Donnerstag, 31. August 2017

Igel-Iglus und Kräuter: Obstwiese einmal anders

Nein, Baumreihen sind nicht nur zur Apfelblüte schön. Immer mehr Bauern sehen einen Mehrwert darin, ihre Obstanlagen zu verschönern oder ergänzend zu nutzen.Ein Beispiel geben Hannes Platzgummer mit Vater Elmar und Sohn Jonathan - drei Generationen Obstbau mit Blick fürs Schöne und die Natur.

Drei Generationen Obstbau mit Blick fürs Schöne und die Natur (v.l.): Hannes Platzgummer mit Vater Elmar und Sohn Jonathan vor ihren Jungbäumen
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Drei Generationen Obstbau mit Blick fürs Schöne und die Natur (v.l.): Hannes Platzgummer mit Vater Elmar und Sohn Jonathan vor ihren Jungbäumen

Wenn nicht gerade Blütezeit ist, wird immer wieder über das Landschaftsbild diskutiert, das in Teilen Südtirols von  Baumreihen, Stützsäulen, Hagelnetzen geprägt ist. Auch das Thema der Artenvielfalt, und wie sich diese in Obstanlagen entwickelt, wird häufig hinterfragt. Diverse Studien dazu – u.a. der EURAC –  belegen diese zwar mit Daten und Fakten, aber oftmals ist das „bunte Treiben“ in der Obstwiese bei oberflächlicher Betrachtung nicht ersichtlich.

Es gibt immer mehr Bauern, die zusätzlich neue Ideen entwickeln, um Artenvielfalt in ihren Obstwiesen zu fördern und diese dann in die Tat umsetzen – so beispielsweise die Bauersfamilie Platzgummer vom Lunhof in Latsch. 

Steinmandeln als Zierde?

Wer sich mit dem Bauern zum Gespräch verabredet, sieht sich gleich drei Generationen gegenüber: Bauer Hannes Platzgummer wird von seinem Vater Elmar ebenso begleitet wie von seinem Sohn Jonathan (3). Mit sichtlicher Freude präsentieren sie eine Obstwiese in Hanglage oberhalb des Dorfes, die sie in diesem Jahr neu angelegt haben und nach der integrierten Anbauweise pflegen. Auf rund 4.000 Quadratmetern wachsen hier die Clubäpfel Ambrosia® – und weil diese Äpfel viel Mittagssonne brauchen, prüften die Bauern schon im vorigen Sommer wochenlang genauestens, wie die Sonne um die Mittagszeit steht und wie sich ihr Stand im Lauf der Tage und Wochen vor Erntebeginn verändert.

Das Ergebnis: Die locker angelegten Baumreihen fallen, ganz anders als die umliegenden anderen Bäume, im spitzen Winkel von der Konsortialstraße ab; darüber sind wie in dieser Gegend üblich die Drahtseile als Vorbereitung für Hagelnetze gespannt, entlang der Baumreihe ist Tropfberegnung vorgesehen.

Das Besondere an dieser Obstwiese ist aber ganz etwas Anderes. Wer die Kugelgasse hinaufspaziert, wird am Rand der jungen Obstwiese Steinhaufen entdecken: nach jeder zweiten Baumreihe jeweils einer – insgesamt sind es acht Haufen. Die Gebilde sind etwas höher als einen halben Meter und aus einer Vielzahl von Steinen sorgfältig aufgestockt – das kann kein Zufall sein.

„Es war die Idee meines Vaters“, lacht Hannes Platzgummer, „der hat sich hier eine ganz schöne Fleißaufgabe angetan.“ Aber wie kam er bloß darauf? „Naja, als wir hier den Acker umgegraben haben und den Boden mit dem Grubber aufgelockert haben, kamen eine ganze Menge Steine ans Tageslicht“, erzählt Elmar Platzgummer. „Da war die Frage: bringen wir sie weg oder was könnten wir sonst damit tun? Und so entstand die Idee, Steinmandln draus zu machen.“

 Iglu-Häuser für Igel

Die Steinhaufen sind in Wahrheit kleine Häuschen – innen hohl, kunstfertig aufgeschichtet in Gewölbebautechnik und mit kleinen Eingangsöffnungen. „Hier wäre gedacht, dass sich Kleintiere ansiedeln, zum Beispiel Igel – dann wären das richtige Igel-Iglus... Ob sie dann wirklich drin wohnen, ist schwer zu sagen“, schmunzelt Elmar Platzgummer.
Bei zwei, drei dieser Igel-Iglus sind im Eingangsbereich niedergetretene Gräser zu beobachten. „Kann gut sein, dass sich hier was eingenistet hat“, freut sich Elmar Platzgummer darüber, dass sich die Arbeit gelohnt hat – denn einige Mühe haben die Iglus schon bereitet: „Da ist er schon ein paar Stunden dabei geblieben, bis die Iglus richtig standen und stabil waren“, ergänzt Sohn Hannes.

Steinerne Igel-Iglus und blühende Kräuter zwischen den Obstbäumen: Schön fürs Auge und gut für die natürliche Vielfalt.

Neben den Stein-Iglus fällt noch eine bunte Blütenvielfalt ins Auge, die zwischen den Baumreihen nicht nur leuchtet und duftet, sondern auch summt und brummt: Eine Vielzahl an Schmetterlingen und noch mehr Bienen und Hummeln schwirrt hier in Scharen rund um die teils meterhohen Stauden und ihre Blüten.
Malven-Gewächse, aber auch Dill und allerlei andere Gewürze gedeihen hier und sorgen für bunte Abwechslung zwischen den Jungbäumen und den reifenden Früchten.

Keine Probleme, aber ein bisschen Herzschmerz

Aber: Wie lässt sich all das mit der bäuerlichen Arbeit in der Apfelanlage vereinen? Werden die Stein-Iglus nicht zum Hindernis beim Rangieren mit dem Traktor, die Blüten und Insekten zum Problem im Umgang mit der Baumpflege?

„Im Gegenteil!“ bestätigen Elmar und Hannes Platzgummer. „Gar manche haben uns gesagt: Hier werdet ihr mit Läusen Probleme bekommen und mit anderen Schadinsekten und Tieren. Aber wir stellen fest: Mit Läusen und anderen Schädlingen haben wir überhaupt keine Probleme, und für eventuelle Mäuse ist die Katze da“, sagt Hannes Platzgummer. Elmar ergänzt: „Das Einzige ist, wenn man ab und zu mit dem Traktor hineinfahren muss: Wenn ich die vielen Blüten vor mir sehe und ich weiß, jetzt muss ich drüberfahren, da hat es mir schon im Herzen weh getan.“

Glücklicherweise stehen die Kräuter immer wieder auf, solange die Stängel nicht zu verholzt sind. „Es ist einfach etwas Schönes fürs Auge und auch gut für die Umwelt“, stellt Elmar Platzgummer fest.

Vermutlich wird er sich auch für weitere Neuanlagen etwas Besonderes einfallen lassen. Seine Freude dran hat auch Enkel Jonathan, der die Iglus regelmäßig nach Bewohnern inspiziert – und der es jetzt eilig bekommt und voraus auf den Traktor klettert: „Komm Opa, wir müssen Mulchen!“ 

stol

stol