt in die Zukunft. <BR /><BR /><BR /><b>Haben die Stundungsangebote den Bereinigungsprozess in einigen Branchen verlangsamt?</b><BR />Naef: Zunächst ja, aber jetzt, wenn die pauschalen Stundungen für Unternehmen nach und nach auslaufen, wird sich der Prozess auch wieder beschleunigen. Stundungen sind immer nur ein Instrument, das zeitlich begrenzt wirksam ist. Wobei wir natürlich weiterhin versuchen werden, gemeinsam mit dem Kunden einen Ausweg zu finden, sofern möglich. Betriebe, die vor der Krise gesund und einigermaßen solide waren, werden diese Krise meistern, davon bin ich überzeugt. So wird es auch bei den Banken auf nationaler Ebene sein: Die meisten werden diese Krise überleben, einige hingegen nicht. Sie werden zu Übernahmekandidaten oder verschwinden vom Markt. <BR /><BR /><BR /><b>Nutzen Sie die Zeit auch dahingehend, um Ausschau zu halten nach potenziellen Akquisitionen?</b><BR />Naef: Wir wissen aus eigener Erfahrung, und zwar von der Übernahme der Banca Popolare di Marostica im Jahr 2015, dass nach einer solchen Operation eine Zeit folgt, in der sich eine Bank sehr mit sich selber beschäftigen muss. Wir möchten das jetzt verhindern und uns eher mit den Veränderungen des Marktes auseinandersetzen. Das ist Aufgabe genug. Nichtsdestotrotz kann ich nicht ausschließen, dass wir in Zukunft wieder Übernahmen erwägen: Vor 20 Jahren war die Volksbank nur in Südtirol tätig, jetzt im Nordosten Italiens, wer weiß, was morgen oder übermorgen kommt? Wichtig ist, dass unsere Werte und die enge Verbindung zu unserem Heimatterritorium erhalten bleiben. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48471085_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie haben das Marktumfeld angesprochen: Mit Standardprodukten wie einem Kontokorrent lässt sich als Bank heute kein Geld mehr verdienen, die Zinsmargen sind aufgrund der anhaltenden Niedrigzinspolitik der EZB im Keller. Wie können Regionalbanken wie die Südtiroler Volksbank in einem solchen Kontext langfristig rentabel arbeiten?</b><BR />Naef: Wir wollen wachsen – nur eben organisch. Durch die höheren Volumina können auch bei niedrigeren Margen die Erträge stabil bleiben. Zudem wollen wir das Provisionsgeschäft stark ausbauen. Aus meiner Sicht müssen wir als Regionalbank vor allem darauf setzen – auf Beratungsleistungen im Zusammenhang mit Mehrwertprodukten, um es etwas buchhalterisch auszudrücken. <BR /><BR /><BR /><b>Alle Regionalbanken sprechen von Beratung, um sich von global agierenden Banken und Fintechs abzugrenzen.</b><BR />Naef: Ich glaube, dass es für 80 bis 90 Prozent der Bankkunden nach wie vor wichtig ist, einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, der sie bei Themen wie Anlage, Vermögen und Versicherung berät. Ich bin auch überzeugt, dass es im Bereich von speziellen Unternehmensfinanzierungen besonders für Klein- und Mittelbetriebe noch gute Wachstumschancen für uns als Bank gibt. Alles Bereiche also, bei denen es nicht um Lösungen von der Stange geht. Das geht nur mit ausreichend qualifiziertem Personal, darum sind für uns auch Filialschließungen kein Thema mehr.<BR /><BR /><BR /><b>Die Zahl der Filialen soll also gleich bleiben?</b><BR />Naef: Genau. Die Rolle der Filialen wird sich noch stärker in Richtung Beratung verändern. Für klassische Bankgeschäfte wie Überweisungen, Daueraufträge oder einen Blick auf den Kontostand sucht kaum noch jemand einen Bankschalter auf. Das wird seit Corona in besonderem Maße über die Bank-App auf dem Smartphone erledigt. Künftig wird es auch so sein, dass es für Unterschriften, etwa im Zusammenhang mit Standardverträgen oder Kontoeröffnungen nicht mehr nötig sein wird, in die Filiale zu kommen. Ganz allgemein hilft uns die Digitalisierung, Prozesse zu verschlanken und Kosten einzusparen, gleichzeitig kommt sie einem großen Wunsch von Kundenseite nach zeitgemäßen und effizienten Lösungen nach. Eine moderne Regionalbank muss beides bieten: Ein gutes Angebot an digitalen Diensten, die rund um die Uhr verfügbar sind und Beratungsleistungen vor Ort. Eine Regionalbank, die dies nicht erfüllen kann, wird es sehr schwer haben. <BR /><BR /><BR /><b>Aktuell liegt der Marktanteil der Volksbank in Südtirol bei 17 Prozent. Sehen Sie da noch Luft nach oben?</b><BR />Naef: Wir peilen 20 Prozent Marktanteil bis zum Jahr 2023 an, das wäre ein Wachstum von insgesamt 20 Prozent. <BR /><BR /><BR /><b>Ein wichtiges Thema sind nicht erst seit der neuen Marschrichtung der EZB, die so genannten ESG-Kriterien. Das heißt, Themen der ökologischen, sozialen und ethischen Verträglichkeit. Inwiefern fließen sie künftig in die Kreditvergabe der Südtiroler Volksbank mit ein?</b><BR />Naef: Wir sind gerade dabei, ein Ratingsystem zu entwickeln, das es uns ermöglicht, Unternehmen und Projekte nach diesen Kriterien zu bewerten. Klar ist, es wird in Zukunft sicherlich schwerer werden, an Finanzierungen von unserer Seite zu kommen, wenn ESG-Kriterien bei Investitionen nicht oder nur unzureichend berücksichtigt werden. Da geht es einerseits um Glaubwürdigkeit, andererseits aber auch um Rentabilität. Wir messen grundsätzlich ESG-verträglichen Projekten eher bessere, längerfristige Erfolgschancen bei, weil wir davon ausgehen, dass sich die Wirtschaft und der Markt insgesamt in diese Richtung entwickeln werden.