Donnerstag, 23. Mai 2019

„Ich tanze auf der roten Linie“

„Keine Geschichte ist es wert, sein Leben aufs Spiel zu setzen“, sagt Rana Sabbagh. Sie leitet ein investigatives Journalistennetzwerk in Jordanien und weiß: „Sonst ist niemand mehr da, der davon berichten könnte.“ Jüngst war sie in Bozen zu Gast. Ein Gespräch über Freiheit, Mut und Gleichberechtigung.

Rana Sabbagh ist überzeugt: Keine Geschichte ist es wert, sein Leben aufs Spiel zu setzen.
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Rana Sabbagh ist überzeugt: Keine Geschichte ist es wert, sein Leben aufs Spiel zu setzen. - Foto: © D

„WIKU“: Sie berichten aus Krisenregionen, veröffentlichen brisante Informationen – als Journalistin in einem arabischen Land. Gehen Sie damit ein hohes Risiko ein?

Rana Sabbagh: Jeden Tag tanze ich auf der roten Linie. Erst heute Morgen habe ich einen Artikel über den Jordanischen Geheimdienst veröffentlicht. Seither habe ich 500 Nachrichten bekommen – von Leuten, die mich angreifen, ich würde meinem Land schaden, und anderen, die sich bedanken, dass ich Fakten aufdecke. Ich versuche immer, mit meiner Arbeit so nah an die Grenzen zu gehen, dass ich dagegen stoße. Dabei achte ich darauf, für alles Belege zu haben. Ich lasse meine Texte auch vor der Veröffentlichung von einem Anwalt prüfen. Jordanien ist nicht Syrien: Unser König hat kein Blut an seinen Händen. Das Land steht aber durch die vielen Konflikte in der Region unter Druck.

„WIKU“: Das war nicht immer so: War Jordanien in Ihrer Jugend liberaler als heute?

Sabbagh: Damals konnte ich mit Shorts und Spaghetti-Trägern auf der Straße Fußball spielen. Keiner hat sich daran gestört. Vieles verdanke ich aber sicherlich dem Einfluss meiner Mutter. Sie kam aus Deutschland und hat mich in der Gewissheit erzogen, dass ich gleich viel wert bin wie meine Brüder. Auch väterlicherseits war meine Familie liberal: Meine Großmutter stammte aus dem Libanon, hat in den 1930er Jahren die Universität besucht. Ihr Vater war 1890 nach Amerika gegangen, um dort Medizin zu studieren. Dass meine Familie so offen war, hat mir sehr geholfen. So viel Freiheit war für viele andere arabische Familien nicht üblich.

„WIKU“: Wie war es, in dieser Atmosphäre aufzuwachsen?

Sabbagh: Es war nicht einfach. Seit 1980 und durch den Einfluss von Saudi-Arabien ist die Gesellschaft stärker durch eine besonders strenge Auslegung des Islam geprägt. Die Interpretation des Islam – der an und für sich eine tolerante Religion ist – durch den Einfluss der Wahhabiten ist extrem. Als ich jung war, trugen nur christliche Frauen in Jordanien Kopftücher, wie man sie auch aus griechischen Dörfern kennt. Muslimische Frauen trugen sie nicht. Nach 1980 ist viel Geld aus Saudi-Arabien geflossen, um die islamische Bewegung zu stärken. Männer, die Bart trugen, Frauen, die sich verschleierten, bekamen Geld. Nun sind es 4 Generationen von Jordaniern, die unter dem Einfluss der Saudis leben. Die politische Instabilität in der Region – zum Beispiel der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern – macht die Leute zusätzlich nervös. Das Land ist nicht mehr das Land, in dem ich aufgewachsen bin. So viel hat sich verändert. Ich sehe nicht mehr aus wie mein Land und mein Land sieht nicht mehr aus wie ich.

„WIKU“: Sie haben es trotzdem geschafft, zu studieren und einen Beruf zu ergreifen. Waren die Widerstände groß?

Sabbagh: Ich war die erste Chefredakteurin einer politischen Zeitung im ganzen Nahen Osten. Alle meine Kollegen und Kontaktpersonen waren Männer. Ich habe ihnen nie das Gefühl gegeben, hinter ihnen zurückzustehen. Wenn sie Quatsch gemacht haben, habe ich mitgelacht. Ich war eine von ihnen, wir sind schließlich alle Menschen. Ich habe mein Haar aber geschlossen getragen, kein Make-up und weite Kleidung. Trotzdem war es nicht einfach. Öfters bin ich sexuell belästigt worden. Manche Männer haben gedacht, weil meine Mutter Deutsche ist, könnte man sich mit mir alles erlauben, ich wäre ja locker. Aber irgendwas in mir hat mir trotz allem immer die Kraft gegeben weiterzumachen.

„WIKU“: Sie sagen, die Gesellschaft macht die Frauen zu Opfern, aber die Frauen tragen auch selbst dazu bei. Wie meinen Sie das?

Sabbagh: Die Frauen denken, weil es nicht akzeptiert ist zu arbeiten, können sie es auch nicht tun. Sie fügen sich, fordern ihre Rechte nicht ein. Viele Frauen denken schlecht von mir, weil ich Karriere gemacht habe. Ich habe 12 Jahre lang für Reuters gearbeitet, da war ich immer unterwegs, habe rund um die Uhr gearbeitet.

„WIKU“: Wie sehen Sie die Gender-Debatte in westlichen Ländern? Sind das Luxusprobleme?

Sabbagh: Nein, für eure Gesellschaften sind das wichtige Themen. Wir sind noch nicht soweit, Gleichberechtigung für Frauen auf allen Ebenen einzufordern. Aber die Generation von heute ist nicht wie meine. Die Globalisierung hat viel verändert. Das Internet hat die Jugend emanzipiert und den Frauen in Jordanien die Welt geöffnet. Auch die Leute, die im Zelt leben, haben Internet am Handy. Sie akzeptieren nicht mehr alles, was meine Generation akzeptiert hat.

Interview: Katrin Niedermair

stol